Offene Karten nach Offenem Brief?

Trotz keinesfalls zu übersehender Berichterstattung seit Ende September herrscht eine seltsame Ruhe angesichts des atemberaubend eiligen Handstreichs, mit dem Hubertus Knabe, der Leiter der Gedenkstätte Hohenschönhausen, immerhin eines der prominentesten Orte in der Gedenkstättenlandschaft zur SED-Diktatur, seines Postens enthoben wurde. Er soll nicht einmal angehört worden sein. Und über die genauen Gründe, die dieses schnelle Vorgehen rechtfertigten, hört die interessierte Öffentlichkeit mehr ungefähres Raunen als konkrete Fakten.

Dass sich Knabe in seiner langen Amtszeit hinreichend Gegner geschaffen hat, kann auch nur unzureichend erklären, dass es tagelang kaum kritische Reaktionen auf seine Absetzung gegeben hat. Dennoch schweigen auch die meisten seiner Anhänger und sogar von ihm selbst gibt es kein ausführlicheres Statement.

Natürlich ist es heikel, sich zu einem Fall zu äußern, in dem es um sexuelle Übergriffe geht. Allerdings werden diese ja nicht Knabe vorgeworfen, sondern seinem ehemaligen Stellvertreter Helmuth Frauendorfer. Knabe soll sie begünstigt haben. Wie aber sieht denn nun eine Begünstigung aus, die solch eine außergewöhnliche Express-Entlassung rechtfertigt? Auch hier wird derzeit mehr geraunt als gesagt.

Viele unterstellen natürlich, dass es für den Stiftungsrat gewichtige Gründe gegeben haben müsse, dem linken Berliner Kultursenator einstimmig zu folgen. Aber warum wird über diese nichts Genaueres verraten? Halten sich die Befürworter des Knabe-Sturzes diese noch als Ass im Ärmel für den Fall, dass sich doch noch jemand öffentlichkeitswirksam hinter Knabe stellen sollte? Würde einem Kritiker dann erst die eine oder andere Ungeheuerlichkeit präsentiert? Oder erführe man dann etwas über das Konglomerat aus verschiedenen Gründen, die in Summe alle Stiftungsratsmitglieder überzeugte, so merkwürdig übereilt zu handeln?

Vielleicht gibt es ja jetzt einen Anlass, endlich mit offeneren Karten zu spielen.  Inmitten dieses Beschweigens haben vier Frauen aus dem Beirat der Gedenkstätte – Heidi Bohley, Freya Klier, Edda Schönherz und Prof. Dr. Barbara Zehnpfennig – einen Offenen Brief an den Kultursenator geschrieben, in dem sie gegen Knabes Entlassung protestieren. Hoffentlich hilft diese Ruhestörung zunächst, etwas mehr Klarheit zu gewinnen, denn an dieser Stelle wären normalerweise wenigstens erhellende Antworten zu erwarten.  Aber was ist schon normal?

Im Folgenden ist dieser Offene Brief dokumentiert:

Wir, die Unterzeichnerinnen, protestieren als Mitglieder des Beirats der Gedenkstätte Berlin-Hohenschönhausen entschieden gegen die Entlassung des Direktors der Gedenkstätte, Dr. Hubertus Knabe, und fordern dessen Wiedereinsetzung.

Begründung:

  1. Die Vorwürfe der sexuellen Belästigung richten sich nicht gegen Hubertus Knabe, sondern gegen seinen Stellvertreter Helmuth Frauendorfer.
  2. An der Chronologie der Ereignisse ist leicht ablesbar, welche Schritte Herr Dr. Knabe bereits vor der Stiftungsratssitzung vom 25.9.2018 eingeleitet hatte, um die angezeigten Missstände abzustellen:

April 2018
Der Gedenkstättendirektor erhält von der Kulturverwaltung Berlin einen Hinweis auf dort anonym eingegangene Beschwerden wegen sexueller Belästigung in seinem Haus – ohne konkrete Angaben zu den Vorwürfen. Daraufhin erstattet Hubertus Knabe Anzeige bei der Staatsanwaltschaft Berlin.

August 2018
Die Staatsanwaltschaft Berlin stellt die Ermittlungen ein, da ein für eine Anklageerhebung erforderlicher hinreichender Tatverdacht nicht gegeben sei.

Montag, 17.9. 2018
Der Gedenkstättendirektor erfährt durch eine Anfrage des Rundfunks Berlin-Brandenburg (rbb) erstmals, worüber sich die Mitarbeiterinnen konkret beschwert haben. Knabe bedauert, dass sich die Mitarbeiterinnen weder an den Personalrat noch an die Leitung der Gedenkstätte gewandt haben. Er schließt mit dem Personalrat eine Dienstvereinbarung zum Beschäftigtenschutz und respektvollen Umgang am Arbeitsplatz und ernennt eine Antidiskriminierungsbeauftragte.

