„Schnauze in der Platte!“

Erst zogen Roma-Familien in die Plattenbauten im Hallenser Stadtteil Silberhöhe. Dann störten sich manche Nachbarn an vermehrtem Müll und Lärm und beklagten Pöbeleien. In einer facebook-Gruppe machten sie ihrem Unmut Luft und lockten damit manchen dumpfen Geist, sich mit einfachen Parolen wie „Roma raus“ zu Wort zu meldeten oder die Zuwanderer als „Viehzeug“ titulierten. Rechtsextreme witterten einen idealen Anknüpfungspunkt und mischten mit. An Hauswänden tauchten plötzlich entsprechende Parolen auf. Um Missverständnissen vorzubeugen, auch mit SS-Runen geschrieben. Nun plötzlich interessierten sich Öffentlichkeit und Stadtverwaltung. Jetzt galt es Rassismus, Antiziganismus, Ausländerfeindlichkeit und Rechtsextremismus zu bekämpfen. Ob der ursprüngliche Unmut einiger Silberhöhe-Bewohner gerechtfertigt ist, spielt nun keine Rolle mehr. Auch leise Kritik an den Roma würde jetzt schließlich den Rassisten Vorschub leisten. Die Antifa forderte stattdessen bei einer Demonstration durch die Silberhöhe: „fremdenfeindliche Spießbürger zwangsumsiedeln“.

 

Der rauhe Ton der Antifa-Aktivisten hat sogar ihre Bündnispartner abgeschreckt. Er sei „tendenziell menschenverachtend“, distanzierten sich die auch im „Bündnis gegen Rechts“ aktiven Grünen von dem Demonstrationsaufruf. In diesem Text finden sich viele schöne Beispiele für das Antifa-Weltbild. So halten sie die alteingesessenen Bewohner der Silberhöhe für „eine widerwärtige Gemeinschaft, die mit ihrer sich in Antiziganismus artikulierenden Fremdenfeindlichkeit eine Projektionsfläche für das eigene gescheiterte Leben voller Elend und Langeweile sucht“.

Auch der Ton, in dem die Vorgeschichte der Spannungen erzählt wird, ist erhellend: „Die Hetze gegen Roma, die Beschwerden über angebliche Müllberge und die herbeihalluzinierte Angst vor Kriminalität, dienen vor allem als Vorwand um aus der täglichen Lethargie und Langeweile des Plattenbaulebens auszubrechen und sich an den neuen Mitbewohner_innen abreagieren zu können. Denn zweifellos wäre es einfacher einzelne Müllfetzen aufzuheben und in der nächsten Mülltonne zu entsorgen, statt sie abzufotografieren, mit der Internetgemeinde zu teilen, eine Petition zu schreiben, Pläne zur Gründung einer Bürger_innenwehr zu entwerfen und alle zwei Stunden auf Facebook nachzulesen ob Sandra, Jens oder Rolf aus dem Nachbarblock einen neuen Kommentar geschrieben haben. Überraschend ist auch das Verhalten in der Gruppe. Von Rassismus und Antiziganismus wird sich natürlich losgesagt, dementsprechend eindeutige Kommentare werden sogar gelöscht, auch wenn die Autor_innen nicht aus der Gruppe verwiesen werden. Denn die Rädelsführer_innen, wissen sie sich als gute Demokrat_innen ins Volksempfinden einzufügen und sind ja nur darauf bedacht ihre Heimat sauber zu halten. Darin wird der spießbürgerliche Neid deutlich, den die Bewohner der Silberhöhe auf die Roma haben. Immer wenn sich eine Gruppe findet, die in irgendeiner Form eine Gemeinschaft darstellt zu der die Bewohner_innen nicht gehören, rotten sie sich in einem Mob zusammen, der die eigene auf Fremdenfeindlichkeit beruhende Gemeinschaft verteidigen will. Das wird natürlich nicht gezeigt, doch wenn Roma sich am Straßenrand in der Silberhöhe unterhalten, wie es beispielsweise für Studierende in der Innenstadt Nachts Gang und Gäbe ist, fühlt sich die sonst vor ihren Fernsehgeräten sitzenden abgestumpften Plattenbewohner_innen in ihrem beschränkten Alltagsleben gestört“.(Der vollständige Wortlaut hier)

Dem so erlesen formulierten Demonstrationsaufruf folgten am 9. August nach Pressezählungen 85 Aktivisten. Zu einer Gegendemonstration versammelten sich circa 100 Menschen, zum Teil Rechtsextreme, aber mehrheitlich die „abgestumpften Plattenbewohner“. Auch hier kam es zu „Roma raus“-Rufen, Ermittlungen wegen Volksverhetzung wurden eingeleitet. Der eskalierende Streit hat etwas Bizarres. Natürlich gibt es dumpfes Spießertum und es gibt aktive Rechtsextreme. Aber es gibt vielerorts auch Probleme, wenn sich Roma in größerer Zahl in einem Viertel ansiedeln. Und aus Angst, in der rechten Ecke zu landen, werden diese Probleme von Verantwortlichen lieber so lange wie möglich ignoriert. Wenn statt sachlicher Kritik und verhaltenem Unmut dann wütender Hass laut wird und sich tatsächlich die Rechtsextremen äußern oder manche in ihrer Wut zu rechtsextremen Hassparolen greifen, fühlen sich die Zauderer in ihrer Angst bestätigt. Ein bizarrer Teufelskreis.

