Gute Zahlen. Schlechte Zahlen?

Wer sich am Sonntagabend Anne Will anschaute, bekanntlich eines der Flaggschiffe, die unter dem Banner gebührenfinanzierter Qualität auf den Meeren der Meinungsbildung segeln, konnte sehen, wie engagiert die Runde daran arbeitete, den für die Rolle des Bösen und des Buhmannes eingeladenen Alexander Gauland von der AfD als Lügner oder bestenfalls vernagelten Trottel darzustellen.

Es ging einen Moment lang um Abschiebung, bzw. die weitgehende Nicht-Abschiebung von Menschen, die sich nicht mehr im Lande aufhalten dürften, aber weiterhin geduldet werden, was mit staatlicher Rundumversorgung einhergeht. Das ist natürlich ein Thema, bei dem die böse, böse AfD populistisch Punkten kann, weil keiner verstehen will, warum man beispielsweise gefährlichen Straf- und Gewalttätern, die man als solche erkannt hat, weiterhin ein freies Leben auf Kosten des deutschen Steuerzahlers ermöglichen muss. Erklären kann man das auch keinem, der sich seinen gesunden Menschenverstand bewahrt hat.

Doch bevor nun diese Menschen vom gefährlichen Gauland erreicht werden konnten, hatte der sich scheinbar mit den Zahlen der Ausreisepflichtigen vergaloppiert. Ätsch! Oder besser „Bätschi“, um die Vorsitzende der SPD zu zitieren, auch wenn die an dem Abend nicht mit in der Runde saß.

Jeder Zuschauer nahm am Ende der Sendung den Eindruck mit, der rechte alte Mann habe sich vergaloppiert.

In der „Welt“, auf deren Zahlen sich Gauland in der Diskussion berufen hatte, wird das Geschehen folgendermaßen beschrieben und erklärt:

„„Woher kommen Ihre 600.000?“, fragte Will […]. „Aus der WELT“, sagte Gauland. Ihre Recherchen seien wohl präziser, entgegnete die Moderatorin und sagte: „Wir können uns die Abschiebezahlen kurz mal anschauen, nicht dass sich da irgendwas festsetzt, und die Kollegen der WELT werden das dann sicher auch schnell korrigieren.“

Die Regie ließ nun einen Einspielfilm abfahren, in dem es hieß, in Deutschland lebten aktuell 230.000 Ausreisepflichtige. 170.000 davon hätten eine Duldung, beispielsweise, weil sie in einer Ausbildung steckten, krankgeschrieben seien oder keine Papiere hätten. Das Resümee: „Es bleiben 60.000, die eigentlich abgeschoben werden müssten. Aber im vergangenen Jahr wurden insgesamt nur rund 24.000 Ausreisepflichtige abgeschoben.“

Keine Null zu viel

Da hat der Gauland wohl einfach eine Null zu viel sehen wollen und aus 60000 gleich 600000 Fälle gemacht, wird sich so mancher Zuschauer gedacht haben. Doch wie Will schon ahnte, kümmerten sich die Kollegen von der Welt nun darum, im Zahlenchaos für Durchblick zu sorgen. Und das Bild ist ein etwas Anderes als das von Anne Will:

„Tatsächlich gerieten in dieser Diskussion die Bezüge durcheinander. Gauland bezog sich offenkundig auf einen WELT-Artikel aus dem März, dem zufolge allein in 2016 und 2017 rund 600.000 Asylanträge abgelehnt wurden. In diesen beiden Jahren wurden nur knapp 50.000 Personen abgeschoben, zudem gab es etwa 80.000 freiwillige oder finanziell geförderte Ausreisen. Demnach bleiben 470.000 abgelehnte Asylbewerber übrig.

Warum aber sind lediglich 230.000 Migranten ausreisepflichtig, wie Will sagte, von denen wiederum nur 60.000 abgeschoben werden könnten? Die Antwort, die die Redakteure der Talkshow in WELT hätten nachlesen können: Rund 90 Prozent der abgelehnten Asylbewerber klagen gegen die Entscheidung.

Zwar gibt es lediglich für nur etwa zwölf Prozent von ihnen einen positiven Richterspruch, aber während ihres Verfahrens sind die Kläger vor Abschiebungen geschützt. […]

Angesichts dessen hat Gauland zunächst weitgehend korrekt darauf hingewiesen, dass 600.000 nicht abgeschoben würden. Denn zu den Zahlen von 2016 und 2017 kommen Antragsteller aus den früheren Jahren und solche aus 2018 hinzu. Doch der AfD-Vorsitzende übertrieb mit der Angabe, dass „die Hälfte“ jener 600.000 „gar keinen Grund“ zur Aussetzung der Abschiebung habe – es sind 230.000, nicht 300.000, also nicht 50, sondern 38 Prozent.“

Mit diesem Blick auf diese Zahlen hätte man aber den bösen Gauland nicht so gut vorführen können. Es gibt eben gute Zahlen und schlechte Zahlen.

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