Der Toleranz-Präsident

In seiner kurzen Amtszeit als Bundespräsident fand Christian Wulff meist in eher peinlichen Schlagzeilen Erwähnung. Doch er weiß, warum das so war. Ein „mächtiges Medienkartell“ hätte ihn zu Fall gebracht, weil er gesagt hatte, dass der Islam zu Deutschland gehöre. Bei so viel Verschwörung ist die Forderung nach ein bisschen Pressezensur natürlich angebracht. Doch jetzt klappts ja mit den positiven Schlagzeilen. Ende Juli bekam der Ex-Präsident einen schönen Spiegel-Titel und im Herbst wird ihm von der Evangelischen Akademie Tutzing der Toleranz-Preis verliehen. Er bekommt ihn für ebenjenen Satz, dass der Islam zu Deutschland gehöre. Unter Muslimen hat er damit auch viele Freunde gefunden. Und unter denen glauben viele ebenfalls gern an Verschwörungen mächtiger Kartelle und haben oft auch nichts gegen Zensur.

Die Evangelische Akademie Tutzing sieht in es sicherlich als einen wunderschönen und integrationsfördernden Schritt des Ex-Bundespräsidenten an, dass er mit dem berühmten Satz den Islam zu einem Teil unserer Identität und Tradition erklärt hat. Und in der Tat, die deutsche Verbindung zum Islam hat Tradition. Wenn beispielsweise heutzutage einige Vertreter in der Islamkonferenz fordern, dass es in der Bundeswehr islamische Geistliche geben müsse, so können sie sich auf solche Traditionen berufen. Auch die Deutsche Wehrmacht und die Waffen-SS hatten hatten für ihre muslimischen Truppenteile – meist Bosnier und Angehörige von Turk-Völkern aus dem Sowjetreich – eigens Feld-Imame ausgebildet und eingestellt. Der „Oberimam“ der SS-Division „Osttürkischer Waffenverband“, Nureddin Namangani,  wurde Ende der fünfziger Jahre zum Vorsitzenden einer Moscheebau-Kommission für München und damit der Bauherr der ersten Nachkriegs-Moschee in der Bundesrepublik (Mehr zu dieser Geschichte finden Sie in diesem lesenswerten Buch).

Natürlich hat unser einstiger Bundespräsident an solche Geschichten nicht gedacht, als er seinen viel gelobten Satz sagte. Im Gegensatz zu seiner Wahrnehmung hat das von ihm so genannte Medienkartell nämlich mehrheitlich positiv bis unkritisch über die präsidiale Aussage berichtet. Der Hinweis auf die dunkleren Traditionslinien deutsch-islamischen Zusammenwirkens unterblieb ohnehin. Damit hätte man unwillkürlich wieder an die Tatsache erinnern müssen, dass leider auch der Nationalsozialismus zu Deutschland gehört, doch dafür bekommt man keinen Toleranzpreis.

Aber hören wir auf, in der Vergangenheit herumzustochern und schauen in die tolerante Gegenwart. Der Satz, dass der Islam zu Deutschland gehöre, kostet nichts. Der, der ihn sagt, bekommt Beifall von den Muslimen, einen Preis von den Protestanten aus Tutzing und muss keine weiteren unangenehmen Konsequenzen fürchten. Wer aber Kritisches über islamistische Ideologen äußert, hat auch in Deutschland die Grenzen der Toleranz schnell erreicht. Wenn ein fundiert islamkritischer Autor wie Hamed Abdel-Samad ein Buch über den „islamischen Faschismus“ veröffentlicht, kann er in Deutschland fortan nicht mehr ohne Polizeischutz leben. Spätestens an dieser Stelle sollte dem billigen präsidialen Satz die Frage folgen, wie der Islam zu Deutschland gehören kann, ohne unsere Freiheit zu bedrohen? Möglicherweise wäre eine gelungene Antwort preisverdächtig. PG

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