Tod im September

Ein Nachruf auf Ulrich Schacht.

Ulrich Schacht ist tot. Ein Mann ist gestorben, der eigentlich sofort einen Nachruf verdient hat. Ich konnte ihn tagelang nicht schreiben, weil diese Nachricht lange nicht dort ankommen wollte, wo ich sie zum Schreiben brauchte. „Plötzlich und unerwartet“ ist bei vielen Todesfällen eine gängige Floskel, oft leicht gesagt, geschrieben und überlesen. Und nun müsste man selbst diese Floskel verwenden, denn bei jeder Begegnung, jedem Gespräch auch jedem Telefonat trat einem ein Mann voll Lebenskraft, Mut, Zuversicht und Glaube gegenüber – da konnte es gar keinen Zweifel daran geben, dass wir auch gemeinsam noch viel erleben und debattieren würden.

Worüber schreibt man in einem Nachruf? Über das Leben des Verstorbenen natürlich. Das ist ja auch wirklich so reich an einzigartigen Geschichten, dass sich Bücher damit füllen lassen. 1951 im Frauenzuchthaus Hoheneck geboren. Seine Mutter saß dort, weil sie von einem gemeinsamen Leben mit seinem Vater, einem sowjetischen Offizier, geträumt hatte. Weil das legal nicht möglich war, hatten die beiden nur darüber gesprochen, deshalb vielleicht in den Westen zu gehen.

Später ist er selbst politischer Häftling, der „staatsfeindlichen Hetze“ schuldig gesprochen und nach drei Jahren vom Westen freigekauft. Zu seinem Geburtsort sagte er mir einmal im Interview:

„Wer will schon gerne an einem Schreckensort geboren worden sein? Allerdings hab ich an anderer Stelle auch immer deutlich gemacht, dass ich den Ort an sich insofern als eine Art Auszeichnung betrachtet habe, als über diese Geschichte meiner Mutter und meiner Geburt, mir sehr schnell klar wurde, in welchen politischen Verhältnissen ich aufgewachsen bin, damals. Es war eine Form von Information, die konnte zwei Dinge verhindern: Ich konnte dem System nicht erliegen und es konnte mich auch von nichts überzeugen.“

Mit Distanz zum Regime und der Nähe zur Kirche beginnt er nach einer Bäckerlehre ein Theologiestudium. Und er schreibt, publiziert illegal und steht in offener Opposition zum SED-Regime. Der erwähnten Haft folgt im Westen erst weiteres Studium, dann die Arbeit als Journalist, zuletzt als Redakteur der Welt am Sonntag. Gleichzeitig gibt es auch den Dichter und Schriftsteller Schacht und – das war Gegenstand unseres letzten gemeinsamen Beitrags – den Sozialdemokraten. Als solchen sah er sich schon in der DDR und es gehörte, so die Sprache darauf kam, zu seinen Standarderzählungen, dass er sich sein SPD-Parteibuch noch vor dem bundesdeutschen Reisepass geholt hätte.

Die Liebe zur SPD oder der SPD zu ihm erkaltete bekanntlich nach und nach und auch in weiten Teilen der Kirche im Westen fühlte sich der freigekaufte Protestant unverstanden und heimatlos. Mit anderen Christen, denen es ebenso ging – mehrheitlich ehemalige politische Häftlinge aus der DDR – gründete er deshalb 1987 eine evangelische Bruderschaft – den St. Georgs-Orden. Den gibt es noch heute, seit vielen Jahren mit Sitz in Erfurt und inzwischen schon lange etabliert und von der EKD anerkannt.  Ulrich Schacht war bis zum Schluss Großkomtur des Ordens.

Politisch eckte er öfter an. Der von ihm Anfang der neunziger Jahre zusammen mit Heimo Schwilk herausgegebene Sammelband „Die selbstbewusste Nation“ brachte ihm in vielen Artikeln den Ruf ein, ein Rechter zu sein. Und dieser Ruf wirkte nach. Obwohl er sich 1998 aus dem journalistischen Beruf und auch aus dem Land zurückzog. Zwanzig Jahre lebte er in Schweden und wollte sich mehr der Literatur und weniger dem deutschen Tagesgeschehen widmen.

Als 2012 sein Buch „Vereister Sommer“, in dem er die Suche nach seinem russischen Vater beschreibt, Erfolge feierte schien die Brandmarkung als Rechter vergessen. Die deutschen Feuilletons liebten ihn und sein Werk.

Doch er sollte ihr Liebling nicht bleiben können. Zu deutlich meldete er sich zu Wort. Beispielsweise als Erstunterzeichner der Gemeinsamen Erklärung 2018 oder zuletzt auch als Autor auf der „Achse des Guten“.

Worüber schreibt man in einem Nachruf? Die erste Begegnung? Das letzte Gespräch?

Das letzte Gespräch hatten wir per Telefon, wenige Tage vor der Wahl in Schweden. Wir sprachen über einen Text, den er für Achgut.com schreiben wollte, allerdings erst ein paar Tage nach dem Wahltag, wenn sich die erste Aufregung gelegt hat und sich schon mehr zu den konkreten Folgen sagen lässt. Und wir endeten, beinahe wie üblich, mit dem Versprechen, demnächst endlich wieder ausführlicher zu reden. Nichts ließ mich daran zweifeln, dass dies auch so sein würde.

Als ich Anfang der Woche in meiner Mailbox die erste Nachricht von seinem Tod mitten im September am Sonntagnachmittag fand, war das ein Schock. Ich habe nicht weiterlesen können, bis zu jenem tröstlichen Satz, dass er friedlich in seinem Sessel eingeschlafen sei.

Ich denke an unsere erste Begegnung. Es war das Kennenlernen eines mir von Namen, Werk und Vita ja nicht Unbekannten. Er las aus dem frisch erschienenen „Vereisten Sommer“ und dem Gedichtband „Bell Island im Eismeer“. Und diesen durchblätternd, sticht mir jetzt ein Gedicht ins Auge:

 

September oder was wir dafür halten

 

Auf der Terrasse der weiße Liegestuhl stärkt mir den 

Rücken beim Blick auf das Meer das mir den Blick

stärkt auf den Horizont über dem seit Stunden die

.

Sonne steht nicht niedrig nicht hoch: Weiße Glut, die

meine Stirn erreicht meine Lippen berührt meine Augen

Lider schließt – sanft wie die Hand einer Geliebten die

 

erwartungslos schenkt. So still können wir leben. Einen 

Tag lang eine Stunde eine einzige Minute. Nichts

ginge verloren, wäre sie alles

 

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