Berichtet die Polizei mehr als der Presserat erlaubt?

Die deutsche Polizei tut zu viel. Das ist sicher ein Vorwurf, den die überlasteten Ordnungshüter heutzutage eher selten hören, aber in einem Bereich ist genau das offenbar der Fall. Die Polizeipressestellen veröffentlichen mehr, als der Presserat erlauben will. Der möchte bekanntlich, trotz der Kritik vieler Medienkonsumenten, weiterhin seinen Pressekodex durchsetzen, also vor allem den Punkt 12.1, in dem die Redaktionen angehalten werden, möglichst nicht die Herkunft von Straftätern oder Verdächtigen zu nennen.

Während sich die deutsche Presse weitgehend an dieses Schweige-Gelübde hält, tun es die Polizeipressestellen nach dem Geschmack mancher redaktioneller Tugendwächter nicht hinreichend.

Das wiederum empört Manfred Protze, den Sprecher des Deutschen Presserates, der dazu ein paar erhellende Aussagen auf der Jahrespressekonferenz vor zwei Wochen gemacht hat. Die sind nicht nur tagesaktuell und verdienen deshalb noch einmal gewürdigt zu werden. Dankenswerterweise hat Daniel Bouhs, der als Journalist u.a. für NDR und Deutschlandradio arbeitet, diese Rede nicht nur aufgezeichnet, sondern auch transkribiert und zum Nachlesen ins Netz gestellt. Genau diese Transparenz, also die Möglichkeit offizielle Informationen auch direkt aus der Quelle zu beziehen, bieten auch viele Pressestellen, indem sie ihre Mitteilungen im Internet anbieten. Das machen auch die meisten Polizeibehörden und informieren damit offenbar mehr, als der Presserat erlauben will, folgt man dem Presserats-Sprecher Protze:

Früher hatte die Polizei-Pressestelle die Rolle eines Zulieferers für die klassischen Medien und die Medien haben in eigener Verantwortung, nach eigenen Kriterien die Auswahl der von den Behörden zur Verfügung gestellten Informationen getroffen. Die heutige Veröffentlichungspraxis der Behörden und der Polizeidienststellen vor allen Dingen ist so, dass sie direkt die Konsumenten erreichen und nicht mehr allein über den Weg der Redaktionen.“

Damit wird natürlich sichtbar, welche Informationen die Redakteure nicht übermitteln wollen, obwohl sie vorliegen. Protze weiter:

„Daraus resultieren dann — notwendigerweise und unvermeidbar — Fragen von den Konsumenten, vom Publikum an die Redaktionen, also: Die Polizei gibt diese Details bekannt, die veröffentlicht ihr nicht. Es gibt Gruppen, die daraus den Schluss ziehen, diese Praxis der Auswahl von Detailinformationen widerspreche dem Wahrhaftigkeitsgebot nach Ziffer 1 des Kodex. Polemisch wird das auch gelegentlich als “Lügenpresse” zusammengefasst.

Dazu muss man sagen: Erstens ist die Aufgabe von Journalismus eh und je die Selektion, die Auswahl von Informationen gewesen und nicht die Abbildung aller verfügbaren Informationen eins zu eins. Wenn wir das täten, brauchten wir die Medien nicht. Wir haben immer ausgewählt nach Bedeutung und das durchaus unterschiedlich in aller Freiheit, aber eben ausgewählt.“

Der Unterschied zwischen Journalisten und Propagandisten

Dass Journalisten nicht einfach nur Informationen eins zu eins abbilden, ist natürlich eine Binsenweisheit, der niemand ernsthaft widersprechen kann. Nur sollte das Auswählen, Gewichten und Ordnen der Fakten dem besseren Verständnis und größerer Klarheit durch eine möglichst wirklichkeitsnahe sowie verständliche Berichterstattung dienen und nicht der Volkserziehung. Das ist der Unterschied zwischen Journalisten und Propagandisten. Erstere stört es auch nicht, wenn die von ihnen als weniger relevant aussortierten Informationen für ihre interessierten Leser, Hörer oder Zuschauer trotzdem auf anderem Wege zugänglich sind. Im Gegenteil, da verweist man auch gern auf weiterführende Quellen. Wen es stört, dass Medienkonsumenten eigene Informationszugänge haben, folgt dann vielleicht beim Aussortieren eher dem Geist der Zensur und des Verschweigens.

