Mit Poesie gegen alle Vereinnahmungen

Diese Rezension sollte schon längst geschrieben worden sein. Eine Weile finden sich durchaus stichhaltige Ausreden, das Schreiben eines Textes, der nicht tagesaktuell ist, immer wieder zu verschieben. Der eigentliche Grund war in diesem Fall aber: Ich hatte Sorge, nicht den diesem Werk angemessenen Ton zu treffen. Es gibt nicht den einen spektakulären Aspekt, mit dem man leicht für das Buch werben könnte. Es ist die gesamte Komposition dieser 200 Seiten, die es so lesenswert macht, obwohl sich seine Faszination nicht so leicht rezensionskompatibel beschreiben lässt.

„Hölderlin. Das halbe Leben. Eine poetische Biographie“, der Titel weckt hohe Ansprüche, denen das Buch in einer so unprätentiös schönen Art gerecht wird, das man es nicht mit – wenn auch vollkommen ehrlicher und aufrichtiger – Lobhudelei beleidigen möchte. Aber irgendwie läuft es darauf hinaus. Genug der Vorrede.

Ob es nach all den verschiedenen Hölderlin-Biographien noch eine weitere gebraucht hätte? Kurz und bündig: Eine derer, wie es schon so viele gibt, sicher nicht, doch ohne diese würde einem etwas fehlen. Nicht nur, weil man mit der „poetischen Biographie“ in einer so schönen Sprache und fundierter Leichtigkeit durch Leben und Werk Hölderlins geführt wird, sie überspielt die Beschwernisse dieses Lebens trotzdem nicht.

Es ist einfach beeindruckend, wie es dem Autor Jürgen Hultenreich gelingt, auf nur gut 200 Seiten so intensiv in die Zeit und das Umfeld seines Protagonisten einzutauchen. Dadurch kommt einem diese doch recht ferne Epoche mit all den prominenten Denkern und Literaten, die einen Bezug zu Hölderlin hatten, plötzlich sehr, sehr nahe. Manche Debatte, beispielsweise die der Studenten Hegel, Schelling und Hölderlin aus den Umbruchzeiten kurz nach der Französischen Revolution, rekonstruiert Hultenreich herrlich lebendig, dass sie einem zum Teil beeindruckend aktuell anmutet, ohne dass Letzteres irgendwie gewollt wirkt.

Im Gegenteil: Gegen die Versuche der Nachgeborenen, seine Protagonisten ideologisch zu vereinnahmen, setzt sich der Autor klar, aber auch stilvoll en passant zur Wehr.

Natürlich geht es in einer Hölderlin-Biographie neben den Prägungen durch die Lebensumstände und Zeitläufte, die Entscheidungen und Handlungen, das Werk und seine Entwicklung natürlich auch immer wieder um Weltanschauungen in ihren ganz verschiedenen Facetten. In Zeiten, in denen selbst die Beschreibung vergangener Weltsichten für ein erwachsenes Publikum kaum noch ohne einen gouvernantenhaften Ton auskommt, ist es mehr als erholsam, hier der Freude am Denken nachspüren zu können. Sowohl der der Protagonisten als auch der des Autors.

Wer als guter Bildungsbürger schon viel von und über Hölderlin gelesen hat, lernt das Netzwerk aus Freunden, Protegés, Bewunderten, Bewunderern, Auftraggebern, Dichterkollegen, anregenden Denkern, Frauen und Geliebten manchmal neu kennen. Wer trotz bester Vorsätze nie dazu gekommen ist, kann ihn nicht besser kennenlernen. An allen handelnden Personen werden die jeweiligen Zeitläufte und Lebensumstände so schön komprimiert und scheinbar beiläufig erklärt, dass es die Kenner nicht langweilt und gleichzeitig jedem Leser, dessen Wissen an der einen oder anderen Stelle vielleicht einer Auffrischung bedarf, unaufdringlich hilft. Hultenreichs poetische Biographie schafft etwas, das selten gelingt: Sie ist durch interessante Perspektiven sowohl für Experten eine lohnende Lektüre, als für den Laien eine fesselnde.

