Colombo ist nicht Christchurch

Pünktlich zur Messe am Ostersonntag explodieren Bomben in drei Kirchen in drei Städten Sri Lankas. Dazu kommen zeitgleich Anschläge auf drei Hotels in Colombo und zwei weitere etwas später in Vororten von Colombo. Zum Zeitpunkt da diese Zeilen geschrieben liegt die aktuelle Zahl der Toten bei 185. Der Staatspräsident Maithripala Sirisena habe von einer „Verschwörung“ gesprochen. Der Verteidigungsminister von einem Terrorakt, den „religiöse Extremisten“ verübt hätten.

Die Regierung reagiert wie im Ausnahmezustand. Ab 18 Uhr soll eine generelle nächtliche Ausgangssperre gelten, der Zugang zu Sozialen Netzwerken und Messengerdiensten sei bis auf weiteres gesperrt, heißt es in Meldungen aus Sri Lanka.

Der Verteidigungsminister Ruwan Wijewardene, der – wie bereits zitiert – religiöse Extremisten als Täter ausgemacht haben will, soll zudem schon einige Stunden nach den Anschlägen erklärt haben, dass einige Täter bereits identifiziert seien. Welcher Ideologie die extremistischen Täter genau anhängen, ist eine Frage, die in den meisten deutschsprachigen Medien sehr zurückhaltend behandelt wird. Und diese Zurückhaltung ist wiederum ungewollt beredt, denn sie zeigt eigentlich nur, dass man fürchtet, es könnte die Tätergruppe sein, die den meisten Nachrichtenkonsumenten zuerst in den Kopf kommt: Islamisten. Immerhin gibt es kaum mehr ein Land, in dem man keinen islamistischen Terrorakt fürchten müsste. Und in manch einem Medienbericht wird darauf verwiesen, dass Sri Lankas Polizeichef Pujuth Jayasundara erst vor zehn Tagen vor möglichen Selbstmordanschlägen einer radikalislamischen Gruppe auf Kirchen und das Indische Hochkommissariat gewarnt hatte. Er habe sich dabei auf Informationen eines „ausländischen Geheimdiensts“ berufen.

Solange noch nicht vollkommen zweifelsfrei fest steht, wer genau die Mörder der 185 Gottesdienstbesucher und Hotelgäste waren und solange man auch keine diesbezüglichen Vermutungen äußert, muss man sich dazu nicht verhalten. So bedauern auch die deutschen Politiker die vielen Opfer und ihre Angehörigen in zahlreichen Tweets. Kaum einer macht das allerdings – vielleicht um Tweets zu sparen – so effektiv wie Martin Schulz und verbindet sein angebliches Mitgefühl für Terroropfer mit den Ostergrüßen über einem Osterglocken-Foto:

„Euch und Euren Lieben wünsche ich frohe Ostern, ein schönes Beisammensein und erholsame Feiertage! Meine Gedanken sind auch in #SriLanka, besonders bei den Angehörigen der Opfer und den Verletzten. Auch wenn es schmerzt: Lassen wir uns von diesem brutalen Hass nicht anstecken.“

Und Sawsan Cheblis Anteilnahme ist etwas für Dialektik-Feinschmecker, so wie sie auch im Gedenken an gemordete Christen nicht vergisst, an die muslimische Opferrolle zu erinnern:

„Weil mich Mitgefühl und Anteilnahme nach dem Terror gegen betende Muslime in #Christchurch so berührt haben, würde ich mir wünschen, dass die Christen in #SriLanka auch so viel Mitgefühl und Aufmerksamkeit von der islamischen Welt erfahren.“

Aber gerade dieser Tweet der Berliner Staatssekretärin für Bürgerschaftliches Engagement und Internationales regt zu einem interessanten Vergleich an, den Vergleich des offiziellen deutschen und europäischen Entsetzens nach dem Anschlag eines Rechtsextremisten auf eine Moschee und Muslime im neuseeländischen Christchurch mit den offiziellen Reaktionen auf die heutigen Anschläge in Colombo und zwei weiteren Städten in Sri Lanka.