Mittwoch, 20.9.2018
Der rbb berichtet nun erstmals öffentlich von Klagen über sexuelle Belästigungen durch den stellv. Direktor Helmuth Frauendorfer. Gedenkstättendirektor Knabe erklärt darauf in einer Pressemitteilung, dass bereits Konsequenzen gezogen wurden (s.o. Dienstvereinbarung und Antidiskriminierungsbeauftragte).

Montag, 24.9.2018
Helmuth Frauendorfer wird vom Direktor mit sofortiger Wirkung beurlaubt:  Frauendorfers Anwalt hatte bestätigt, dass die Vorwürfe „zum Teil wirklich berechtigt“ seien.  Knabe glaubt, dass der Stiftungsrat sich nun am nächsten Tag mit der juristischen Bewertung der Vorwürfe beschäftigen wird. Zugleich bittet er die Ärztin und ehemalige Präsidentin der ersten frei gewählten DDR-Volkskammer, Sabine Bergmann-Pohl, um eine Befragung der Mitarbeiterinnen hinsichtlich sexueller Belästigungen.
„Wenn es Kritik gibt, dann gehört diese auf den Tisch. Ich bin sehr dankbar, dass sich Frau Dr. Bergmann-Pohl bereit erklärt hat, zusammen mit der Anti-Diskriminierungsbeauftragten der Gedenkstätte die Situation von unabhängiger Seite zu untersuchen.
Das Ergebnis der Befragungen soll in einem Abschlussbericht festgehalten werden, der auch praktische Schlussfolgerungen für ein respektvolles Zusammenarbeiten zwischen Männern und Frauen enthalten soll. Darüber hinaus werde es Schulungen für Mitarbeiter geben, um sie für das Thema zu sensibilisieren und Verhaltenshinweise zu geben.

Quelle: https://www.stiftung-hsh.de/presse/pressemitteilungen/ PM vom 20. + 24.9.2018

Dienstag, 25.9.2018
Sitzung des Stiftungsrates mit
Dr. Klaus Lederer, Senator für Kultur und Europa Berlin (Vorsitzender)
Martina Gerlach,
Staatssekretärin in der Berliner Senatsverwaltung für Justiz
Maria Bering, Leiterin Gruppe K4 „Geschichte und Erinnerung“ bei der Beauftragten der Bundesregierung für Kultur und Medien
Dieter Dombrowski, MdL Brandenburg, Vorsitzender des Gedenkstättenbeirats
Birgit Neumann-Becker
Beauftragte des Landes Sachsen-Anhalt zur Aufarbeitung der SED-Diktatur, Vertreterin des Gedenkstättenbeirats

Nach zweistündiger Wartezeit vor dem Sitzungsraum teilt der Stiftungsratsvorsitzende Klaus Lederer (DIE LINKE) dem Gedenkstättendirektor Hubertus Knabe ohne Anhörung oder Nennung konkreter Beschuldigungen die ordentliche Kündigung und sofortige Freistellung von allen Dienstpflichten als einstimmigen Beschluss des Stiftungsrates mit.

Den Mitgliedern des Gedenkstättenbeirats gegenüber begründet Lederer die Kündigung in einer Mail mit den Worten:
Der Stiftungsrat hat kein Vertrauen, dass Herr Dr. Knabe den dringend notwendigen Kulturwandel in der Stiftung einleiten wird, geschweige denn einen solchen glaubhaft vertreten kann.“

  1. Der Stiftungsrat, der die Absetzung beschloss, hat Herrn Dr. Knabe also nicht zur Sache angehört. Das stellt einen eklatanten Verstoß gegen den Rechtsgrundsatz „Audiatur et altera pars“ dar. Die Vorwürfe nur einer Seite zur Grundlage einer solch weitreichenden Entscheidung zu machen, ohne die Sicht der Gegenseite zu berücksichtigen, legt den Verdacht der Vorverurteilung nahe.
  2. Außerdem hat der Stiftungsrat Herrn Dr. Knabe offenbar nicht mitgeteilt, was konkret gegen ihn vorliegt. Auch dies ist ein völlig unakzeptables Vorgehen.
  3. Die aus dem Beirat in den Stiftungsrat entsendeten Mitglieder Dieter Dombrowski und Birgit Neumann-Becker, die mit ihrer Zustimmung die sofortige Entlassung des Gedenkstättendirektors (vorerst) legitimierten, haben vor dieser so schwerwiegenden Entscheidung keine Rücksprache mit dem Beirat gehalten. Damit wurde das Gremium, das sie entsandt hatte, von der Entscheidungsfindung ausgeschlossen. Deshalb konnten wir auch nicht den alternativen Lösungsvorschlag einbringen, statt einer Kündigung des Direktors den freigewordenen Stellvertreterposten einfach mit einer Frau zu besetzen.
  4. Die Art und Weise wie man Dr. Knabes Dienstverhältnis beendet hat ist entwürdigend und von der Sachlage her keinesfalls gerechtfertigt. Vielmehr erwecken diese Maßnahmen den Anschein einer Strafaktion, die sich eher als Reaktion auf seine politische Unangepasstheit denn als Antwort auf (vorgebliche) Verfehlungen deuten lässt.

