Der Jagdverbotstag

Der 9. November ist in seiner Rolle als mehrfacher Schicksals- und Gedenktag wirklich etwas Besonderes. Wer sich, wie deutsche Politiker, beruflich um die Pflege einer angemessenen Gedenkkultur bemühen muss, steht an einem solchen Tag vor einer besonderen Herausforderung. Zumal dann, wenn man das Gefühl hat, bisherige Gedenkrituale seien schon etwas abgenutzt und es brauche etwas Neues.

Wenn es um das Gedenken an den 9. November 1938 geht, war womöglich die Umbenennung der „Reichskristallnacht“ in „Reichspogromnacht“ die letzte Gedenkkultur-Innovation. Aber die brauchte auch einige Zeit, um sich durchzusetzen. Bereits im Jahr 1978 soll der damalige SPD-Bundestagsabgeordnete Klaus Thüsing vorgeschlagen haben, statt von „Reichskristallnacht“ besser von „Reichspogromnacht“ zu sprechen, um die sprachliche Verharmlosung dieser bis dato undenkbaren Welle des Staatsterrors, der mörderischen Gewalt und der zusätzlichen Entrechtung, die die Juden in Deutschland ab jenem Tag traf, zu vermeiden.

Durchgesetzt hatte sich dieser Begriff erst ab 1988 – zumindest in Deutschland. In anderen Ländern soll hingegen immer noch von „Crystal night“, „Nuit de Crystal“ oder der „Notte dei Cristalli“ gesprochen werden.

Am 80. Jahrestag der Novemberpogrome war es also an der Zeit, der pietätvollen Gedenkkultur des deutschen Staates eine neue Note hinzuzufügen. Und dabei hat sich der Freistaat Thüringen hervorgetan. Landesagrarministerin Birgit Keller (Linke) erließ für diesen Tag ein Jagdverbot in den Thüringer Landesforsten. „Als Zeichen der Pietät untersage ich Thüringenforst am 9. November jegliches Schießen und den Einsatz von Jagdhunden“, wird eine Verfügung von ihr zitiert: „Ich bin davon überzeugt, so gebietet es uns das Gedenken.“  Auch in den nächsten Jahren solle am 9. November „entsprechend verfahren“ werden.

Gegen mehr pietätvolles Gedenken an die Opfer der Pogromnacht kann niemand etwas einwenden und wenn die Genossin Keller ein Jagdverbot damit begründet, versagt ihr auch die Konkurrenz die Zustimmung nicht. „Ich finde das richtig“, reagierte der Vorsitzende des Agrarausschusses im Thüringer Landtag, Egon Primas (CDU), nach Bekanntwerden des Verbots: „Frau Keller hat meine Unterstützung.“

Kommt eigentlich keiner auf die Idee, die Genossin Keller zu fragen, wieso nur die Jagd das Gedenken stört und nicht all die anderen profanen Dinge, die an diesem 9.November aller Pietät zum Trotz stattfinden? Warum nur die Jäger?

In Thüringen ist der 9. November, so konnte man es lesen, künftig wegen des Gedenkens an die Pogrome ein regelmäßiger Jagdverbotstag. Um das nun als Teil einer neuen Gedenkkultur würdigen zu können, bräuchte es von der Genossin Ministerin allerdings noch eine genauere Antwort auf die Frage, warum unter all den pietätlosen Verrichtungen dieses Tages die Jagd so besonders störend ist? Wegen derer besonderen Rolle im Nationalsozialismus? Irgend so etwas sollte den Jagdverbotstag schnell offiziell begründen, sonst ist zu befürchten, dass irgendwer laut ausspricht, dass doch an einem Tag, der in Verbindung mit dem Mord an so vielen unschuldigen Menschen steht nicht auch noch unschuldige Tiere erschossen werden dürften.

Noch besser wäre es, die Landwirtschaftsministerin würde ihre Probleme, die sie mit der Jagd und den Jägern hat, vielleicht ohne die Ausnutzung von Gedenktagen regeln, als „Zeichen der Pietät“ gewissermaßen.

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