Einblick mit Irritationen?

Szczepan Twardoch: „Der Boxer“.

Roman. Aus dem Polnischen von Olaf Kühl. Rowohlt Berlin Verlag, Berlin 2018. 463 S., geb., 22,95 [Euro].

Allein schon die unbewohnte Perspektive auf das Leben im Zwischenkriegspolen, das ohnehin im deutschen Geschichtsbild viel zu wenig präsent ist, macht das Buch reizvoll. Der Klappentext klingt nicht uninteressant:

Jakub Shapiro ist ein hoffnungsvoller junger Boxer und überhaupt sehr talentiert. Das erkennt auch der mächtige Warschauer Unterweltpate Kaplica, der Shapiro zu seinem Vertrauten macht. Doch rechte Putschpläne gegen die polnische Regierung bringen das Imperium Kaplicas in Bedrängnis; er kommt in Haft, als ihm ein politischer Mord angehängt wird. Im Schatten dieser Ereignisse bricht ein regelrechter Krieg der Unterwelt los. Jakub Shapiro muss die Dinge in die Hand nehmen: Er geht gegen Feinde wie Verräter vor, beginnt – aus Leidenschaft und Kalkül – eine fatale Affäre mit der Tochter des Staatsanwalts, muss zugleich seine Frau und Kinder vor dem anschwellenden Hass schützen – und nimmt immer mehr die Rolle des Paten ein.

Der Aufstieg eines Verbrecherhelden zwischen Gewalt, Eleganz und Laster, seine Verletzlichkeit als Jude im Vorkriegs-Warschau: «Der Boxer» ist grandios angelegt und fast filmisch erzählt, ein Panorama mit Sportlern und Schurken, einem Mann mit zwei Gesichtern, glamourösen Huren und charismatischen Gangstern. Ein überragender, thrillerhafter Roman, der eine eruptive Epoche geradezu körperlich erlebbar macht.

Klappentexte klingen allerdings immer gut, was also schreiben die Rezensenten?

1987 sitzt Mojzesz Bernstein in Israel und schreibt seine Erinnerungen auf an die Zeit vor fünfzig Jahren, an das Jahr 1937, als er als Siebzehnjähriger in Warschau den Boxer Shapiro kennenlernt. Dieses erste Treffen ist kein angenehmes, denn Shapiro kommt im Auftrag des Paten, um an Mojzesz‘ Vater ein grausames und tödliches Exempel zu statuieren, da der seine Schulden nicht zahlen kann.

So beginnt die Rezension von Marcus Kufner auf Bücherkaffee. Sein Fazit:

Mit „Der Boxer“ ist Szczepan Twardoch ein starkes Stück Literatur gelungen. Wie er seine Akteure in die gesellschaftlichen und politischen Umstände einbindet und daraus ein schonungsloses und intensives Gangsterdrama komponiert, hat mich begeistert.

Marta Kijowska beginnt in der FAZ mit dem Boxkampf, dem der Roman seinen deutschen Titel verdankt:

Warschau im Jahr 1937. Im Saal des städtischen Kinos gehen die Box-Meisterschaften zwischen dem polnischen Sportklub Legia und dem jüdischen Klub Makkabi zu Ende. Der Gewinner in der Schwergewichtklasse ist „ein großer, gutaussehender Jude mit breiten Schultern und dem mächtigen Rücken eines makkabäischen Kämpfers“: Jakub Shapiro, das Idol der jüdischen Zuschauer. Irgendwo unter ihnen sitzt der siebzehnjährige Mojsche Bernstein, der seine Eintrittskarte von Shapiro persönlich bekommen hat und ihm nun zusammen mit allen anderen begeistert applaudiert. An sich nichts Ungewöhnliches, wäre da nicht ein schockierendes Detail, das der Leser auch gleich zu Beginn dieser ersten Szene des Romans erfährt: Mojsche ist der Sohn von Naum Bernstein, den Shapiro zwei Tage zuvor umgebracht hat.

Er ist auch der Erzähler in Szczepan Twardochs Buch, das auf Deutsch „Der Boxer“, im polnischen Original „Der König“ heißt und eine Mischung aus schwarzem Krimi, Gangsterroman und historischer Phantasie mit authentischen Elementen ist. Letzteres gilt sowohl für Ereignisse als auch für Personen, und zwar auf beiden Ebenen der Handlung – der höheren, politischen, wo eine rechte Gruppierung um den Marschall Rydz-Smigly, den Nachfolger des 1935 verstorbenen Jozef Pilsudski, einen Putsch plant. Und der niedrigeren, die sich mit der anderen vermischt, sonst aber sehr spezifische Regeln befolgt.

Ihr Fazit:

Dem Leser überlassen bleibt die Antwort auf die Frage, wer der wahre Erzähler dieses Romans ist: Wirklich der siebzehnjährige Mojsche Bernstein, den Shapiro unter seine Fittiche genommen hat, beziehungsweise seine spätere Ausgabe, General Aluf Mosche Inbar, der gegen die Araber im Nahen Osten kämpfte und nun in seiner Tel Aviver Wohnung seine Erinnerungen aufschreibt? Wenn ja, was bedeutet der Satz: „Aber vielleicht hat es mich gar nicht gegeben“? Und wer ist diese Frau, die ihn zwar verlassen hat, trotzdem aber immer wieder in seiner Wohnung auftaucht und Dinge sagt wie: „Können wir endlich dieses Märchen lassen, das du dir da ausgedacht hast, Jakub?“ Der Leser wird bei der Suche nach der Antwort genauso viel Spaß haben wie bei der Lektüre dieses nicht immer wahrheitsgetreuen und manchmal durch zu viele Vulgarismen irritierenden, alles in allem aber hochspannenden Romans haben.

Können zu viele Vulgarismen heutzutage irritieren? Hindert es Leser, sich auf den Roman einzulassen? Olga Hochweis fasst ihre Kritik im Deutschlandradio so zusammen:

Der Roman liest sich spektakulär, in einer virtuosen Sprache und einfallsreich konstruiert – und lässt einen doch über weite Strecken merkwürdig ungerührt. Trotz der tragischen Schicksale und genau recherchierter historischer Umstände wirkt vieles in diesem Roman wie eine hohle Filmkulisse. Besonders holzschnittartig geraten Twardoch die Frauenfiguren, ob sie im Bordell arbeiten oder der Jeunesse dorée Warschaus angehören. Man hätte sich statt greller Farben und inhaltlicher „Knaller“ mehr Tiefe und Differenzierung gewünscht.

Nach diesem kleinen Blick in die Renzensionen sollte man eigentlich zu dem Buch greifen, wenn man an der vergangenen Welt dieser Zeit nicht völlig desinteressiert ist.

Leseprobe

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