Messer und Männer

Beim Lesen der Meldungen an einem Dienstagmorgen.

Wenn dem beunruhigten Publikum auffällt, dass überall jeweils regional immer häufiger Berichte über Messerangriffe auftauchen, dann ist es umso wichtiger, höchst sensible Informationen nicht zu vermitteln. Beispielsweise denkt ja ohnehin fast jeder Leser,diese Meldungen hätten zugenommen, seit in großer Zahl junge Männer aus gewaltfreundlicheren Kulturen unseren Alltag bereichern. Solchen Gedanken darf man doch bei guter Weltbildpflege nicht auch noch Nahrung geben. Deshalb wird vielerorts ja eine gut betreuende Berichterstattung gepflegt. Heidelberg24 etwa berichtet mit rührender Aufmerksamkeit aus Birkenau:

„Kurz nach Mitternacht geht ein Notruf bei der Polizei ein. Aus bislang unbekannten Gründen kommt es kurz zuvor zu einem Streit zwischen einem 21-Jährigen und zwei 16-Jährigen.

Die Jugendlichen prügeln erst auf den jungen Mann ein, doch dann zückt einer der beiden 16-Jährigen plötzlich ein Messer und sticht auf den 21-Jährigen ein. Der erleidet dadurch eine Fleischwunde, die im Krankenhaus behandelt werden muss.

Im Rahmen der sofort eingeleiteten Fahndung können wenig später die beiden Angreifer, die in Birkenau und Mörlenbach wohnen, festgenommen werden.

Dabei stellt sich heraus: Der Haupttäter ist kein Unbekannter!“

Wie schön, dass offenbar Polizei und Justiz einen alten Bekannten getroffen haben – sofern man das bei einem 16-Jährigen sagen kann. Wiewohl man ja vielleicht gar nicht sicher weiß, ob er überhaupt 16 Jahre alt ist. Gut, dass der Haupttäter vielleicht auch für die Redaktion von Heidelberg24 „kein Unbekannter“ mehr ist. Doch weil alle, die den Täter kennen, auch wissen, dass es für die Leser besser ist, nicht zu wissen, was für ein Mensch dieser Nicht-Unbekannte ist, erfahren es diese auch nicht.

Vorbildlich vorurteilsvermeidend berichtet die WAZ aus Bottrop von einem Messereinsatz. Warum sollte der Leser wissen wollen, ob hier ein Mann seine traditionelle Messerkampfkultur mitgebracht hat oder ob es sich um einen Einheimischen handelt, den die neue Messerkampfkonjunktur inspiriert hat?

Ein Mann hat am frühen Montagmorgen eine junge Bottroperin mit einem Messer bedroht. Er wollte ihr Handy haben – doch sie setzte sich zur Wehr.  Um 6.20 Uhr sei die 22-jährige Frau auf dem Weg zur Arbeit gewesen, als sie an der Straße Im Scheierbruch ein Mann ansprach. Der Fremde habe die 22-Jährige mit einem Messer bedroht und ihr Handy gefordert, so die Polizei.

Die Frau jedoch stieß den Mann zur Seite. Dieser sei ohne Beute geflüchtet. Der Täter soll etwa 50 Jahre alt und 1,85 Meter groß sein. Er hatte schwarze Haare mit grauem Ansatz und trug ein schwarzes T-Shirt und eine graue Jacke.“

Ebenso rücksichtsvoll berichtet die Augsburger Allgemeine von einem Messereinsatz:

„Ein maskierter Täter betrat am vergangenen Samstag kurz nach 8 Uhr eine Tankstelle in der Landsberger Straße. Er zückte ein Messer und forderte laut Polizei Bargeld. Eine Angestellte übergab dem zunächst Unbekannten demnach anschließend einen dreistelligen Bargeldbetrag, woraufhin der Täter mit einem Fahrrad stadteinwärts flüchtete.

Es dauerte nicht lange, bis die Polizei einem Verdächtigen auf die Schliche kam. Bereits 20 Minuten später stoppten die Beamten einen 17-jährigen Schüler auf seinem Fahrrad in Tatortnähe. Der Jugendliche räumte die Tat nach Auskunft der Polizei ein; die Beamten stellten die Beute und sein Fahrrad sicher. Der Jugendliche wurde am Sonntag dem Ermittlungsrichter beim Amtsgericht vorgeführt, der den von der Staatsanwaltschaft Augsburg beantragten Haftbefehl wegen schwerer räuberischer Erpressung erließ und anschließend in Vollzug setzte.

Die Kripo Augsburg prüft nun, ob der mittlerweile in Untersuchungshaft sitzende Täter auch noch für weitere Überfälle in Betracht kommt.“

Die Herkunft war doch hier nun wirklich keine relevante Information. Dafür wissen wir, dass es ein Schüler war, mithin ein junger Mann auf dem Bildungsweg.

