Irre Ängste, irre Zahlen

Wer die Vokabel „Überfremdung“ in seinem Wortschatz hütet, ist ja bekanntlich entweder irre oder rechts. Wer das nicht glauben will, kann es sich von den Kollegen der öffentlich-rechtlichen Sender erklären lassen. So wie hier von einer versierten Kommentatorin aus dem ARD-Hauptstadtstudio, die zum Thema Zuwanderung sagt:

Das Thema bleibt also auf der Weltagenda und ist nach wie vor wichtig. Aber es taugt nicht dazu, völlig irre Ängste vor Überfremdung im eigenen Land zu schüren. Das zeigen die Zahlen heute ganz eindeutig.

Es kommen weniger Asylsuchende als vor 2014, also noch vor dem Krisenjahr 2015. Damals hat sich kaum jemand in Europa um Flüchtlinge gekümmert – außer den Italienern, die man mit den Problemen kollektiv im Stich gelassen hat. Das war ein Fehler – und wie es aussieht, haben die Politiker das auch erkannt, selbst wenn sie keine gemeinsame Lösung dafür finden.“

Die Bezugsgröße ist also 2014? Seinerzeit verzeichnete das Bundesinnenministerium 202.834 Asylanträge, das war gegenüber dem Vorjahr eine Steigerung um etwa 60 Prozent. Dass einmal mehr als eine Million Asylbewerber innerhalb weniger Monate weitgehend unkontrolliert ins Land gelassen würden, war damals noch unvorstellbar.

Aber der Eindruck, im Jahr 2014 hätte die damalige Zuwanderungs-Rekordzahl niemanden interessiert, lässt bei der Hauptstadtstudio-Kollegin ein zuweilen schwaches Gedächtnis vermuten. Dass der Zuwachs der Migration in die Sozialsysteme und erste Unterbringungs-Probleme in den Kommunen die Auslöser der Ende 2014 rasant anwachsenden Pegida-Demonstrationen in Dresden waren, daran sollte man sich erinnern können, wenn man seinerzeit nicht gerade ein Sabbat-Jahr in Nordkorea verbracht hat. Der Protest gegen die „angebliche Islamisierung“, getragen von „irrationalen Überfremdungsängsten“ war damals in den Medien omnipräsent, selbstverständlich so gut wie nie ohne richtige redaktionelle Einordnung, also demonstrativen Abscheu der Medienschaffenden.

Der wegen Einbruchdiebstahl, Drogenhandel und Körperverletzung vorbestrafte und darob einst selbst einmal flüchtige Initiator und Frontmann der Proteste war – wie auch manch ein Redner – wahrlich nicht gerade ein Aushängeschild in Sachen Seriosität, doch leider bewahrheitete sich die eine oder andere damals dort ausgesprochene böse Ahnung trotzdem in den folgenden Jahren.

Gut, das ist Geschichte. Pegida ist inzwischen in der Medienwahrnehmung zu einem Stück regionaler Dresdener Folklore geschrumpft, ist radikaler im Auftritt als damals, während – zumindest theoretisch – Forderungen des ersten Pegida-Thesenpapiers längst Eingang in die Kataloge der einst großen deutschen Parteien gefunden haben, wie beispielsweise die Forderung nach einem Einwanderungsrecht nach kanadischem Vorbild. Was allerdings auf praktisches politisches Handeln kaum Einfluss hat.

Gut, machen wir es jetzt vielleicht besser wie die Kollegin, die „Ängste vor Überfremdung“ für „völlig irre“ hält und vergessen Pegida. Wie man richtig mit Überfremdungsängsten umgeht, das weiß auch MDR 360 G, das „Medienportal des Mitteldeutschen Rundfunks für Medienunternehmen“. Dort fragte man namhafte Kollegen hinsichtlich des eigenen professionellen Umgangs mit solchen Phänomenen:

Ein wichtiger Tipp gegen Worthülsen, Kampfbegriffe und Schlagworte ist für Küppersbusch immer die Konkretisierung. Wenn zum Beispiel ein Politiker eine „Überfremdung durch Asylanten“ anspricht, sei es sinnvoll, direkt nachzufragen: „Was heißt das jetzt konkret? Wo sind Sie zu Hause in Ihrem Dorf von Asylanten überfremdet? Ist es im Vorgarten, ist es auf dem Bürgersteig? Wo stehen die da bei Ihnen?“

Nun ist es natürlich nicht die drohende „Überfremdung“ durch die aktuellen Asylbewerber und anderen Zuwanderer, die immer mehr autochthone Deutsche umtreibt. Hätte das Land alle früheren Zuwanderungswellen erfolgreich geschultert, wären die Migrantengenerationen vergangener Jahrzehnte mit ihren Nachkommen größtenteils Teil der deutschen Gesellschaft geworden, könnte man Überfremdungsängste wahrscheinlich wirklich für überzogen, irre oder von rechtsextremer Gesinnung motiviert halten. Doch das ist nicht gelungen, wie nicht nur die kriminellen Clans aus arabischen Großfamilien zeigen, die sich über Generationen entwickelt haben. Man sieht es auch, wenn man eine Meldung wie diese liest:

