Die jungen Wählerherzen der Universität Leipzig

Es gibt Studien, die sind schon in ihrem Titel so herzergreifend, dass es sich beinahe verbietet, öffentlich über ihren Sinn für die Allgemeinheit zu räsonieren. Doch wenn der Auftraggeber mit Steuergeldern zahlt, ist eine solche Frage leider unumgänglich, wenn sie sich ohnehin schon aufdrängt. Worum geht es? Die Abteilung für Medizinische Psychologie und Medizinische Soziologie der Universität Leipzig hat ein wissenschaftliches Werk mit dem romantischen Titel „Die Parteien und das Wählerherz 2018“ in Auftrag gegeben.

Für Pressemeldungen sorgte die Studie, weil in ihr u.a. herausgearbeitet wurde, dass Wähler der AfD die größten Narzissten seien, dicht gefolgt von den Linken-Anhängern. Am wenigsten selbstverliebt ist demnach übrigens die SPD-Gefolgschaft. Das ist wiederum nicht verwunderlich, denn um sich heutzutage zur SPD zu bekennen, ist schon eine selbstverleugnerische Leidensfähigkeit vonnöten.

So ehrenwert der Anspruch ist, das Befinden des deutschen Wählerherzens zu ergründen, fragte sich sicher mancher Leser der entsprechenden Pressemeldungen, warum es eine Studie geben musste, um zu beweisen, dass AfD-Wähler die größten Narzissten sind. Sollte den Lesern die Erkenntnis vermittelt werden, dass sich die, deren Wählerherz zur Stimmabgabe für die AfD drängt, in ein Umfeld von Gestörten begeben?  Oder ist die AfD-Wählerschaft vielleicht wirklich besonders schwierig?

Im eigenen Umfeld lässt sich das schwer überprüfen. Zum einen ist der Freundes- und Bekanntenkreis kein Tummelplatz für unangenehme oder dumme Menschen und zum anderen bekennt sich ja heutzutage in bestimmten Soziotopen keiner offen dazu, in der Heimlichkeit der Wahlkabine sein Kreuz bei denen gemacht zu haben, vor denen allenthalben gewarnt wird. Und diejenigen, die einem so nahestehen, dass sie einem selbst solch unanständige Stimmabgabe anvertrauen, empfindet man in der Regel dennoch nicht als unangenehme Menschen. Also sollte man doch einen Blick in die Studie selbst werfen und siehe da, es erklärt sich vieles.

Auf der Spur der Parteipräferenzen

Immerhin wird ja das diesjährige Wählerherz neben dem Narzissmus auch hinsichtlich „Parteipräferenz und Nettoeinkommen“, „Parteipräfenz und Arbeitslosigkeit“, „Parteipräferenz und Geschlecht“, „Parteipräferenz und Abitur“, „Parteipräferenz und Konfession“ sowie „Parteipräferenz und Autoritarismus“ durchleuchtet.

Manche Aussagen sind dann sowohl hinsichtlich der Fragestellungen als auch der Ergebnisse so, wie es sowohl Auftraggeber als auch die meisten Leser von einer solchen Studie sicherlich nicht anders erwartet hätten. Der AfD-Wähler und der CDU-Wähler mag’s gern autoritär, während es Grüne- und FDP-Anhänger am wenigsten autoritär mögen. Verwunderlich an diesem an sich erwartbaren Ergebnis ist eigentlich nur die Wahrnehmung der grünen Wählerherzen. Denn etliche Bevormundungs-, Volkserziehungs- und Verbotsvorstellungen in der Partei sind ja nun wirklich ausgesprochen illiberal. Doch wenn man sich die Feststellungen, denen man zustimmen oder die man ablehnen sollte, im Einzelnen anschaut („Unruhestifter sollten deutlich zu spüren bekommen, dass sie in der Gesellschaft unerwünscht sind“, „Gesellschaftliche Regeln sollten ohne Mitleid durchgesetzt werden“, „Wir brauchen starke Führungspersonen, damit wir in der Gesellschaft sicher leben können“ oder „Es ist immer das Beste, Dinge in der üblichen Art und Weise zu machen“), dann ist klar, dass das Autoritäre hier nur in einer Richtung verortet wird.

