Der Kapitän hat Mitleid

Twitter ist ja eigentlich ein Medium fürs kurze schnelle Statement und wird inzwischen deshalb gern von Menschen genutzt, die viel mitteilen wollen, aber dazu keine Zeit haben. Doch es gibt scheinbar auch Tweets, die erst lange reifen müssen und wenn sie dann geschrieben sind, auch nicht sofort von der Öffentlichkeit gewürdigt werden.

Einen solchen verbreitete Claus-Peter Reisch, bekannt als Kapitän der Lifeline. Das Schiff machte im letzten Sommer Schlagzeilen, als es in Malta festgehalten wurde, angeblich wegen falscher Registrierung. Medieninteresse zog der Fall natürlich nur auf sich, weil die Lifeline zuvor im Mittelmeer unterwegs war. Und zwar, um Migranten aus ihren unsicheren oder in Seenot geratenen Schleuser-Booten zu retten und sie sicher an ihr nächstes Etappenziel, in einen europäischen Hafen zu bringen.

Reisch war vor seinem Zwangsaufenthalt in Malta tagelang ziellos unterwegs, weil zunächst kein europäischer Hafen seine Passagiere an Land gehen lassen wollte. Auch das ist vielleicht durch ausführliche Berichterstattung seinerzeit vielen noch gewärtig.

Natürlich schrieb auch der seinerzeit hochgelobte Reporter Claas Relotius über den Fall. Und zwar so einfühlsam, dass sich bestimmt viele Leser nachhaltig in ihrer Überzeugung bestätigt sahen, das Wirken eines solchen Kapitäns und seiner Organisation sei enorm wichtig und auch förderungswürdig. Allein der Titel „Der Kapitän weint“ könnte manchen, der – wie der Volksmund sagt – nah am Wasser gebaut ist und sich sofort einen gestandenen Seebären mit Tränen vorstellt, so anrühren, dass ihm die Augen feucht werden.

Nun steht Relotius bekanntlich seit Dezember nicht mehr so hoch im Kurs. Fehlte doch seinen schönen anrührenden Geschichten meist der nötige Wahrheitsmindestgehalt, um noch als Reportage durchgehen zu können. Und alle, die bis dato mit dem Reporter und seinen Werken zufrieden waren und keinen Anlass zur Kritik fanden, distanzieren sich seither von ihm und all den Fehlern, Fälschungen und Fake-News, die ihnen zuvor gar nicht aufgefallen waren.

„Kein Material geliefert“

Manche Erkenntnis muss offensichtlich erst reifen. So könnte es zwischen den Feiertagen auch beim „weinenden Kapitän“ gewesen sein, jedenfalls twitterte er am 28. Dezember 2018:

„Der #Relotius-Text über mich liest sich wie eine literarische Geschichte, die so nicht stattgefunden hat aufgepeppt mit ein paar Fakten, die z.T. auch noch falsch sind. Die Co-Autor*innen können einem dafür leid tun, was aus ihrer Arbeit gemacht wurde.“

Was genau falsch ist, erfahren wir nicht. Dafür gibt es einen kleinen Nachfragedialog auf Twitter zum Artikel.

„Der ist wann erschienen?“, fragt eine Leserstimme.  „06. Juli 2018“, antwortet Reisch. Nachfrage: „Ich habe es nicht verfolgt, daher meine Frage: Sie haben ihn jetzt zum ersten Mal gelesen?“ Reisch: „Ich hatte damals keine Zeit, mich damit zu beschäftigen und ließ nur eine falsche Tatsachenbehauptung ändern, die mich vor Gericht in Schwierigkeiten hätte bringen können.“

Aha. Also eine falsche Tatsachenbehauptung ließ er ändern. Aber beispielsweise für einen so gewichtigen Tweet, wie den oben zitierten, fand er keine Zeit? Gut, das kann passieren und wenn die Relotius-Fälschungen nicht aufgeflogen wären, hätte sich wahrscheinlich auch kaum ein Mensch mehr die alte Geschichte vom weinenden Kapitän noch einmal durchgelesen. Doch jetzt war es auch für Kapitän Reisch an der Zeit, sich vom Fälscher zu distanzieren.

Interessant ist sein Schlusssatz: „Die Co-Autor*innen können einem dafür leid tun, was aus ihrer Arbeit gemacht wurde.“

Müssen sie einem wirklich leid tun? Warum haben sie sich gefallen lassen „was aus ihrer Arbeit gemacht wurde“? Bei Spiegel-Online wurden die Relotius-Artikel jetzt alle mit einem Warnhinweis wegen „weitgehender Fälschungen und Manipulationen durch den Autor“ versehen. Bei der Geschichte vom weinenden Kapitän steht ergänzend:

„Für diesen Artikel hat Claas Relotius allerdings kein Material geliefert, sondern lediglich die Teile, die von den anderen Teammitgliedern recherchiert wurden, in der Hamburger Redaktion zu einem Text zusammengefasst.“

Vier Autoren stehen namentlich für das Stück. Relotius hat nach obiger Auskunft selbst nichts recherchiert. Das heißt, die anderen beteiligten drei Kollegen kannten alle Fakten und hätten die Abweichungen demzufolge bemerken können. Aber sie waren sicher auch, wie Kapitän Reisch, zu beschäftigt, um sich darum zu kümmern. Da sei ihnen das Mitleid von Kapitän Reisch gegönnt.

2 Kommentare

  1. Rainer Wehpunkt

    Eine eindrucksvolle Information und ein weiteres Mosaiksteinchen, welches beweist, dass es nicht um einen Einzelfall namens Claas Relotius geht, sondern wie umfassend durchtrieben und skrupellos das ganze System bei allen Beteiligten funktioniert.

    Gutmenschen-Junkies brauchen solche Geschichten, um ihren Realitätssinn zu betäuben. Leider ist dieser Alptraum noch lange nicht vorbei, denn Unrechtsysteme geben nicht auf, selbst wenn ihre verlogene Struktur entlarvt wird. In diesem Fall kommt dann ein schamloses „Ich hatte damals keine Zeit, mich damit zu beschäftigen“ – und weiter geht’s mit Lügen und Betrügen, Ahoi und volle Kraft vorraus!

    Trotzdem vielen Dank für die hervorragende Berichterstattung, kann doch auch hinterher niemand mehr sagen, er habe von Nichts gewusst.

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  2. Meier

    Der Kapitän verlässt das stinkende Schiff….. aber die anderen Stinker paddeln noch eine Weile auf den Wogen.

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