Bei dem Christchurch-Attentat war schnell klar, dass der Täter kein Islamist sein konnte. Als er sich dann sogar noch als Rechtsextremist entpuppte, war das zumindest weltanschaulich ein für die herrschende Politik schmerzfreies Ermittlungsergebnis. Insofern spielte die Weltanschauung des Einzeltäters von Christchurch auch in der öffentlichen Wahrnehmung für die Tat eine entscheidende Rolle. Das ist auch unbedingt berechtigt. Was die Mörder von Colombo, Negombo und Batticaloa angeht, die keine Einzeltäter waren, sondern eine Kommandoaktion durchführten, scheint es zunächst gar kein großes Interesse an ihrer Weltanschauung zu geben. Und wennsich dann unübersehbar herausstellen sollte, dass es keine extremistischen Buddhisten gewesen sind, werden sich die Relativierer ans Werk machen.

Nach Christchurch hat Ayman Mazyek besonderen Schutz für Moscheen in Deutschland gefordert, weil diese islamfeindlichen Übergriffen ausgesetzt seien. Außerdem sollte doch vielleicht das Amt eines Beauftragten gegen Islamfeindlichkeit geschaffen werden, analog zum Antisemitismus-Beauftragten. Solche Forderungen, aus Anlass eines Terrorakts in Neuseeland, fand niemand im politischen Raum anstößig, im Gegenteil. Mazyek erfuhr einigen Zuspruch in Politik und Medien.

Ob jetzt jemand angesichts der Anschläge auf die Ostermessen in Sri Lanka den besonderen Schutz deutscher Kirchen und Kapellen fordern wird? Schließlich gab es hierzulande in den letzten Jahren auch zahlreiche Angriffe auf Kirchen und christliche Symbole. Ja, das war natürlich eine rhetorische Frage, denn jeder weiß, dass das nicht geschehen wird. Angriffe auf Christen werden in Europa scheinbar hingenommen.

Hier haben sich Doppelstandards etabliert, die eigentlich nicht zu verstehen sind. Es sei denn, man hält die Angst und Verzagtheit, die Furcht vor Gewaltausbrüchen von weltanschaulich hochsensiblen Muslimen für eine hinreichende Rechtfertigung dafür, über die nicht dieselben Witze zu machen, wie über andere Weltanschauungen, sie nicht in gleicher Weise zu kritisieren, ihnen nicht adäquat klarzumachen, dass ihre Glaubensregeln ihre Privatangelegenheit sind, um deren Einhaltung sich niemand sonst scheren muss etc., etc.

Außenpolitisch führt dies beispielsweise dazu, dass „wir“ zwar – zu Recht – den Umgang Burmas/ Myanmars mit den muslimischen Rohingiya lautstark in allen internationalen Gremien anprangern und zur gleichen Zeit kein Sterbenswort über die Verfolgung und Vertreibung der orientalischen Christen verlieren.

Und dieses Verhältnis spiegelt sich auch wieder im unterschiedlichen Umgang mit den Terroranschlägen von Colombo und Christchurch. Nur, wenn am Ende doch noch ermittelt werden könnte, dass der österliche Massenmord in Sri Lanka nicht im Namen Allahs und seines Propheten verübt wurde, hätten die Opfer eine Chance auf eine mit Christchurch vergleichbare Anteilnahme.

 

 

 

 

1 Kommentar

  1. Peter

    Christchurch hat tagelang die Schlagzeilen bestimmt. Jetzt sind schon die Ukraine, Gelbwesten und Notre Dame ganz oben auf der Liste. Keine 12 Stunden später. Nicht übel, der Verdrängungsmechanismus funktioniert. Zumal wenn man bedenkt, dass wir in intensivem kulturellem Austausch mit muslimischen Ländern und Sitten stehen.

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