Aber weiter mit dem groben Blick durch die Ergebnisse: Dass die AfD-Wähler mit 63 Prozent den höchsten Männeranteil haben, überrascht nicht, doch wer nun den höchsten Frauenanteil bei den Grünen vermutet, liegt falsch. Der liegt am höchsten (71,4 Prozent) bei den Unentschlossenen, am zweithöchsten (61,1 Prozent) bei den Nichtwählern, mit 59,8 Prozent folgt die FDP und dann kommen erst mit 58,5 Prozent die Grünen.

14-jährige Wählerherzen?

Wenn es um Parteipräfenz und Nettoeinkommen geht, dann erfahren wir etwas über die Wählerherzen, die weniger monatlich als 1000 Euro bekommen (auf den ersten Plätzen liegen Unentschlossene, Nichtwähler, Linke und SPD) und die die mehr als 2500 Euro verdienen (hier liegen FDP und Grüne vorn). Wofür das Wählerherz zwischen 1000 und 2500 Euro netto monatlich schlägt, erfahren wir leider nicht. Aber dafür, dass sich unter den AfD-Wählern mehr Arbeitslose finden, als bei den anderen Partei-Anhängern.

Aber genug der Ergebnisse, nur noch eine Frage zum Schluss: Auf welcher Datengrundlage fußt denn die Studie der Leipziger Universität eigentlich? Wie ist doch so schön zu lesen:

„Die Daten der vorliegenden statistischen Analysen entstammen der repräsentativen Befragung der deutschsprachigen Wohnbevölkerung zum körperlichen und geistigen Wohlbefinden (Projektleitung: Prof. Dr. Elmar Brähler, Prof. Dr. Jörg M. Fegert). Dabei handelt es sich um eine Befragung von zufällig ausgewählten deutschsprachigen Personen ab 14 Jahren, die im Zeitraum von November 2017 bis Februar 2018 durchgeführt wurde. Die Personen wurden nach dem ADM-Stichprobensystem ausgewählt und zu Hause aufgesucht. Die Interviewer standen bei Schwierigkeiten den Befragten zur Verfügung. Durchgeführt wurde die Befragung von dem Markt- und Meinungsforschungsunternehmen USUMA GmbH. Insgesamt umfasst der Datensatz die Angaben von 2531 Personen.“

Interessant. Haben die Wissenschaftler bei noch nicht Wahlberechtigten schon Wählerherzen zu entdecken vermocht?. Diese Innovation wäre ja wirklich ein wenig Steuerzahler-Geld wert, oder? Aber bei genauerem Lesen findet sich etwas später der Satz: „Nicht wahlberechtigte Personen, die jünger als 18 Jahre alt waren, sind von der Analyse ausgeschlossen.“ Also ging es offenbar bei der Datenerhebung ursprünglich gar nicht so sehr um die Wählerherzen? Man befragt ja wohl kaum 14-Jährige, wenn man sie anschließend von der Analyse ausschließt. Ist die Studie also nur eine Zweitverwertung erhobener Daten?

1 Kommentar

  1. Immo Sennewald

    Immer wieder faszinierend, für welchen Schwachsinn inzwischen Steuergeld an deutschen Universitäten verbrannt wird. Auffällig gleichwohl, dass der dicke Zeigefinger immer genau in Richtung derjenigen zeigt, die staatliche Rundumversorgung mit kollektivistischen Erziehungszielen ablehnen. Dass individuelle Meinungsfreiheit als Narzissmus (gern auch Egozentrik, Egomanie etc.) abqualifiziert wird, kommt freilich dem DDR-Erfahrenen sehr bekannt vor. Aber das ist nur ein Déjà Vu in Zeiten einer Politbürokratie, die sehr genaue Vorstellungen davon entwickelt, womit sie Menschen glücklich machen will.

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