Mit der Schusswaffe gegen die Langeweile

Manchmal sind es ja die kleinen Meldungen, die zeigen, wie sehr Deutschland, das ja geraume Zeit als eher langweiliges Land galt, in den letzten Jahren an Erlebnisreichtum gewonnen hat. Nehmen wir beispielsweise Bahnfahrten. Nein, hier soll jetzt nicht billig gekalauert werden, dass ja früher fast alle Züge pünktlich fuhren und man heute schon nach wenigen Schneeflocken, nassem Laub auf den Gleisen, stärkerem Wind, angeblichen oder tatsächlichen Polizei- und Notarzteinsätzen, Weichenstörung, Signalstörung, Schäden am Zug, fehlendem Personal oder einfach nur wegen „Störungen im Betriebsablauf“ (für Nicht-Bahnreisende: O-Ton Bahnhofsansage) mit Reise- und Wartezeiten überrascht wird, die die Älteren vielleicht noch aus Großmutters Erzählungen über die Zustände kurz nach dem Krieg kennen. Nur die früheren Bewohner der DDR können noch mit deutlich frischeren Erinnerungen an ein vergleichbares Chaos aufwarten.

Aber darum geht es jetzt nicht. Noch sind es deutsche Bahnreisende schließlich trotz alledem gewöhnt, letztlich doch sicher am Zielort anzukommen ohne auf der Fahrt allzu großen Aufregungen ausgesetzt zu sein. Langweilig eben. Doch inzwischen gehört auch das Abenteuer zu Deutschland. Dass Mitreisende im Osterverkehr plötzlich eine Schusswaffe ziehen, um den Schaffner von der Sinnlosigkeit einer Fahrkartenkontrolle zu überzeugen, das kannten deutsche Bahnkunden vielleicht aus alten Western. Doch inzwischen wurden zahlreiche Fachleute für die Erzeugung spannender Momente im Alltagsleben in unser Land eingeladen, so dass eine derartige kurzweilige Einlage, wie die, von der am Ostermontag berichtet wurde, durchaus häufiger die bislang monotonen Bahnfahrten auflockern könnte.

Wir lesen in rp-online: „Ein betrunkener 31-Jähriger hat in einem ICE von Hamm nach Hannover eine Schusswaffe aus seiner Tasche geholt, durchgeladen und gedroht. Der Kirgise besaß zudem keinen Fahrschein und ist gegen den Zugbegleiter aggressiv geworden.“

Falls Sie nun fürchten sollten, es handele sich um einen kirgisischen Touristen oder Geschäftsreisenden, der bald wieder daheim in Kirgistan weilt und uns nicht mehr mit seinem anregenden Reise-Brauchtum bereichert, so ist Ihre Angst vollkommen unbegründet. Der Mann hat das Angebot, seinen Wohnsitz in einer deutschen Stadt zu nehmen, nicht ausgeschlagen. Es muss auch niemand fürchten, dass der unterhaltsame Kirgise nun weggesperrt und den Deutschen damit sein auflockerndes Treiben künftig vorenthalten würde. Beruhigend heißt es in der Meldung:

„Der Mann aus Viersen am Niederrhein sei wegen diverser Gewaltdelikte polizeibekannt, er sei jedoch wieder auf freiem Fuß.“

Die deutsche Politik ist ja bekanntlich umsichtig genug, dafür zu sorgen, dass die Polizei auf solch gute Bekannte nicht verzichten muss. Wer wird so kleinlich sein, und einen Mann, der sich um die Unterhaltung deutscher Bahnreisender kümmert, nur wegen „diverser Gewaltdelikte“ ins wilde Kirgistan abzuschieben. Es war schließlich alles nur ein Spaß, denn bei der Waffe handelte es sich um eine Schreckschusspistole, wie die Bundespolizei feststellen konnte, nachdem einige Beamte den Mann überwältigt hatten. Gegen ihn wird nun zwar wegen des Verstoßes gegen das Waffengesetz und des Erschleichens von Leistungen ermittelt, aber das muss Freunde abenteuerlicher Bahnreisefolklore nicht beunruhigen. Diese Ermittlungen werden sicher ebenso wenig wie die bisherigen „diversen Gewaltdelikte“ dazu führen, dass der Mann zwangsweise aus dem Bahnverkehr gezogen wird. Und das Land, in dem wir gut und gerne leben, wird auch künftig nicht auf ihn und seinesgleichen verzichten müssen.

4 Kommentare

  1. Rolf Müller

    Der Optimist lernt Chinesisch,
    der Pessimist lernt Arabisch,
    der Realist lernt Schießen!
    R.M.

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  2. Serge Kirchhofer

    Es heißt Ladehemmung! Strohdoof.

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    1. Emmanuel Precht

      Abgesehen von der Flüchtigkeit, haben Sie schon verstanden worum es geht?

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  3. Emmanuel Precht

    Vor einiger Zeit gab es einen Vorfall über den die lokale Presse hier in Turksburg-Mürxlüh berichtete. Es war noch vor der großen Nichtschließung der Grenzen und will aufzeigen, dass es sich durchaus in der Tradition der Gutintegrierten reiht.

    Vom Fenster aus konnte ich beobachten wie der turkstämmige Bäcker seinem Vermieter eine Kugel in den Kopf schoss, da dieser ihm den Strom mangels Bezahlung abgedreht hatte und der Bäcker deshalb in seiner Tätigkeit eingeschränkt war. Die restlichen anwesenden Familienmitglieder verdanken ihr Leben der Ladehämmung der Pistole. Technische Defekte können Leben retten.
    Wohlan…

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