Auch in Essen wurden zwei Personen festgenommen, von denen wir nicht einmal das Geschlecht erfahren. Das ist wirklich vorurteilsschonend:

„Am heutigen Tag (3. September) gegen 14 Uhr erhielt die Polizei Kenntnis von einem schwerer verletzen Mann, der von unbekannten Personen mit einem Gegenstand angegriffen worden sein soll. Der Angriff soll auf einem Parkplatz an der Wilhelm-Nieswandt-Allee stattgefunden haben. Sofort alarmierte Streifenwagen entdeckten den Verletzten am dortigen Parkplatz. Ein Rettungswagen transportierte den Mann in ein Essener Krankenhaus. Die Beamten nahmen die Fahndung auf und konnten im Nahbereich zwei Personen festnehmen. Die Hintergründe sind derzeit unbekannt. Die Ermittlungen dauern an.“

Auch zur privaten Konfliktklärung dient das Messer offenbar häufiger, wobei im privaten Bereich die Herkunft des Täters nun wirklich niemanden etwas angeht. Deshalb berichtet der Nordkurier auch ganz korrekt so aus Angermünde:

„Ein 36-jähriger Fußgänger ist in Angermünde von einem Radfahrer mit einem messerähnlichen Gegenstand attackiert worden. Der Mann war zu Fuß auf dem Verbindungsweg der Puschkinallee zur Rudolf-Breitscheid-Straße unterwegs, als der Radler auf ihn los ging und ihm schwere Verletzungen zufügte.

Ein Passant fand den Überfallenen und alarmierte Retter und Polizei. Wie Polizeisprecher Stefan Möhwald informierte, ließen die Ermittlungen schnell einen 34-jährigen Barnimer ins Visier der Kriminalisten geraten. Der Tatverdächtige konnte in Angermünde gestellt und festgenommen werden.

Ersten Erkenntnissen zufolge liegt das Motiv der Handlung im privaten Bereich.“

Hätten die Berichterstatter der Thüringer Allgemeinen nicht auch besser von Gothaern oder „Männern, die in Gotha leben“ schreiben sollen?

„Am Samstag gegen 0.30 Uhr standen zwei 24 und 29 Jahre alte Afghanen an der Fußgängerampel in Richtung Coburger Platz, als ein VW anhielt und drei Männer ausstiegen. Die drei Männer sollen die beiden Afghanen grundlos angegriffen und auf sie eingeschlagen haben, bis sie am Boden lagen. Die drei Angreifer, bei denen es sich ebenfalls um Afghanen handeln soll, stiegen ins Fahrzeug ein und fuhren davon. Die beiden Opfer wurden leicht verletzt.“

Bei Nachrichten aus Mallorca sind die Berichte nicht ganz so kultursensibel, wie dieses Beispiel aus der Kölnischen Rundschau zeigt:

„Die Polizei auf Mallorca hat einen Messerstecher nach einem Angriff auf deutsche Touristen niedergeschossen. Der Zwischenfall geschah in der Nacht zum Montag gegen 01.30 Uhr an der Playa de Palma, bei der Strandbar „Ballermann“. Auf Anfrage der Deutschen Presse-Agentur bestätigten die Behörden der spanischen Urlaubsinsel entsprechende Medienberichte.

Der Mann hatte die beiden Urlauber im Alter von 27 und 46 Jahren den Angaben zufolge mit einem Messer angegriffen und leicht verletzt. Anschließend bedrohte er auch die anrückenden Beamten. Der 31 Jahre alte Angreifer sei deshalb mit einem Schuss in den Knöchel überwältigt und ins Krankenhaus gebracht worden, hieß es.

Als er von den Beamten zum Loslassen des Messers aufgefordert worden sei, habe der mutmaßlich aus Libyen stammende Mann auf Arabisch geschrien, berichtete die Zeitung „Diario de Mallorca“ unter Berufung auf die Sicherheitsbehörden.“

Beim Hessischen Rundfunk hingegen kann man sich darauf verlassen, dass wir zwar das genaue Alter (44) und Geschlecht (Mann) des Täters erfahren, aber nichts über seine Herkunft:

„Bei einer Messerattacke ist am Samstagabend ein 33-Jähriger schwer verletzt worden. Er sei im Frankfurter Stadtteil Unterliederbach von einem 44 Jahre alten Bekannten angegriffen worden, teilte die Polizei am Montag mit. Zwischen beiden sei ein Streit eskaliert. Der Angreifer wurde festgenommen. Die Staatsanwaltschaft geht von einem versuchten Tötungsdelikt aus.“

Bei der Märkischen Oderzeitung findet sich ein Herkunftshinweis, der hinsichtlich der Stärkung von Vorurteilen und Generalverdacht vollkommen unverdächtig ist:

„Ein Mann hat in der Nacht zu Montag mehrere Fahrgäste und Bahnmitarbeiter in der S 1 mit dem Messer bedroht.

Der 39-jährige Deutsche zückte während der Fahrt nach Oranienburg zwischen den Stationen Wollankstraße und Schönholz plötzlich ein Messer und einen Schlagstock, lief schreiend durch den Waggon, pöbelte Fahrgäste an und drohte einem dunkelhäutigen Bahnmitarbeiter, er würde ihn abstechen. Am Bahnhof Schönholz sprang der Mann dann aus der Bahn.

Polizisten konnten ihn in der Nähe festnehmen, konfiszierten seine Waffen und leiteten gegen den angetrunkenen Übeltäter (1,2 Promille) ein Strafverfahren ein.“

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