Der Klassenkampf in Naikas Welt

Prof. Dr. Naika Foroutan gehört in Sachen Zuwanderung zur amtlich anerkannten Wissenschaftselite. Die stellvertretende Institutsdirektorin des Berliner Instituts für empirische Integrations-und Migrationsforschung (BIM) ist dort auch die Leiterin des Arbeitsbereichs „Integrationsforschung und Gesellschaftspolitik“ und kann deshalb gesellschaftliche Vorgänge viel fundierter erklären, als es die Betroffenen überhaupt erahnen können. Es gibt nämlich viel mehr Migranten im Lande, als die meisten ahnen. Millionen tarnen sich gar als patriotische Deutsche, um davon abzulenken, dass sie eigentlich auch nur Dazugekommene sind, die sich nicht nur genauso wie Murat, Mohammed und Meryem verhalten, sondern in der Foroutanschen Weltordnung sozial auch eher zu jenen gehören, als zu solchen Deutschen, auf deren Pass auch schon vor 1989 der Bundesadler prangte. Die in Boppard geborene Sozialwissenschaftlerin – ihre Arbeitsschwerpunkte sind Empirische Migrations- und Integrationsforschung sowie Hybriditäts- und Identitätstheorien – hat herausgefunden:

Ostdeutsche sind irgendwie auch Migranten: Migranten haben ihr Land verlassen, Ostdeutsche wurden von ihrem Land verlassen. Das setzt ähnliche Prozesse in Gang, beispielsweise die Verschönerung der Erinnerung. Dieses Festhalten an einer idealisierten Vergangenheit haben wir auch bei vielen Migranten. Auch die Erfahrung, sich für seine Herkunft zu schämen. Die Ankunft ist auch deswegen erschwert, weil die Anerkennung fehlt.“

Dieser Geistesblitz einer deutschen Elitewissenschaftlerin muss so ein früherer Insasse des SED-Staats, wie der Autor dieser Zeilen, erst einmal verdauen. „Ostdeutsche wurden von ihrem Land verlassen“? Vielleicht ist es dem Umstand geschuldet, dass sich die junge Naika gerade auf ihren 18. Geburtstag vorbereitete, als die DDR-Bewohner dabei waren, die Diktatur in ihrem Staat abzuschaffen, so dass ihr entgangen sein mag, dass sich die Ostdeutschen hernach in einer souveränen demokratischen Entscheidung dieses Staates ganz entledigten, um die Teilung ihres Landes zu beenden.

Dass die anschließenden Umbrüche und Krisen in vielen Lebensläufen mit einem nostalgisch verklärten Blick auf die Vergangenheit einhergingen, ist natürlich richtig, aber diese Gemeinsamkeit macht aus Ossis ebenso wenig Migranten, wie der Umstand, dass die meisten sächsischen Bäcker ebenso früh aufstehen, wie ihre türkischen Kollegen. Zumal die Behauptung, dass sich Migranten und Ossis gemeinsam ihrer jeweiligen Herkunft schämen würden, einigermaßen skurril wirkt, angesichts der Bilder selbstbewusster Sachsen, bzw. jener von der hiesigen Gefolgschaft des neo-osmanischen Herrschers in Ankara unter einem Meer aus türkischen Halbmondflaggen.

Aber ich bin ja nicht so wissenschaftlich objektiv wie Professorin Foroutan, sondern will vielleicht nur nicht anerkennen, dass ich ein Migrant im eigenen Land zu sein habe, der an seiner Integration arbeiten sollte. Also lauschen wir doch lieber den Weisheiten der Wissenschaftlerin, die sie mit uns in einem Interview der taz teilte:

Sehr viele Erfahrungen, die Ostdeutsche machen, ähneln den Erfahrungen von migrantischen Personen in diesem Land. Dazu gehören Heimatverlust, vergangene Sehnsuchtsorte, Fremdheitsgefühle und Abwertungserfahrungen. Mich irritiert, dass darüber bis jetzt nicht gesprochen wird.“

Es wäre jetzt sicher despektierlich, darauf hinzuweisen, dass sich bei einigen Menschen, die schon länger hier leben (dazu gehören die Ossis ja nun doch irgendwie, oder?), Fremdheitsgefühle auch deshalb entwickeln, weil ihnen ungefragt, in zu kurzer Zeit zu viele solcher Fremden ins eigene Soziotop gepflanzt wurden, die den Anspruch erheben, die ungewollten Gastgeber hätten ihre importierten Regeln zu achten. Der Hinweis, dass das in solchen Fällen nicht nur Ossis so geht, führt sicherlich zu weit. Auch für die Anmerkung, dass diese Fremdheitsgefühlsentwickler deshalb nicht zwingend Fremdenfeinde sind, weil sie die Fremden, die sich produktiv einbringen und von den Gastgebern keine Änderung ihres Lebensstils verlangen, durchaus gern aufnehmen, ist an dieser Stelle wahrscheinlich unpassend und nicht wissenschaftlich genug. Prof. Foroutan weiß besser, wo die Grenzen in dieser Gesellschaft verlaufen:

