Die Kunst der Integrations-Reportage

Der Ruf der engagierten Reportage, die mit berührenden Geschichten und einfühlsamen Worten bei den Lesern den Sinn für das Gute und politisch Richtige weckt und stärkt, ist seit der Aufdeckung des mangelnden Wahrheitsgehalts in den Meisterwerken von Claas Relotius bekanntlich ziemlich ramponiert. Deshalb soll eine Reportage, die sowohl inhaltlich mit der besten Botschaft als auch sprachlich glänzen kann, ohne dass Orte und Personen erfunden werden mussten, an dieser Stelle gewürdigt werden.

Wir werden nicht auf Südsee-Inseln geführt, die den steigenden Meeresspiegel fürchten und lesen auch nicht von Flüchtlingskindern, denen Angela Merkel im Traum erscheint, wie bei Relotius. Nein, wir dürfen bei der Lektüre einer Reportage von Eva Corino in der Zeit in die unbekannte Welt der arabischen Barber-Shops in Ostdeutschland eintauchen, also genauer in einen Barber-Shop in Erfurt, aber der soll ein schönes Beispiel gelungener Integration sein.

Gerade in ostdeutschen Städten, die vor der Masseneinwanderung der letzten Jahre kaum arabische Wohnbevölkerung aufwiesen, fällt auf, wie viele arabische Barber-Shops in manchen Straßen entstanden sind. Man kann es kaum übersehen und manch ein Passant hat sich wahrscheinlich schon gefragt, wie sich diese Läden, oftmals viele nebeneinander, alle halten können. Allein die Tatsache, dass Mieten, Ladenausstattung, Nebenkosten und Löhne aus dem Geschäft mit den preiswerten Dienstleistungen seriös erwirtschaften werden müssten, mutet wie ein orientalisches Wunder an.

Insofern befriedigt der Reporterinnen-Gang in diese Läden tatsächlich ein Informationsbedürfnis. Ich kenne einige Journalistenkollegen, die ebenfalls gern einmal der Frage nachgegangen wären, wie sich diese Läden finanzieren. Aber der Gedanke, mit der Recherche am Ende vielleicht in Geldwäscheströmen arabischer Clans zu landen, war hinreichend beunruhigend, um von dem Vorhaben wieder abzulassen.

Eva Corino hat sich nun in die Barber-Shops gewagt und sie als Heimstatt der Integration erkannt. Die englische Bezeichnung geben sich die meisten übrigens selbst, auch wenn die Reporterin als Liebhaberin einer schönen Sprache natürlich lieber von Barbieren schreibt. „Integration beginnt am Kopf“ ist ihr Werk überschrieben. Einen arabischen Barbershop mit seinen vier Friseuren, vielen arabischen, aber auch einigen deutschen Kunden – ja sogar Frauen kommen manchmal – lernen wir als einen Ort kennen, der zeigen soll, wie gut doch die neue bunte Welt funktionieren kann – sogar im Osten.

„Der schüchterne Jüngling, der gerade durch die Tür tritt, wird mit einem lässigen Handschlag begrüßt, setzt sich auf das goldene Sofa und wartet. Jemand serviert Tee in tulpenförmigen Gläsern. Melismenverzierte Liebeslieder schmachten aus den Boxen. Nach ein paar Minuten winkt Toni, der Besitzer des Ladens, den Jüngling auf seinen Stuhl: „Bruder, was geht? Was soll ich dir machen?“ Der antwortet: „Also an den Seiten zwei Millimeter, im Nacken ein Millimeter.“ […] Eine Szene aus der Sonnenallee in Neukölln? Nein, wir befinden uns in Erfurt, Ausländeranteil bei 8,5 Prozent. Nicht viel für eine Landeshauptstadt, zum Vergleich: Düsseldorf zählte 2018 über 23 Prozent. In den letzten drei Jahren haben hier einige orientalische Barbershops eröffnet, zunächst vor allem in den kleinen Seitengassen rings um den Bahnhof. Delal ist der erste Laden, der sich im Sommer 2017 mitten ins Zentrum gewagt hat. Er liegt vis-à-vis der Thüringer Staatskanzlei und nur ein paar Hundert Meter vom Domplatz entfernt, wo Björn Höcke bei den großen AfD-Demonstrationen im Jahr 2015 seine „Merkel muss weg“-Reden hielt. Umfragen für die Landtagswahl im Oktober sehen die AfD bei satten 22 Prozent.

