Neue Wüstungen?

Von der drohenden Aufgabe menschenleerer Dörfer und den Menschen, die nicht aufgeben wollen.
Dörfer, Gemeinden und ganze Landstriche sterben aus. Es ist ein stiller und langsamer Prozess und seine Bedeutung möchten viele übersehen, aber er läuft unerbittlich ab. Die Zahlen zeigen es ziemlich brutal: Wenn es in einem Ort keinen Nachwuchs gibt und die Jungen wegziehen ist sein Ende fast zeitgenau berechenbar. Soll man das als unabänderliches Schicksal hinnehmen? Vielleicht ganze Dörfer planmäßig aufgeben? Die verbliebenen Menschen aus der Einöde aussiedeln? Oder ziehen sich nur Staat und Institutionen zurück, geben die Infrastruktur auf und überlassen die Verbliebenen in den aufgelassenen Siedlungen sich selbst? Und die Kirchen in diesen Dörfern? Sollen sie auch nach und nach aufgegeben werden? Oder können sie Teil einer noch schwer vorstellbaren Zukunft solcher Landstriche sein?

Jedes Jahr sind es die gleichen Meldungen, nur die Ortsnamen variieren. Es geht um Schulen, die geschlossen werden, weil sie nicht mehr die geforderten Klassenstärken erreichen. Meist protestieren die Eltern und die Ortsbürgermeister, manchmal gibt es noch eine Gnadenfrist, ganz selten Rettung. Die Kinder fehlen ja tatsächlich. Die Menschen, die an die Zukunft ihrer Dörfer denken, wissen natürlich, dass durch die Schließung von Kindergärten und Schulen die demografische Katastrophe noch beschleunigt wird, denn junge Familien siedeln sich dann lieber woanders an, wo es noch die entsprechende Infrastruktur gibt. Doch es sind nicht nur die Schulen. Der Dorfladen hat längst schon geschlossen. Dass es mal einen Bäcker oder einen Fleischer im Ort gab, erzählen ältere Dorfbewohner gern. Es sind Geschichten aus einer anderen Welt. Auch der Gasthof hat längst aufgegeben. Arbeitsplätze gibt es eher woanders, also ziehen viele weg. Die Bahnlinie ist stillgelegt. An der Bushaltestelle hält nur noch morgens und nachmittags der Schulbus. Vor ein paar Jahren fuhr die Linie noch regelmäßig, doch es fuhren zu wenige Fahrgäste mit. Deshalb wurden immer mehr Verbindungen gestrichen. Und die Kommunalpolitiker taten so, als würden sie sich wundern, dass noch weniger Fahrgäste in den Bussen sitzen, wenn man weniger Busse fahren lässt. Am Ende blieb vielerorts nur noch der Schulbus übrig.

Ein Dorf, in dem fast alles geschlossen ist und an die frühere Infrastruktur allenfalls die dazugehörigen leerstehenden Gebäude erinnern, braucht auch keine Selbstständigkeit mehr. Es begann mit der Fusion mit zwei oder drei Nachbardörfern, dann mussten sich diese Gemeinden wiederum mit anderen zusammenschließen. In manchen dünner besiedelten Regionen im Osten entstanden Gemeinden mit riesigen Flächen und vielen Dörfern. Manchmal wurden auch ganze Landstriche in Kleinstädte eingemeindet. So wurden Gardelegen, Möckern und Zerbst nach Berlin und Hamburg zu den flächenmäßig größten Städten Deutschlands.

Stendal, das „Tor zur Altmark“ hat es mit Eingemeindungen auf eine Größe von mehr als 268 Quadratkilometern gebracht. Das ist Platz 35, noch vor Frankfurt (Main), Duisburg und Düsseldorf. Trotz dieser Größe leben nur noch 40.000 Bürger in der Stadt mit ihren vielen Dörfern. Oberbürgermeister Klaus Schmotz hat vor einigen Jahren einen radikalen Vorschlag gemacht: Wer auswärts wohnt, sollte auch mehr für die Infrastruktur zahlen. „Wenn in einem Ortsteil, der jetzt 100 Einwohner hat, bald nur noch 50 leben – sollen die dann jeweils das Doppelte zahlen für Wasser und Abwasser? Oder sollen die Städter für deren Landleben aufkommen? Das muss man doch besprechen“, sagt Schmotz. Schließlich sind auch hier in jenen entlegenen Stadtteilen, die einst stolze, selbstständige Dörfer waren alle anderen öffentlichen Einrichtungen längst geschlossen. Aber für Wasser, Abwasser, Strom und Straßen muss die Kommune noch sorgen. Ein teures Unterfangen. Doch damals haben Proteste die weitere Debatte obsolet gemacht.

Verglichen mit städtischen Einrichtungen leistet sich der evangelische Kirchenkreis Stendal noch recht viele Gemeinden mit einigen Pfarrern. In einigen Teilen der Altmark stemmt sich die Kirche offenbar deutlich stärker gegen das Aufgeben der Dörfer als alle anderen Institutionen.

Das ist aber nicht die Regel, denn meist folgten und folgen die Kirchen dem Rückzug aus den kleinen Dörfern recht zügig. Gemeinden wurden gedrängt, sich zusammenzuschließen. Wollten sie das nicht mussten sie sich zumindest mit anderen den Pfarrer teilen. Dass ein einzelner Dorfpfarrer für neun oder mehr Kirchen zuständig ist, ist in strukturschwachen Regionen der Regelfall. Immer seltener öffnet sich deshalb in diesen Dörfern die Kirchentür zum Gottesdienst. Da kommen dann in der Folge natürlich auch nicht mehr, sondern eher weniger Menschen in die Kirche.

