„Christlich-jüdisch“ ist verdächtig

Die Zeit-Journalisten Christian Fuchs und Paul Middelhoff haben bekanntlich ein Buch mit dem schönen Titel „Das Netzwerk der Neuen Rechten“ geschrieben. An dieser Stelle ist ja bereits auf den denunziatorischen Charakter dieses Werks eingegangen worden. Dort sind auf einer Netzwerk-Karte einige Punkte als „rechts“ markiert, bei denen jeder problemlos erkennen kann, dass er dort mitnichten Anhänger einer rechten Ideologie findet.

Freunde der Denunziation ertragen es eher nicht, wenn man Denunzianten, die im Dienst für die gute Sache lieber einen zu viel als einen zu wenig anschwärzen, dennoch umstandslos klar „Denunzianten“ nennt. Dass Fuchs und Middelhoff für eine gute Sache, nämlich den „Kampf gegen rechts“ geschrieben haben, dürfte in kaum einer Redaktion in Zweifel gezogen werden. Ebenso wenig überrascht es, dass dies in der Süddeutschen Zeitung Zustimmung findet. In der Rezension von Rudolf Walther über das genannte Buch liest man aber bemerkenswerte Facetten eines Weltbilds, das sonst ja leider meist nur mit einem eher dürftigen Textbaustein-Sortiment beschrieben wird.

Gut, die eingangs demonstrierte Realitätswahrnehmung kennt man schon:

„In stiller Kooperation mit der konservativen Presse ist es den neuen Rechten in den vergangenen fünf Jahren gelungen, alle anderen politischen Probleme außer Migration und Asyl aus der Debatte ganz oder teilweise herauszuhalten. Migration und Asyl sind so zu den alles überragenden Themen buchstäblich hochgeschrieben und -gesendet worden.“

Wie bitte? Nicht die unkontrollierte millionenfache Zuwanderung hat Migration und Asyl zu wichtigen Themen werden lassen, sondern dass sie „hochgeschrieben und -gesendet worden“ sind? (Über welche Sender verfügt die „Neue Rechte“ eigentlich?)

Darf man Denunzianten noch Denunzianten nennen?

Aber halten wir uns nicht an solch einem Detail auf, wenn es um das große Ganze geht. Denn kaum jemand hat einmal so komprimiert und umfassend wie SZ-Autor Walther beschrieben, was alles rechts ist und deshalb zu recht in dieses „Netzwerk“-Buch hineingehört:

„In dieser christlich-jüdisch, abendländisch-ethnozentrisch, männlich-autoritär und wohlstands-chauvinistisch verkürzten Weltsicht erscheint der Rechtsstaat als Luxus und die pluralistische Demokratie als Diktatur. Kein Wunder, dass etwa Roland Tichy und Henrik M. Broder sich von dem Buch angesprochen fühlen und die Autoren der Denunziation bezichtigten; andere drohten gleich mit juristischen Mitteln, wie der Verlag meldet.“

Was für ein Inhalt in so wenigen Zeilen! Bei der „verkürzten Weltsicht“ hätte ich allerdings schon die Frage, ob alle Zuschreibungen erfüllt sein müssen, um damit Aufnahme ins neurechte Netzwerk zu finden? Oder reicht es „christlich-jüdisch“ und vielleicht noch „männlich-autoritär“ zu sein? „Christlich-jüdisch“ ist inzwischen offenbar zu einem Indiz für rechte Gesinnung avanciert, das ist schon etwas Neues. Noch vor Kurzem hätte das wohl in Deutschland kaum ein Redakteur so stehen lassen.

Wer sich nun erfrechte, die für ideologische Abweichler hoch sensibilisierten Gesinnungsgouvernanten einfach „Denunzianten“ zu nennen, wie Henryk M. Broder, hat nach Walthers Lesart bewiesen, dass er ja richtigerweise in die rechte Ecke gestellt wurde. Und dann drohen diese Neurechten, die nicht „rechts“ sein wollen, auch noch mit juristischen Mitteln. Obwohl doch der Rechtsstaat Luxus ist… Man kommt mit der Buchhaltung des geschriebenen Irrsinns an dieser Stelle einfach nicht hinterher. Wie viel davon in so wenigen Zeilen unterzubringen ist, das ist dennoch beeindruckend.

„Salven von Hauptsätzen“

Diese Kunst scheint der Rezensent bei den „Investigativ-Reportern“ allerdings zu vermissen:

„Trotz unbestreitbarer Verdienste um die Aufklärung über das Netz der neuen Rechten weist das Buch Schwächen auf, die formaler Natur sind, aber den Leser langweilen und den Gebrauchswert der Analysen mindern. Der dokumentarische Anspruch des Buches verböte es, dass die Autoren zwar viele wörtliche Zitate anführen, aber auf präzise bibliografische Nachweise verzichten. Ärgerlich ist der in der mittlerweile landläufigen Journalistenschulen-Prosa gehaltene Sprachgestus der Autoren. Fast jedes Kapitel beginnt mit einer Storytelling-Passage mit Salven von Hauptsätzen ohne inhaltlichen Belang“.

Statt der vielen – ohnehin in Verruf geratenen – schönen Worte im Relotius-Stil, kommen jetzt vielleicht wieder vermehrt die Produkte aus den Ideologie-Werkstätten zur Geltung, in denen noch solch beeindruckenden Wortungetüme wie „christlich-jüdisch, abendländisch-ethnozentrisch, männlich-autoritär und wohlstands-chauvinistisch verkürzte Weltsicht“ geschmiedet werden können.

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