Selbst in diesem feindlichen Umfeld habe sich der Laden „zu einem besonderen Ort der Integration entwickelt“, weil wegen der niedrigen Preise inzwischen auch eingeborene Erfurter zur Pflege von Haupthaar und Bart kommen. Wer sich wie durch den Umstand integriert, wenn Deutsche zu arabischen Barbieren gehen, sei dahingestellt. Bevor aber jemand auf die Idee kommt, diese Begegnungen würde es nur wegen des Preises, also aufgrund schnöden marktwirtschaftlichen Verhaltens geben, darf der Besitzer noch sagen, dass er fest überzeugt ist, dass die deutschen Friseure nur auf das Haupthaar schauen, während ihre orientalischen Kollegen die ganze Büste im Blick haben, Haupthaar, Haut, Gesicht, bei den erwachsenen Männern auch: den Bart.

Und dann dürfen in der Reportage verschiedene Kunden auftreten, die mit ihren Geschichten sicher für großes Verständnis beim Leser sorgen, wenn man nicht allzusehr nachfragt. Aber damit stört Frau Corino die Integrationsharmonie nicht. Beispielsweise wenn der „vornehm wirkende Achmed“ auftritt:

Mit 13 Jahren ist er aus Afghanistan nach Italien gewandert, allein. Sein Vater habe noch gefragt: „Was willst du da?“ Achmed sagt, er wisse auch nicht, was damals in ihn gefahren sei. Bis zur neunten Klasse ist Achmed in eine italienische Schule gegangen, dann hat er in verschiedenen Restaurants gearbeitet und gelernt, wie man Pizza bäckt. Seit zwei Jahren ist er Pizzabäcker bei Da Roberto am Erfurter Domplatz.

Keine Nachfrage? Sollen wir mit Frau Corino glauben, dass Achmed gegen den Willen des Vaters auf Wanderschaft nach Italien gegangen ist? So ganz ohne Geld? So ganz ohne Zahlungen an Schleuser? Auch die Frage, warum Achmed dann nach dem Erlernen des Pizzabäckerhandwerks plötzlich nach Deutschland geht, wird nicht aufgeworfen. Es scheint eine unausgesprochene Selbstverständlichkeit zu sein, dass es Migranten nun einmal ins Land der Willkommenskultur zieht, was die Einwohner dieses Landes doch bitte begrüßen sollen.

Anders als Relotius, der Achmed jetzt vielleicht ein bemitleidenswertes Schicksal angedichtet hätte, wird hier offenbar nur wiedergegeben, was der junge Mann erzählt hat. Aber die meisten Leser haben es sich an dieser Stelle beim Integrations-Barbier von Erfurt mental schon so gemütlich gemacht, dass gar keine Irritation mehr aufkommt, wenn Achmeds Erzählungen nun so gar nicht zum Bild des armen Schutzsuchenden passen.

Achmed kommt aus einer sogenannten guten Familie, seine Brüder studieren in Afghanistan. Er spricht Italienisch, Englisch und ein flüssiges Deutsch. Wie er das gelernt hat, wenn die Arbeit ihm keine Zeit lässt, zum Sprachkurs zu gehen? „Durch YouTube“, sagt er mit dem Anflug eines Lächelns. Überlegt er manchmal, zurückzugehen? „Nein“, sagt er und blickt zu Boden. Er will es hier schaffen, vielleicht irgendwann eine eigene Pizzeria eröffnen.

Die Friseure lernt der Leser selbstverständlich auch kennen. Ein Beispiel:

Der 44-jährige Loumi M’hammed stammt aus Algerien und ist der lustigste Kerl der Truppe. Aber es ist die Lustigkeit eines Seiltänzers, der über dem Abgrund balanciert. Denn aus seinen kurzen Sätzen dringt viel Traurigkeit: ein geschlagenes Kind, ein junger Mann, der vor dem Militärdienst nach Gotha flieht. Eine Abschiebung, zwei gescheiterte Ehen in Algerien, zwei kleine Kinder, die er nur in den Ferien sieht. Trotzdem ist es Loumi, der seine Kunden ständig zum Lachen bringt, ihnen die Berührungsangst nimmt.

