Die Pressekodex-Stilblüte des Tages

Mit der Einhaltung des Pressekodex in Bezug auf die weitestgehende Nicht-Nennung der Herkunft von Beteiligten an einer Straftat soll ja bekanntlich vermieden werden, Vorurteilen gegen bestimmte Personengruppen Nahrung und Bestätigung zu geben. Von dieser guten Absicht beseelt schreiben wohlmeinende Journalisten ihre Meldungen kunstvoll um missliebige Tatsachen herum, auch wenn das zuweilen groteske Züge annimmt. Eine Stilblüte lieferte die Fuldaer Zeitung mit dieser Meldung, bei der die Frage nach der Herkunft der Täter wirklich wichtig wäre, um den Vorgang richtig einzuordnen:

„Einem entführten Asylbewerber aus Pakistan ist am späten Donnerstagabend an der Autobahn A7 bei Kalbach-Uttrichshausen die Flucht gelungen. Der 32-Jährige war zuvor in Warburg (Nordrhein-Westfalen) entführt worden.

Das berichtete die Kreispolizeibehörde Höxter am Freitagnachmittag. Nach bisherigen Erkenntnissen wurde der Asylbewerber von zwei Männern aufgefordert, um 18 Uhr zu einem Warburger Schnellrestaurant zu kommen. Das Duo forderte Geld von dem 32-Jährigen.

Nach seinem Eintreffen wurde er unter Androhung von Waffengewalt gezwungen, in ein weißes, älteres Fahrzeug mit österreichischem Kennzeichen einzusteigen. Anschließend fuhr das Fahrzeug zur Autobahn in Richtung Kassel.

Zwischen 22.40 Uhr und 23.15 Uhr gelang dem Mann dann während einer Pause die Flucht. Diese Pause fand an der A7, an der Tank- und Rastanlage Uttrichshausen statt. Die Polizei hofft jetzt auf Zeugen: Dem 32-Jährigen seien von den Entführern blutende Kopfwunden zugeführt worden, die aufgefallen sein müssen.“

Hat der Asylbewerber, dem die Flucht von seinen Entführern gelungen ist, keine Angaben machen können, ob es sich um Landsleute gehandelt hat? Um Männer, die seine Muttersprache sprechen? Oder wollte er zu den Hintergründen lieber schweigen? Oder hat die Polizei nichts darüber sagen wollen? Oder haben die Kollegen einfach nicht danach gefragt, weil es sich ja nicht gehört, nach der Herkunft eines Täters oder Tatverdächtigen zu fragen? Dumm nur, dass beim Leser dieser Zeilen so auf jeden Fall der Verdacht entsteht, dass es sich um „Menschen, die zu uns gekommen sind“ handeln müsse.

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