Mangel an Vernunft nach der Wahnsinnstat?

Verständlicherweise hat der Massenmord eines Rechtsextremen in zwei neuseeländischen Moscheen vor gut einer Woche für weltweites Entsetzen gesorgt. Es ist auch richtig, wenn man diese Wahnsinnstat eines ideologiekranken Extremisten zum Anlass nimmt, sich der realen Gefahren bewusst zu bleiben, die von wirklichen Rechtsextremisten ausgeht, trotz der hierzulande betäubend inflationären Beschwörungen der „Gefahr von rechts“, mit der vor allem Zuwanderungspolitik- und Islamkritker ins Abseits gestellt werden sollen. Und dass man der Opfer des Mörders von Christchurch angemessen gedenkt, ist ebenso natürlich wie selbstverständlich.

Trotzdem wirkt manches beklemmend, was man am Freitag, eine Woche nach dem Anschlag, an Reaktionen gesehen hat. Angesichts der 50 toten Muslime mag man den aufkeimenden Gedanken an Unterwerfung nicht zulassen. Dennoch hat man das Gefühl, ein noch vorhandener Rest an Verhältnismäßigkeit geht vor die Hunde, ohne dass es jemanden zu stören scheint.

Ich meine damit gar nicht den Aufruf in Neuseeland „Kopftücher für Harmonie“ zu tragen. Das wirkt zwar bizarr, aber vielleicht passt es zur in der neuseeländischen Gesellschaft verankerten Erinnerungskultur. Wäre der Anlass nicht so tragisch, müsste man zuweilen sogar darüber schmunzeln, welche Blüten die politische Korrektheit in einer solchen Situation treiben kann. Denn einerseits wollte man offenbar die Muslime mit dem Zeichen des Kopftuchs erfreuen, auf der anderen Seite aber auch geschlechtergerecht bleiben. Wohl deshalb konnte man in verschiedenen Meldungen lesen, dass sich der Aufruf, am Freitag Kopftuch zu tragen, an Frauen und Männer gleichermaßen richtete.

Auf den Presse- und Fernsehbildern, die ich aus Neuseeland gesehen habe, konnte ich trotz des Aufrufs keinen Mann mit Kopftuch ausmachen. Offenbar hatten sich nur die Frauen angesprochen gefühlt. Was auch besser war, denn von Männern im Kopftuch hätten sich die meisten neuseeländischen Muslime an ihrem Trauertag wohl verhöhnt gefühlt. Zudem – das wussten die Wohlmeinenden, die den Kopftuch-Aufruf geschlechtergerecht formulierten wohl nicht – tragen Männer im Iran manchmal Kopftuch, um so gegen die Kopftuchpflicht, die das islamische Regime den Frauen auferlegt, zu protestieren.

Aber wie gesagt, wie in Neuseeland getrauert wird, sollte man aus der Fremde nicht bewerten. Für die dortige Gesellschaft ist ein solcher Massenmord ein schwerer Schock. Wie Politiker in Deutschland sich wegen der Mordtat eines rechtsextremen australischen Einzeltäters in Neuseeland den Islamverbänden andienen und aus diesem Anlass eine Art Generalangriff auf Islamkritiker starten, ist hingegen schon beachtlich. Vor allem, wenn man es in Relation zu ihren Reaktionen auf viele ähnliche Mordtaten setzt, bei denen allerdings Muslime nicht die Opfer waren, aber stattdessen Islamisten die Täter.

„Liebe Muslimas und Muslime in Deutschland, liebe Vertreterinnen und Vertreter der muslimischen Verbände“ beginnt beispielsweise ein Offener Brief des Bundesvorstands der Grünen aus Anlass des Christchurch-Anschlags. Sie adressieren dieses Schreiben damit ausdrücklich an jene Islamverbände, zu deren Agenda es bei allen Unklarheiten nicht gehört, Teil einer gemeinsamen deutschen Gesellschaft zu werden. Trotz mancher Lippenbekenntnisse geht es ihnen auch in Gremien, wie der Deutschen Islamkonferenz, vor allem um Privilegien und Sonderrechte für die Muslime, die sich an ihre ideologischen Richtlinien halten. Auch an DITIB, den deutschen Ableger der türkischen Religionsbehörde Diyanet, der gern seine treue Gefolgschaft für den türkischen Präsidenten demonstriert, ist dieser Offene Brief also adressiert, der mit einem „Wir stehen gemeinsam mit euch.“ endet.

Gab es einen solchen Offenen Brief beispielsweise jemals an koptische Christen in Deutschland, nach einem der zahl- wie opferreichen islamistischen Anschläge auf koptische Kirchen und Gläubige in Ägypten? Hatte man zum islamistischen Attentäter Anis Amri, der in Berlin zwölf Menschen tötete, auch geschrieben, „er und seine Ideologie sind Feinde der Demokratie, des Friedens und der Freiheit“, wie es jetzt in dem Offenen Brief über den rechtsextremen Täter heißt? Oder war man da nicht weitaus zögerlicher, was die Kritik an der Ideologie des Täters anging?