Die Unterzeichnerinnen verurteilen das durch nichts zu rechtfertigende Verhalten der übergeordneten Behörden und des Stiftungsrats und fordern eine Revision des Beschlusses.

Heidi Bohley – Zeit-Geschichte(n) e.V. Halle an der Saale

Freya Klier – Schriftstellerin und Dokumentarfilmerin

Edda Schönherz – Vorsitzende des Stammtisches der Hoheneckerinnen

Prof. Dr. Barbara Zehnpfennig – Universität Passau

 

3 Kommentare

  1. Roland

    Ich bin als Bürgerrechtler den couragierten Frauen um Klier/Bohley dankbar, dass sie hier die offenen Widersprüche aufzeigen. Dr Knabes „Rauswurf“ war politisch motiviert, wie ich es kenne aus DDR-Zeiten und wie es jede Diktatur oder Erdogans Autokratur vollzieht. Eine Sachprüfung dieser Mikrovorwürfe wird am Arbeitsgericht sicher keinen Bestand habe. Jedoch sachfremde, empathiefreie Nachfolger_innen könnten die opferzentrierte histor. Deutungskompetenz der Gedenkstätte HSH nachhaltig beschädigen, wie es demnächst am Alexanderplatz in ehem. Polizeigefängnis Keibelstr. schon geschieht. Lebende Zeitzeugen sind dort nicht mehr im Konzept der jungen *Agentur für Bildung* gefragt.

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    1. Hans

      Immer tragt ihr den Begriff „Bürgerrechtler“ vor Euch her, spricht euch das heilig? Sind „Bürgerrechtler“ so eine Art Jesus Christus, ohne Fehl und Tadel? Habt ihr mal direkt im Leitungssystem der Gedenkstätte gearbeitet, um zu wissen, wie es wirklich in der Gedenkstätte zuging? Hubertus Knabe ist als Geizhals bekannt und so hatte er auch seine Mitarbeiter behandelt, miese Bezahlung, Angst nicht verlängert zu werden, Widerspruch endete mit einem „auf Wiedersehen“. Ihr wisst garnichts. Übrigens stimmt bei Frau Schönherz etwas ganz und gar nicht, sie ist nicht „stellvertretende Vereinsvorsitzende“ in der von Vera Lengsfeld neu aufgestellten und neu gegründeten Verein: VOS Berlin- Brandenburg. Dieser Verein ist schon lange Geschichte. Gründet doch mit Knabe und Frauendorfer eure eigene Gedenkstätte und lasst die Gedenkstätte Hohenschönhausen endlich in Ruhe arbeiten! Jetzt, wo dort kräftig durchgeatmet wird. Und das schreibt euch ein ehemaliger Insasse. Also keine Verschwörung oder schriftlicher Angriff von links. Wacht endlich auf!

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      1. Roland

        Hallo Hans, schön daß hier zwei Insassen miteinander diskutieren. Das Etikett Bürgerrechtler soll nicht Heiligkeit beschreiben, sondern daß der Haftgrund Bürgerrechte und zivilgesellschaftliches Engagement war. Weshalb warst du Insasse der Strafanstalt?
        Sicher habe ich schon im Leitungssystem von Gedenkstätten gearbeitet und kenne die Verunsicherung von Mitarbeitern durch Zeitverträge. Bei Existenzsicherung wird in allen Gedenkstätten gegeizt, auch wenn der Etat geringer als 2,9 Mio wie in HSH ist. Daß die Stellen der 2 weissen alten Männer oben jetzt nach Sexismusvorwürfen neu besetzt werden können, ist jedoch ausserhalb der USA noch selten.Die ersten Vorwürfe der anonymen HSH-Frauen waren im Juni keine Machosprüche: „geringe Arbeitsorganisation, bei eingeforderter maximaler Verfügbarkeit und Arbeitsbelastung, Druck durch Zeitverträge.“
        Knabes Einsatz für die Opfer kommunistischer Diktaturen hat besonders bei ehem. DDR-Eliten für Genervtheit gesorgt. Der Vorwurf, Knabe habe Mikrosexismus nicht konsequent verhindert, wirkt jetzt wie ein Vorwand, um den unbequemen Mahner schnell loszuwerden.

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