Ja, viele Westdeutsche haben Türken, Italienern und Ostdeutschen gleichsam unterstellt, sie hätten nie gelernt, richtig zu arbeiten. Oder die Reaktion, wenn jemand über Ungleichheit spricht. Jammer-Ossis heißt es bei den Ostdeutschen, Opferperspektive bei Migranten. Auch der Vorwurf, hier nicht richtig angekommen zu sein, ist ähnlich. Ebenso wie der, sich in der sozialen Hängematte auszuruhen und von Sozialleistungen oder dem Soli zu leben. Sogar der Vorwurf, nicht demokratiekompatibel zu sein.“

Atemberaubend, nicht? Es geht noch besser:

Schauen Sie sich Teile der SPD und der Linken an, die propagieren, man habe zu lange auf Frauen- und Migrantenthemen geschaut und das Klassenthema vernachlässigt. Das Ganze dekorieren sie mit einer Verachtung gegenüber einer vermeintlich abgehobenen kosmopolitischen Elite – ohne zu merken, wie sehr dieser Vorwurf der entfremdeten Kosmopoliten an das antisemitische Narrativ der vaterlandslosen Gesellen andockt. So spaltet man eine Allianz, die gegen Ungleichheit kämpfen könnte.“

Verstehe ich das richtig, dass die deutsche Linke jetzt an der Schaffung einer ostdeutsch-migrantischen Kampfgemeinschaft gegen die Ungleichheit arbeiten sollte? Ich sehe schon die künftigen gemeinsamen Aufmärsche am 1. Mai unter den roten Fahnen – meist mit und mal ohne Halbmond – in Chemnitz am Karl-Marx-Denkmal vorbeidefilieren. Nein, wir dürfen nicht in Ironie abgleiten, schließlich hören wir ja hier von der Professorin quasi eine wissenschaftliche Weltanschauung. Bei diesem Begriff wissen die älteren Ossis sofort, dass es ernst wird:

„…wer ist denn bitte noch Arbeiterklasse? Wer hat wenig Geld? Zuallererst Migranten, Ostdeutsche auch, alleinerziehende Frauen ebenfalls. Diese Illusion, man könnte die Kämpfe um Repräsentation von Geschlecht und Herkunft von den Klassenkämpfen trennen, das ist der Trugschluss des Populismus.

Die Bundesrepublik hat im Ausland Arbeiter angeworben. Und als diese nicht mehr gebraucht wurden, hieß es: Versuch es doch im Servicebereich. Das war aber allein mit den sprachlichen Fähigkeiten der Menschen gar nicht denkbar. Die Mehrheitsgesellschaft hat das aber so gedeutet, als würden sich die Migranten nicht genug um Arbeit bemühen. Und wer sich nicht genug um Arbeit bemüht, der will sich nicht integrieren.“

Ich weiß, die Anmerkung, dass schon der Umstand, sich dem Erlernen der Sprache des Gastlandes zu verweigern, nicht gerade für Integrationswillen spricht, könnte Professorin Foroutan bestimmt auch wissenschaftlich als rechtspopulistisch entlarven.

Auch in der taz blieb die Professorin nicht unhinterfragt. Die Interviewerin erinnerte die Streiterin für die ostdeutsch-migrantische Einheitsfront daran, dass doch die angeblich so benachteiligten Ostler immerhin die Kanzlerin stellen. Aber ein solch simples Argument kann die Professorin natürlich souverän kontern:

Gehen Sie mal die Liste der Ministerpräsidenten der ostdeutschen Länder seit dem Mauerfall durch. Und wer ist in Ostdeutschland Universitätspräsident geworden? DAX-Vorstände? Diplomaten? Mehrheitlich Westdeutsche.“

Vielleicht könnte Frau Prof. Dr. Naika Foroutan hier etwas verändern und ihre gut dotierte Stelle an der Berliner Humboldt-Universität für einen Sozialwissenschaftler aus dem Osten räumen, so ganz in migrationshintergründlich-ostdeutscher Solidarität. Obwohl sie ihren letzten Satz bestimmt nicht so verstanden wissen will:

Ich bleibe dabei: Wir brauchen zukünftig mehr strategische Allianzen. Diese Kämpfe gegen die Ungleichheit kann man nicht alleine gewinnen.“

1 Kommentar

  1. Thomas

    „Ostdeutsche sind irgendwie auch Migranten:…“

    Ein Prof von mir hatte mal gesagt:
    „Wenn ihnen mal jemand einen Satz mit dem schönen Wort „irgendwie“ um die Ohren haut, dann haben sie es mit einem Schwätzer zu tun, bei dem der Quark breit, aber sicher nicht stark ist!“

    Außerdem typisch was „Integrationsforschung“ angeht, wird gelogen und gebogen, dass sich die Balken biegen:
    „Die Bundesrepublik hat im Ausland Arbeiter angeworben. Und als diese nicht mehr gebraucht wurden, hieß es: Versuch es doch im Servicebereich…“
    Die hießen ja nicht ohne Grund GASTARBEITER!!!
    Und Türken wurde ausschließlich auf dringenden Wunsch der Türkei angeworben.
    Die deutsche Regierung musste sich dabezüglich damals dem Druck der USA beugen, die die Türkei als wichtigen Nato-Partner sah.

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