Stilblüten der betreuenden Berichterstattung

Stellen Sie sich einmal vor, welche Vorurteile bedient würden, wenn Sie Folgendes lesen müssten:

In Kiel ist ein muslimischer Auszubildender aus Somalia mit einem Cuttermesser auf einen deutschen Auszubildenden losgegangen, weil sich dieser mehrfach respektlos über den Islam geäußert habe.

Sie würden Messerstecher, Asylbewerber, Islam in einem Zusammenhang denken. Sie würden in dem Vorurteil bestärkt, dass Gewalt irgendetwas mit dem Islam zu tun haben könnte. Ihnen würden jene unangenehmen Koransuren einfallen, in denen klipp und klar steht, dass Ungläubige, die sich nicht bekehren lassen, letztlich von den Rechtgläubigen getötet werden müssten. Solche Assoziationen sind heutzutage dringend zu vermeiden. Oft entscheiden sich die Journalisten-Kollegen deshalb für das Nicht-Erwähnen weltbildschädigender Fakten. Wenn aber die Messerstecherei ursächlich darauf zurückzuführen ist, dass der Somalier seinen Glauben mit Gewalt glaubte vertreten zu müssen, dann ist das selbst nach Pressekodex kein Ausweg.

In diesem Fall müssen die richtigen Formulierungen verwendet werden. Die richtige Sprachgestaltung und Wortwahl soll ein Abgleiten der Gedanken des Lesers zu falschen Schlussfolgerungen vermeiden. Neudeutsch wird die moderne Kunst betreuender Berichterstattung gern „Framing“ genannt. Und wenn man obige kleine Meldung in den richtigen Sprachrahmen bringt, dann entsteht ein ganz besonderer Stil. In selbigem heißt es deshalb in der Welt:

„Nach einem Angriff mit einem Cuttermesser auf einen anderen Auszubildenden in Kiel-Kronsburg sitzt ein 20-Jähriger in Untersuchungshaft. Ein Richter habe am Freitag Haftbefehl wegen versuchten Totschlags erlassen, teilte die Polizei am Montag mit.

Bei der bereits länger schwelenden Auseinandersetzung zwischen dem Somalier muslimischen Glaubens und seinem deutschen Opfer ging es nach Erkenntnissen der Ermittler um unterschiedliche religiöse Auffassungen.

Der mutmaßliche Täter soll am Donnerstag im Betrieb in Richtung des 21 Jahre alten Kollegen gestochen, ihn aber verfehlt haben. Zeugen konnten den 20-Jährigen den Angaben zufolge überwältigen. Der Mann mit dem Teppichmesser hatte sich nach dem Geschehen von der Polizei widerstandslos festnehmen lassen. Das Messer wurde sichergestellt.“

Jetzt wollen Sie doch nicht etwa sagen, die Kollegen würden das Gegenteil des Gewollten erreichen, weil gerade dieser gestelzt rücksichtsvolle Stil misstrauisch mache, oder? Lehnen Sie etwa die sprachliche Betreuung ab, weil Sie sich lieber eine Berichterstattung in klarer Sprache und mit allen Fakten wünschen? Sie halten sich schon für reif genug, um eigene Schlussfolgerungen zu ziehen? Wissen Sie, was man da alles falsch machen kann?

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