Auch wenn sie keine Pfarrstellen schaffen oder finanzieren können kämpft so manche Kirchgemeinde trotzdem um ihre Eigenständigkeit. Die Gemeinde Braunsroda beispielsweise hat schon seit fast zehn Jahren keinen Pfarrer mehr. Doch aufgeben will die Gemeinde deshalb nicht, sie organisiert sich selbst, einschließlich der ständigen Suche nach einem Pastor für den nächsten Sonntagsgottesdienst.

Diese etwas sture Selbstbehauptung passt zu einem Ausweg, den Experten für die drohenden neuen Wüstungen empfehlen. Sowohl die Bauhausstiftung, die Stiftung Schloss Ettersburg bei Weimar und das Berlin-Institut für Bevölkerung und Entwicklung haben in der letzten Zeit Studien zur Zukunft der sich entvölkernden Landstriche und Dörfer vorgelegt. Sie alle sagen mehr oder minder deutlich, dass sich der Status Quo vielerorts nicht halten lässt. Die Infrastruktur ist einfach zu teuer. Eine Möglichkeit wäre die geordnete Wüstung, also das Aufgeben kompletter Dörfer. Dann müssen keine Strom- und Wasserleitungen sowie Straßen in kaum besiedelte Orte mehr unterhalten werden. Aber was macht man dann mit den Menschen, die diese Dörfer trotzdem nicht verlassen wollen? Zwangsaussiedeln? Das klingt nicht nach einer in einem freiheitlichen Land denkbaren Option.

Eine andere Möglichkeit: Die Siedler in solchen Orten werden in die völlige Selbstverantwortung entlassen. Der Staat zieht sich zurück und übernimmt keine Verpflichtungen mehr für die Infrastruktur. Wer eine befahrbare Straße will, muss selbst für ihren Erhalt sorgen. Wer Wasser haben will, muss sich einen Brunnen bauen und wer Strom braucht, muss ihn erzeugen.

Auch das ist in der gegenwärtigen Verfasstheit eines deutschen Gemeinwesens nicht möglich. Wo gewohnt werden darf, da gibt es auch Zuständigkeiten und Verpflichtungen von Bund, Land und Kommune. Aber irgendwann in absehbarer Zeit stehen in manchen Landstrichen diese Entscheidungen an.

Die Tendenz, sich vor Ort gegen die scheinbare Perspektivlosigkeit und den angeblich alternativlosen Abbau zu wehren, ist mancherorts zu spüren. In Kirchgemeinden, wie auch bei einigen Kommunalpolitikern.

Der Landkreis Greiz war für eine der Studien ein Forschungsgebiet. Die Zahlen der Forscher klingen dramatisch. Von den gegenwärtig noch 196 Dörfern geben die Forscher nur 19 eine sichere Zukunft, während 40 Orten mittelfristig der komplette Untergang droht.

Steffen Kröhnert, Leiter der Studie, hat bei Gesprächen mit Bürgermeistern die Erfahrung gemacht: „Alle kennen das Problem, aber am liebsten wäre es ihnen, wenn man gar nicht darüber reden würde. Doch dann wird es noch schlimmer – die Abwanderung passiert so oder so.“

Orte wie Kleinsaara oder Neuensorga stehen ganz oben auf der Risikoliste. Die kleinen Dörfer gehören zur Gemeinde Saara. Manuela Frankenberg ist hier ehrenamtliche Bürgermeisterin. Die 49jährige sagt trotzig: „Wir vergreisen nicht.“ Und sie will gegensteuern. Auch hier wurde alles über die Jahre dichtgemacht – Läden, Gaststätten, Arztpraxis, Kindergarten. Vor vier Jahren hat sie einfach einen neuen Kindergarten eröffnet. Wie sonst soll man wieder junge Familien in die sterbenden Dörfer bekommen. Wer überleben will darf dem Niedergang nicht tatenlos zusehen, ist ihr Motto.

„Nutze die Zeit“ – Die Buchstaben dieses Satzes ersetzen die Ziffern auf der Kirchturmuhr in Saara. Und auch die Kirche kämpft. Das Kirchspiel Ponitz-Saara umfasst 22 kleine Dörfer. Im Frühjahr beschloss die Kreissynode, Saara die Pfarrstelle zu streichen. Dagegen kämpft die Gemeinde. Und selbst, wenn sie keinen eigenen Pfarrer mehr bekommt, sie will eigenständig bleiben. Die Dörfer sollen nicht neu aufgeteilt und anderen Gemeinden zugeschlagen werden. Andere Gemeinden haben es ja auch schon gezeigt, dass sie viele Jahre ohne eigenen Pfarrer überlebt haben. Und entgegen dem allgemeinen Trend konnte sich die Saaraer Kirche im letzten Jahr auch über eine steigende Zahl von Gottesdienstbesuchern freuen.

Diese Beharrlichkeit eigener, von staatlicher Verwaltung unabhängiger Strukturen gibt – auch nach der Meinung der Studienverfasser – auch einem kleinen Dorf mit so aussichtslosen Prognosen eine Zukunft. Kirchgemeinden, Freiwillige Feuerwehren oder auch andere Vereine – all das steht gegen drohende Wüstungen. Das ist allerdings im Greizer Umland in vielen Dörfern viel zu wenig ausgeprägt.

Aber es gibt die hoffnungsvollen Beispiele. Mahnen könnten allerdings die alten Wüstungen von Dörfern, die vor Jahrhunderten aufgegeben wurden und an die allenfalls einige reizvolle Ruinenreste erinnern.

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