Der Anteil der Kinder, die bei den Schuleingangsuntersuchungen ein fehlerfreies Deutsch vorweisen konnten, lag im Jahr 2017 in ganz Duisburg nur noch bei 8,2 Prozent, meldete rp-online. Der Anteil der Schulanfänger, die überhaupt kein Deutsch beherrschen, habe dagegen bei 16,4 Prozent gelegen. Weiter heißt es:

Hintergrund dieser Entwicklung ist laut dem Bericht der steigende Anteil von Kindern mit Migrationshintergrund. Weniger als die Hälfte (49,9 Prozent) der Kinder, die sich im Jahr 2017 der Schuleinganguntersuchung unterzogen haben, wuchsen mit Deutsch als Erstsprache auf. 50,1 Prozent stammten dagegen aus Haushalten, in denen eine andere Sprache gesprochen wird.

In einigen Stadtteilen sind deutsch sprechende Familien offenbar mittlerweile eine echte Minderheit. So lag der Anteil von Kindern, deren Erstsprache eine andere ist als Deutsch in Marxloh bei 74,4 Prozent, in Bruckhausen bei 87,5 Prozent und in Hochfeld sogar bei 87,9 Prozent. Die Stadtteile, in denen die meisten deutschsprachigen Kinder aufwachsen, finden sich dem Bericht zufolge in den Randbereichen Duisburgs. In Alt-Walsum (10,8), Baerl (14,3), Rumeln (12,4), Mündelheim (13,6), Ungelsheim, (12,5) Wedau (11,8) und Bissingheim (10,0) lag der Anteil an Kindern mit einer anderen Erstsprache bei unter 20 Prozent.“

Das sind die Sechsjährigen, die in zwölf Jahren volljährig sind. Sollte man da nicht auch als Nicht-Irrer oder Nicht-Rechter Angst bekommen dürfen? Es ist ja wohl kaum eine Beruhigung, dass sich bis dahin die „Leichte Sprache“ weiter etabliert hat, so dass eine Verständigung über grundlegende Bedürfnisse und Ansprüche gewährleistet bleibt.

Aber vielleicht ist da Duisburg ein bedauerlicher Einzelfall? Zumindest nicht der einzige Einzelfall, wie das ja mit so manchen Einzelfällen ist. In diesen Einzelfall-Reigen reiht sich beispielsweise – wen wundert’s – auch Berlin ein. Und – so weiß man in der Hauptstadt – die Probleme betreffen nicht nur die Sprache. Der Tagesspiegel berichtet:

Berlins Erstklässler kommen mit schwerwiegenden Defiziten in die Schule – und zwar sogar dann, wenn sie über zwei Jahre lang eine Kita besucht haben. Dies belegen die Einschulungsuntersuchungen für 31.000 Erstklässler zum Schuljahr 2017, deren Ergebnisse jetzt von der Senatsverwaltung für Gesundheit veröffentlicht wurden. Insgesamt werden bei fast 30 Prozent aller Erstklässler motorische und feinmotorische Störungen festgestellt, ein Viertel hat kaum eine Mengenvorstellung. Der Schulstart ist somit massiv erschwert. Am stärksten von den Defiziten betroffen sind arabischstämmige Kinder.

Dies betrifft besonders den Bereich der Visuomotorik, also die Auge-Hand-Koordination, die es etwa ermöglicht, etwas akkurat auszuschneiden oder Strichzeichnungen nach einer Vorlage zu vervollständigen: „Grenzwertige“ oder „auffällige“ Befunde gab es bei über 30 Prozent der Erstklässler. Dahinter verbergen sich folgende auf die Herkunft bezogene Zahlen: Bei den 16.400 deutschstämmigen und osteuropäischen Kinder besteht die Problemgruppe aus rund einem Drittel, bei den 2600 arabischstämmigen aus über 50 Prozent und bei den 2400 türkischstämmigen aus 37,5 Prozent.“

Vielleicht sind nicht die Überfremdungsängste „völlig irre“, sondern diejenigen, die sie samt und sonders als Ausdruck völkischen Wahns missdeuten und ihre Ursachen verdrängen. Wer Zuwanderung will, muss sie in harter Arbeit und mit Konsequenz so organisieren, dass sie mit der vorhandenen Gesellschaft und ihren Werten und Regeln kompatibel ist. Wer sich das Zuschauen und Nichtstun beim Entstehen und Erstarken inkompatibler Parallelgesellschaften mit blumig-wolkigen Sprechblasen von Vielfalt und Toleranz schönredet, sorgt dafür, dass die Ablehnung gegenüber jedweder Migration wächst. Doch das ist ja den meisten Medienschaffenden wahrscheinlich egal. Sie werden immer erklären können, warum sie daran nicht schuldig waren.

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