DGB-Chef Reiner Hoffmann kam zu Aiman Mazyek, dem Chef des Zentralrats der Muslime, in die Moschee zum Freitagsgebet, um dort angesichts all der Muslimfeindlichkeit von Christchurch bis Chemnitz ebenfalls das Zusammenstehen zu beschwören. Wir dürften uns nicht spalten lassen, sagt er zusammen mit einem Mann, der seinen Anhängern die familiäre Vermischung mit Ungläubigen nur gestatten will, wenn diese sich dem Islam unterwerfen. Bis vor zwei Jahren ließ Mazyek auf der von ihm verantworteten Webseite islam.de noch ganz offen verkünden, dass er „Mischehen“ von Muslimen mit nichtmuslimischen Frauen nur akzeptiert, wenn sichergestellt sei, dass die Kinder als Muslime aufwachsen. Frauen ist die „Mischehe“ generell nicht gestattet. Auf islam.de hieß es einst:

„Der Islam unterstützt nicht die Ehe einer muslimischen Frau mit einem Nicht-Muslim. Die Frau stünde in diesem Falle nicht mehr unter dem Schutz des Islam und ihre freie Religionsausübung sowie ihre Rechte in der Ehe (wie zum Beispiel die Versorgung und die gerechte Behandlung seitens des Ehepartners) sind nicht gewährleistet. Da der Mann nicht zur islamischen Gemeinschaft gehört, ist es auch nicht möglich ihm jegliche Pflichten aufzuerlegen, die es in seiner Religion möglicherweise nicht gibt.“

Im Klartext heißt dies: Eine Vermischung mit der deutschen Gesellschaft darf es nur dort geben, wo die Deutschen den Islam annehmen oder zumindest für muslimischen Nachwuchs sorgen. Das heißt für Muslime, die Mazyek folgen: Es gibt nur Segregation oder Unterwerfung der anderen.

Nach Christchurch gelten der öffentlichen Meinung nach alle Muslime als Opfer und da ist es natürlich unangemessen, Aiman Mazyek an so etwas zu erinnern. Irgendwie möchte er seine Mischehen-Hinweise auch nicht in der breiten nichtmuslimischen Öffentlichkeit sehen. Er hatte die Tipps für ein islamgerechtes Leben vom Netz genommen, nachdem darüber berichtet wurde.

Inzwischen fordert Aiman Mazyek Schutz und Unterstützung wegen des Christchurch-Anschlags. Damit hat er auch Erfolg. Vor den letzten Freitagsgebeten hatte beispielsweise Berlins Innensenator Andreas Geisel (SPD) erklärt, er wolle „allen muslimischen Mitbürgerinnen und Mitbürger versichern, dass wir alles für ihren Schutz tun werden, was wir können.“ Zur Begründung der Gefahr für die Muslime wird gern die gestiegene Zahl von Angriffen auf Moscheen in Deutschland angeführt. Die Zahl ist nicht zu bestreiten, doch nicht jeder dieser Angriffe hatte ein muslimfeindliches Motiv. Beispielsweise sind wahrscheinlich auch Angriffe von Kurden auf DITB-Moscheen aus Protest gegen den Einmarsch türkischer Truppen ins syrisch-kurdische Afrin mit eingerechnet.

Doch solche Feinheiten zählen derzeit nicht. Weltweit sind Muslime Opfer von Christchurch und ihre Vertreter leiten daraus neue Forderungen an den Westen ab. Der türkische Präsident Recep Tayyip Erdoğan nutzte seine Rolle als Gastgeber einer Tagung der Organisation für Islamische Zusammenarbeit (OIC) zur Profilierung und trumpfte mit der Forderung auf, den Islamhass so zu bekämpfen wie „den Antisemitismus nach dem Holocaust“. Es brauche „konkrete, umfassende und systematische Maßnahmen gegen die Plage“ der Islamfeindlichkeit, hieß es weiter. Wobei selbstverständlich schon jegliche Kritik an der Islamideologie als „Islamhass“ gilt. Die Gefolgschaft Allahs und seines Propheten möchte erreichen, dass ihre Lehre auch im Westen möglichst als sakrosankt gilt. Sie müssen wahrscheinlich auch nicht fürchten, dass irgendein politischer Verantwortungsträger diese Unverschämtheit allein schon wegen des in vielen islamischen Staaten gepflegten Antisemitismus zurückweist.

Aber auch muslimische Opfer bleiben dann eher unbeachtet, wenn sie von Islamisten umgebracht wurden. Wenige Tage nach dem Christchurch-Anschlag wurden wieder Gläubige vor einer Moschee getötet, ohne dass dies für Aufregung sorgte. Die Moschee stand in Kabul und die Toten waren schiitische Muslime, die einem Anschlag sunnitischer Islamisten zum Opfer gefallen waren. Das ist in Afghanistan leider nichts Außergewöhnliches. Und die Öffentlichkeit, wie auch die meisten Islamvertreter und Islamverbände, war mit der Empörung über den Christchurch-Anschlag zu sehr in Anspruch genommen.

Zum Schluss an die, die diese Zeilen missverstehen wollen: Hier soll keineswegs die Tat eines Rechtsextremisten oder die Gefahr verharmlost werden, die von seinen Gleichgesinnten ausgeht. Und es geht auch keineswegs um eine Abgrenzung gegenüber religiösen Muslimen, die ihren Glauben leben wollen, ohne den verkündeten Herrschaftsanspruch wörtlich zu nehmen. Aber eine Instrumentalisierung dieses schrecklichen Verbrechens durch Islamideologen sollte man bei allem Entsetzen über die Mordtat nicht hinnehmen.

Schreiben Sie einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.

Diese Website verwendet Akismet, um Spam zu reduzieren. Erfahre mehr darüber, wie deine Kommentardaten verarbeitet werden.