Nicht nur die vielfältige Biographie mit zugehöriger Zeitreise bringt Hultenreich auf den 200 Seiten unter, sondern wie nebenbei auch die Auseinandersetzung mit den Ungenauigkeiten und manchmal wilden Spekulationen anderer Hölderlin-Biographen. „Nichts ist gefährlicher bei Hölderlin, als die Überlassung seiner Schriften an subjektive Handleserinnen“, heißt es bei Hultenreich. Deshalb hat  – gut eingerahmt – auch hinreichend Originalton Platz gefunden.

„Die Absage an die Deutschen“  ist formvollendet. Wer sie aufmerksam liest, staunt über ihre biblische Schroffheit. Sie taucht vulkanisierend, wie nachmals Hölderlins lichte Momente in den Zeiten seiner geistigen Verdunklung, inmitten herrlichster Passagen auf und hat nicht nur Nietzsche inspiriert. Schiller soll die Absage mit langem Kopfschütteln quittiert haben.

Die Deutschen seien Barbaren von alters her …, in jedem Grad der Ärmlichkeit und der Übertreibung beleidigend für jede gut geartete Seele … Ich kann kein Volk mir denken, das zerrissener wäre. Handwerker siehst du, aber keine Menschen; Herrn und Knechte, Jungen und gesetzte Leute, aber keine Menschen …Ein Jeder treibt das Seine … Voll Lieb‘ und Geist und Hoffnung wachsen seine Musenjünger dem deutschen Volk heran; du siehst sie sieben Jahre später, und sie wandeln, wie die Schatten, still und kalt, sind wie ein Boden, den der Feind mit Salt besäete, daß er nimmer einen Grashalm treibt … Es ist auf Erden alles unvollkommen, ist das alte Lied der Deutschen. Wenn doch einmal diesen Gottverlaßnen einer sagte, daß bei ihnen nur so unvollkommen alles ist, weil sie nichts Reines unverdorben, nichts Heiliges unbetastet lassen mit den plumpen Händen … Und wehe dem Fremdling, der aus Liebe wandert und zu solchem Volke kömmt und dreifach wehe dem, der, so wie ich, von großem Schmerz getrieben, ein Bettler meiner Art, zu solchem Volke kömmt.

Als den eigentlichen Gegensatz zur Menschlichkeit empfand Hölderlin nicht den Krieg oder den Zerstörungswillen, sondern die korrekte, kalte Sachlichkeit. Sie wirkte auf ihn Grauen erregend. Doch war er nicht selbst einer von diesen Deutschen – tatenarm und gedankenvoll? Niemand hat wie er unter der Unbill der Zeit gelitten. Traurig nennt er sich einen heimatlosen Sänger, denn die Erde, die freie, sie muß ja, leider! Statt des Vaterlands ihm dienen, solang er lebt.“

Auch mit den vielen der wilden Spekulationen über Hölderlins Erkrankung räumt Hultenreich auf. Hat der Dichter simuliert? Dann hätte er ein komplexes Krankenbild vorgetäuscht, das erst viel später wissenschaftlich beschrieben worden ist. Doch all diese Klarstellungen, Erklärungen, Diskurse werden, wie alle wichtigen Informationen, immer kunstvoll beiläufig in die Erzählung von Hölderlins Lebensgeschichte eingewoben. So kommt nie das Gefühl auf, belehrt zu werden.

EDITION A. B. FISCHER, 2018
Gebunden, Mit Lesebändchen
208 S., mit ca. 30 historischen Abbildungen
Abmessung: 144 mm x 214 mm x 21 mm

ISBN/EAN: 9783937434940, 24,00 €

Leseprobe des Verlags

 

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