Die Genoss*innen interpretieren ein Bild

Wenn ein junger Mensch mit einem Baseballschläger auf einem politischen Plakat zu sehen ist, kann man sich normalerweise sicher sein, dass es hier trotz des abgebildeten Sportgeräts nicht einmal im entferntesten Sinne um Sport geht. Es geht in der Regel um Gewalt. Lange Zeit stand ein solches Bild gern für die Bedrohung durch rechtsextreme Schläger, doch auch Antifa-Gruppen haben solche Bildmotive zuweilen gern eingesetzt, um ihre eigene Kampfbereitschaft anzuzeigen.

Als nun dieser Tage die Berliner Jungsozialisten (Jusos), also die SPD-Jugend, eine junge Frau mit einem Baseballschläger schlagbereit in der Hand zeigte und dazu titelte „Nationalismus eiskalt abservieren“, da wurde das sicher eher selten als Aufforderung zur Teilnahme an einem Gesprächskreis mit konservativen Patrioten verstanden. Demzufolge entlud sich eine Menge Ärger über den – nach ihrer eigenen Schreibweise – Genoss*innen.

Mit Kritik konnten ideologisch-orthodoxe Genossen auch schon zu Zeiten, als das Gendersternchen in vergleichbaren Kreisen wahrscheinlich noch abgelehnt worden wäre, weil es vom Klassenkampf ablenkt, nicht umgehen. Daran hat sich nichts verändert. Eine Erklärung der Landesvorsitzenden der Berliner Jusos, Annika Klose, ist daher auch eine kleine Delikatesse für Liebhaber deutscher Ideologie-Prosa.

Aber auch alle anderen Leser müssen doch verstehen: Wenn das Juso-Bild als Gewaltaufruf missdeutet wird, sind die Schuld, die es so verstehen und ihrem Ärger darüber Luft machen. Sie hätten ja wirklich auch warten können, bis Genossin Klose die Bildinterpretation nachliefert:

„Das Bild lässt Interpretationsspielräume offen und wirft Fragen auf. Kurzum: Es ist provokant – und das war auch unsere Absicht. Im Zusammenhang mit der Bildüberschrift ist die Botschaft des Postings nämlich eindeutig und lässt überhaupt keine Zweifel offen: Wir rufen zur Teilnahme an der Demonstration „Ein Europa für alle“, an der gestern deutschlandweit Zehntausende teilgenommen haben, sowie zur Europawahl am 26. Mai auf. Rechte Kräfte, die jetzt in einem provokanten Bild einen Aufruf zur Gewalt erkennen wollen, erschrecken sich vermutlich auch bei jeder zweiten Fernsehwerbung. Das Bild steht gemeinsam mit unserem Aufruf gegen die Ideologie des Nationalismus, die die größte Gefahr für ein geeintes, solidarisches und friedliches Europa ist. Wir machen auf diese Gefahr aufmerksam und wollen insbesondere junge Leute wachrütteln, damit sie an der Wahl zum Europäischen Parlament teilnehmen und dem Nationalismus an der Wahlurne eine deutliche Absage erteilen. Um es nochmal klarzustellen: Gewalt ist für die Jusos Berlin kein Mittel der politischen Auseinandersetzung.“

Also so sieht Werbung für ein friedliches Europa aus! Haben Sie das endlich verstanden? Die wollen doch nur spielen. Bei Jusos hat ein Baseballschläger eben nichts mit Gewalt zu tun. Man muss nur genau genug hinsehen.

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