Hört sich das zu böse an? Sollten wir lieber von betreuendem Journalismus sprechen? Dazu würde passen, was sich Herr Protze als Umgang mit Lesern vorstellt, die bestimmte Informationen in journalistischen Qualitätsprodukten vermissen:

„Hilfreich ist es nach meiner Ansicht, wenn wir da, wo Fragen kommen, sie auch beantworten, das heißt, offen damit umgehen und den Leserinnen und Lesern erläutern, aus welchen Gründen wir bestimmte Informationen in bestimmten Kontexten nicht für so wichtig halten, dass wir sie erwähnen müssten und ihnen auch im Zweifelsfall sagen, dass wir damit den Anforderungen der Ziffer 12 gerecht werden und niemanden ohne Not in Mithaftung nehmen wollen. Das [ist] der eine Punkt. Und der andere Punkt ist, denke ich, ganz klar: Die Presse hat ihre Ethik in selbstverantwortlicher Weise eigenständig zu formulieren und umzusetzen. Sie lässt sich mit Sicherheit nicht diese Ethik von Dritten vorgeben. Das bedeutet auch: Die Maßstäbe, die in Polizei Pressestellen gelten sind nicht verbindlich für die Redaktion.“

Nun, selbstverständlich legen Pressestellen nicht die ethischen Regeln von Redaktionen fest. Aber sie sind Dienstleister und liefern als solche ohnehin immer mehr Informationen, als Verwendung finden. Interessanterweise hat sich bei keinem anderen Thema mal ein Presse-Verbandsvertreter darüber beschwert, die Pressestellen würden zu viel informieren. Die meisten Medienkonsumenten würden nie auf die Idee kommen, sich selbst mit den meist eher spröde formulierten Texten behördlicher Mitteilungen zu beschäftigen, wenn sie sich denn von den Journalisten, deren Dienste sie bisher in Anspruch nahmen, hinreichend informiert fühlten.

Verschweigen ohne Verantwortung

Doch im Falle des Pressekodex-Punktes 12.1 wollen manche Redaktionen offenbar nicht einmal selbst fürs Verschweigen verantwortlich gemacht werden können, sondern sie wünschen sich offenbar, dass das Beamte für sie übernehmen. Welch ein Irrsinns-Gedanke das doch eigentlich für einen Journalisten sein muss, der sein Berufsethos ernst nimmt. Aber die grassierende Flucht vor Verantwortung in die organisierte Verantwortungslosigkeit lässt wahrscheinlich keinen Lebensbereich aus.

Außerdem jongliert der Presserats-Sprecher hier schon mit einer merkwürdigen Weltsicht, wenn er suggeriert, die Polizei würde mit unregulierten Informationen die regelkonforme Pressekodex-Berichterstattung unterminieren. Marcus da Gloria Martins, Pressesprecher der Münchner Polizei, konterte daher jüngst auch in einem Interview mit MEEDIA:

„Das hört sich jetzt so an, als ob wir weniger Kontrollen unterworfen wären. Das sehe ich genau anders herum. Wenn Sie sich die Arbeit einer Behörde ansehen, dann sind wir in allen Belangen jederzeit kontrollierbar – auch durch die Kontrollinstanzen, die der Gesetzgeber vorgeschrieben hat. Allein beim Datenschutz gelten für uns Regeln in einer Intensität und Tiefe, die für Nicht-Behörden nicht vergleichbar sind. Das heißt: Unsere Arbeit ist um ein Vielfaches kontrollierbarer und – das ist besonders wichtig – auch sanktionierbarer. Bei einem Verstoß gegen den Pressekodex handelt sich ein Medienunternehmen schlimmstenfalls eine Rüge des Presserates ein.“

Ob den Freunden betreuender Berichterstattung bei ihrer Kritik an zu viel Polizeiinformationen schon einmal der Gedanke gekommen ist, dass diese für die Ermittler bei der Zeugen-Suche wichtig sein könnten? Neben der Einhaltung guter Gesinnungsregeln müssen sich die Beamten nämlich auch noch um die Verfolgung von Straftätern kümmern. Da kann es mitunter hilfreich sein, eine möglichst genaue Täterbeschreibung zu publizieren. Dabei wäre es äußerst unpraktisch, beispielsweise das Merkmal Hautfarbe nur aus Gründen des ideologischen Geschmacks unerwähnt zu lassen.

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