Träumen am taz-Schreibtisch

Zuweilen vergisst man inzwischen beim Scannen der deutschen Tagespresse die einst obligatorische Würdigung der taz. Einst stand sie mindestens für originelle Überschriften, manchmal auch für originelle Ideen. Der Seite des gesellschaftlichen Fortschritts sehen sich die Kollegen aller Geschlechter in der dortigen Redaktion sicher immer noch verpflichtet. Doch das ist kein Alleinstellungsmerkmal mehr. Inzwischen schreiben viele andere Zeitungen auch so, als würden sie ihren Lesern aller Geschlechter nicht mehr zutrauen, diskriminierungsfrei zwischen dem grammatikalischen und dem natürlichen Geschlecht so klar zu unterscheiden, wie es die eigenen Eltern und Deutschlehrer noch konnten und einem idealerweise auch noch beibrachten. Lange vorbei die Zeit, als nur die taz die sprachliche Umerziehung wagte, seinerzeit noch mit dem Binnen-I, das mittlerweile gegenüber dem Gender-Gap und Gender-Stern geradezu reaktionär wirkt. Und die Blätter, die der frühere taz-Leser für reaktionär hielt, schreiben auch inhaltlich inzwischen das Gleiche wie die einstige Avant-Garde. Selbst die FAZ hat sich in Inhalt, Sprache und grenzenlos toleranter Orthografie schon weit in Richtung des gesellschaftlichen Fortschritts bewegt.

Da setzt sich leicht der Eindruck fest, dass an den Schreibtischen in der taz gar nicht mehr politisch geträumt wird. Die Partei des Bionade-Biedermeier – ein Spektrum, aus dem auch die meisten der eigenen Leser kommen – ist inzwischen Umfrage-Sieger. Die taz-Redakteure können sich damit der herrschenden Klasse zugehörig fühlen. Dennoch ist der Eindruck falsch. Man sollte öfter in die taz schauen, denn da findet man doch noch Elemente einer eigenen Traum-Gesellschaft. Kostprobe gefällig?

„Führerscheine sollte man im Alter abgeben. Warum nicht auch das Wahlrecht? Ja, ich weiß ein Menschenrecht. Aber es sollte doch auch für uns Junge ein Menschenrecht darauf geben, mindestens Ende siebzig zu werden wie der durchschnittliche Mensch in Europa heute, und das, ohne abwechselnd von Sturmfluten und Waldbränden heimgesucht zu werden.

Was wir brauchen, ist eine Epistokratie der Jugend: das Wahlalter herabsenken und nach oben begrenzen oder zumindest deutliche Anreize dafür setzen, die eigene Stimme an Jüngere zu delegieren. Zugespitzt hieße das, Unschuldige vor einer in fundamentalen Fragen inkompetenten Wählerklientel zu schützen. Das kann man jetzt demokratiefeindlich finden, ich finde es nur vernünftig, sich darüber zumindest mal Gedanken zu machen.“

Weniger Wahlrecht! Weniger Demokratie wagen! Unmündige an die Wahlurne und keine Stimme den falschwählenden Alten! Allerdings klingt die gedankenreiche Kollegin mit dem Begriff „Epistokratie der Jugend“ noch ein bisschen zu sehr nach FAZ-Feuilleton, um so richtig revolutionär zu sein. Aber dennoch, hier ist die taz noch Vorreiter, wie einst beim Binnen-I.

Aber schafft es die taz wirklich, aus den vielen Redaktionen des Fortschritts herauszuragen? War das Zitierte vielleicht ein Einzelfall? Ich gebe zu, in den letzten Monaten nicht genau genug taz gelesen zu haben, um das beurteilen zu können. Aber vielleicht gibt es einen weiteren Hoffnungsschimmer vom Kommentator zum Trump-Besuch in London:

„Die Queen ertrug den ungebetenen Gast tapfer und empfing ihn mit Pomp und Gloria und 41 Salutschüssen, die ihn allesamt verfehlten.“

Von der Erschießung des US-Präsidenten träumt man an taz-Schreibtischen also immer noch. Das gibt’s im FAZ-Feuilleton noch nicht, oder?

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