Wieso Loumi nach einer Abschiebung wieder in Deutschland lebt? Eine wohl unerhebliche Frage. Ebenso, wie er als „Flüchtling“ seine Kinder in Algerien sieht? Kommen die dann zu ihm oder reist er in das Land, aus dem er „flüchten“ musste? Bei so viel Traurigkeit ist man als Reporterin wahrscheinlich einfach zu sensibel, um solche bösen Fragen zu stellen. Aber gönnen wir uns doch noch einen Blick auf den wichtigsten Integrations-Barbier, den Chef:

Der 37-jährige Toni heißt mit vollem Namen Maher Ravio Roksi und ist in Bagdad aufgewachsen. Als Sohn eines wohlhabenden Vaters, der ein Café besaß, einen Nachtclub und einen Friseursalon, in dem Toni schon als kleiner Junge mitmischte, wie er jetzt erzählt. Dann kam der Dritte Golfkrieg, und eines Morgens wurde der Vater abgeholt und ins Gefängnis geworfen. Ein Bekannter, der neidisch war auf seinen wachsenden Reichtum, hatte ihn angeschwärzt und behauptet, er hätte das Regime kritisiert.

Aus dem Gefängnis schrieb der Vater einen Brief an seine Familie, in dem er seine neun Kinder aufforderte, unverzüglich das Land zu verlassen.

Ein schlimmes Schicksal, fürwahr. Und wie kam der Barbier nach Deutschland?

Toni wollte eigentlich nach Kanada auswandern. Aber auf der Durchreise wurde er in Frankfurt um seine Fingerabdrücke gebeten und musste wider Willen in Deutschland bleiben. So erzählt er es.

Widerwillig musste er also in Deutschland bleiben? Das ist ja nun eher selten. Hat ihn dann auch jemand gezwungen, hier einen Asylantrag zu stellen. Den muss es ja gegeben haben, wenn man weiter liest:

Tonis Asylantrag wurde abgelehnt, sein Widerruf auch. „Dann kam Duldung, und ich wusste, irgendwann werde ich wieder zurückgeschoben. Aber im Irak hatte ich alles verloren.“ Doch in dieser Zeit lernte Toni auch eine junge Deutsche kennen, die heute in einem Kindergarten arbeitet.

Wie schön, dass die junge Deutsche ihn dann auch heiratete und alle aufenthaltsrechtlichen Hindernisse beseitigte. Ein happy end. Mehr Integration geht wirklich nicht. Denn es ist mitnichten eine Scheinehe, gibt es doch drei Kinder.

Helden der Integrationsreportage sind auch Christian und sein Stammfriseur Emad, dem der Deutsche als Kunde schon durch verschiedene Barbershops gefolgt sei.

Anfangs bekam Emad nur einen Hungerlohn, erzählt er jetzt, so als Analphabet, der kein Wort Deutsch verstand. In Damaskus will er drei eigene Salons besessen haben. Der eine wurde im Krieg von einer Bombe zerstört. Seitdem er bei Delal arbeitet, geht es ihm gut, sagt er. Seitdem auch Frau und Töchter in Erfurt leben. Christian und sein Sohn haben der syrischen Familie geholfen, eine Wohnung und gute Schulen zu finden. And by the way: So hat auch Christians Sohn seine Berufung gefunden. „Er hatte nämlich Religionswissenschaften studiert. So etwas, was niemand braucht“, sagt der Vater flapsig. „Inzwischen arbeitet er in einer Beratungsstelle für Flüchtlinge.“

Was würde er wohl ohne „Flüchtlinge“ machen?  Diese Frage müssen sich Vater und Sohn ja so bald nicht stellen. Und damit der Leser jetzt nicht auf dumme Gedanken kommt und über die offenen Fragen nachsinnt, gibt es zum Abschluss noch einen Satz zum Herzerwärmen.

Was die Friseure und viele ihrer Kunden, die ähnliche Fluchtgeschichten haben, zu verbinden scheint, ist dieser Wille, sich nicht brechen zu lassen und irgendwo in der Fremde einen hellen Ort zu schaffen. Für sich und für die anderen.

Man muss also für die richtig guten Aussagen in der Reportage nicht fälschen, wie es Claas Relotius tat. Aber trotz dieser Ehrlichkeit gibt es dennoch Leser, die sich Fragen stellen, die nicht ganz zur schönen Reportage des Integrations-Barbiers passen, wie sich in manch einem Kommentar zeigt. Einer schreibt:

Was hier passiert ist ein neuer Lohndumping einer gesamten Branchen. Diese meist nur angelernten Friseure, ohne Abschluss werden zu hauf als 450 Euro-Kraft angestellt, machen ohne Ende Überstunden und der Besitzer, meistens ein Migrant der schon länger hier wohnt, der treibt sich die Hände. So meine Erfahrung im Jobcenter und was schon einige von denen berichtet haben. Und das soll man gut finden?

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