Die Lokalpresse berichtete seit Mitte Juli auch meist nur von der Hetze gegen Roma und dem nötigen Eingreifen gegen die Hetzer. Doch es gibt Ausnahmen. Detlef Färber und Oliver Müller-Lorey haben sich für die Mitteldeutsche Zeitung in den Süden von Halle begeben, um die Situation auf der Silberhöhe möglichst vorurteilsfrei zu beschreiben. (vollständig hier)

Sie sind bei einer Roma-Familie – ursprünglich aus Rumänen – die jetzt aber aus Spanien nach Halle gezogen ist, weil ihr die Wirtschaftskrise in Spanien keine Chance mehr bietet. Die Wohnung haben sie selbst renoviert. Sie ist in bestem Zustand. Keine Spur von Verwahrlosung, wie sie dem deutschen Fernsehzuschauer von den Bildern aus manchen sogenannten Roma-Häusern in anderen Städten bekannt ist. Aber wie in jeder Gruppe gibt es auch unter den Roma große Unterschiede. Ungefähr 60 von ihnen sind in den letzten drei Monaten nach Halle-Silberhöhe gezogen. Wieviele es in den letzten neun Monaten waren, lässt sich nur ahnen, denn erfasst wird nirgends, ob es sich bei Zuzüglern aus Rumänien und Bulgarien um Roma handelt oder nicht.

Die Wohnungsgesellschaft zählte Ende 2012 insgesamt acht Mieter aus den beiden Ländern – heute sind es 170. Und einige von denen bereiten den Nachbarn Kopfschmerzen. Die Reporter der Mitteldeutschen Zeitung haben auch diese Silberhöhe-Bewohner getroffen. Da ist beispielsweise die Altenpflegerin Uta Neumann, die sich ungerechterweise in die rechte Ecke gedrängt sieht. „Was wir sagen, hat alles absolut nichts mit Rassismus zu tun“, sagt sie und verweist darauf, dass die Gruppe versucht hat, darauf zu achten, dass Rechtsextreme möglichst keinen Zugang bekommen.

Walter Probst hat wie Uta Neumann und etliche andere Mieter eine Beschwerde an den Vermieter unterschrieben. Es geht um Ruhestörung und Sachbeschädigung. Die neuen Nachbarn würden sich bis in die Nacht von Fenster zu Fenster oder unten vor den Haustüren mit lauten Zurufen unterhalten.

Außerdem würde mehr Müll herumliegen und es sei so manches aus den Kellern entwendet worden.

Fremdenfeindlichkeit will sich Probst nicht vorwerfen lassen: „Ich akzeptiere jeden, der kommt“, sagt er den Zeitungsreportern und es habe ja auch „eine jahrelange gute Nachbarschaft mit Vietnamesen, Russen und Afrikanern aus verschiedenen Ländern“ gegeben.

Der naheliegende Supermarkt hat die Zahl seiner Detektive kürzlich verdoppelt. Aber vorsorglich, denn noch könne keiner sagen, ob die Zahl der Diebstähle zugenommen habe. Die Polizei sah sich allerdings schon bemüßigt, zu erklären, dass es keinen Anstieg an Delikten gegeben habe. Aber nicht jeder kleine Diebstahl kommt zur Anzeige.

Doch inzwischen wird nach Fakten kaum noch gefragt, denn vielen – gerade außerhalb der Silberhöhe – ist das Verhältnis zu den Roma nur noch eine Gesinnungsfrage. Für das Bündnis „Halle gegen Rechts“ gibt es gegenüber den Zuzüglern nur Vorurteile und die werden in einer entsprechenden Handreichung einfach als „widerlegt“ erklärt (mehr hier). Damit werden nicht nur vorhandene Probleme ignoriert und die Alteingesessenen, die Probleme mit den neuen Nachbarn haben, pauschal verurteilt. Vor allem findet sich so kein Weg zu einer Lösung. Sinnvoller wäre es, zunächst die Probleme anzuschauen: Gibt es beispielsweise vermehrt Müll, sollte sich jemand darum kümmern: Zum einen, zu schauen, wo er herkommt und dass er wieder wegkommt. Und dann sollte der Verursacher – egal woher er kommt – zur Verantwortung gezogen werden. Das macht Arbeit, das kostet Geld und ist auch nicht angenehm. Einfacher ist es, zu sagen, es gäbe nicht mehr Müll. Andere verweisen hingegen darauf, dass es das Müllproblem schon vor dem Zuzug der Roma gegeben habe. Aber das lässt sich doch klären, wenn man will.

Ein grundlegendes Problem ist aber, dass die meisten der Zugezogenen kaum Deutsch oder Englisch sprechen und sich so nicht einmal mit den Nachbarn verständigen können. Dass das Komplikationen geben kann, hätte der Großvermieter schon bei Abschluss der Mietverträge wissen können. Jetzt hat die Wohnungsgesellschaft nun gehandelt und eine Rumänisch-Dolmetscherin für ihr Büro in der Silberhöhe eingestellt. Und die Stadt? Die Integrationsbeauftragte der Stadt prüfe gegenwärtig Möglichkeiten, die Lebenssituationen hier lebender Ausländer zu verbessern, ließ der Rathaussprecher verlauten.

 

Und zu den Roma hier noch ein Literaturtip. Das Buch ist – entgegen mancher veröffentlichten Kritik – aus echter Nähe und Zuneigung zu diesem Volk geschrieben. Doch um das zu erkennen, muss man es lesen.

ROLF BAUERDICK

Zigeuner, Begegnungen mit einem ungeliebten Volk

352 Seiten,13,5 x 21,5 cm, ISBN:978-3-421-04544-7, € 22,99 [D], € 23,70 [A], CHF 32,90, Verlag:DVA Sachbuch

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