Deutsche Flucht in die Scheinwirklichkeit

Vor kurzem war die Meldung über einen Angriff auf den Berliner Rabbiner Yehuda Teichtal, bei dem er bespuckt und auf Deutsch und Arabisch antisemitisch beleidigt worden war in allen Medien präsent. Das offizielle Deutschland reagierte: Bundespräsident Steinmeier erschien und brachte „seine Abscheu über die Tat zum Ausdruck“. Und einige Tage später gab es einen Solidaritätsgottesdienst, zu dem neben vielen anderen Bundesaußenminister Heiko Maas erschien. Michael Wolffsohn hat dort sehr viel „doppelzüngige Solidarität von Anti-Antisemiten“ ausgemacht, wie er in einem empfehlenswerten Artikel in Bild geschrieben hat. Zitat:

„Wo (wie es heißt) der „Liebe Gott wohnt“, also in Frankreich, ist es inzwischen durch den vornehmlich muslimischen Antisemitismus so hart, dass von 500 000 Juden im Jahre 2000 heute dort nur noch 400 000 leben. Die meisten gingen nach Israel.

Bahnt sich in Deutschland Vergleichbares an? Das scheint auf den ersten Blick übertrieben. Alles andere als übertrieben ist es, wenn man daran erinnert, welche Fakten Gideon Joffe, der Vorsitzende der Jüdischen Gemeinde zu Berlin, beim Solidaritätsgebet vorlegte: Am Jüdischen Moses-Mendelssohn-Gymnasium lernen 400 Schüler. 240 sind jüdisch. Das spricht gewiss für die Offenheit der berlin-jüdischen Welt. 80 der 240 jüdischen Schüler seien „Flüchtlinge“. Die jungen jüdischen Flüchtlinge im eigenen Land waren von anderen Berliner Schulen dorthin ausgewichen. Dort seien sie „gemobbt worden, nur weil sie Juden sind“. Es waren fast ausschließlich arabisch-muslimische Mitschüler, die die jüdischen gemobbt haben.“

Statt einzugreifen, beobachtet Wolffsohn, verteilt das offizielle Deutschland Solidaritätsbekundungen, mit denen offenbar auch die Erfahrungen, die nicht ins eigene Weltbild passen, kleingeredet werden sollen:

„Die amtliche Politik – die der Sozialdemokrat Heiko Maas beim Solidaritätsgebet sozusagen überparteilich personifizierte – bestreitet und belehrt die Juden: Die meisten antisemitischen Täter kämen von rechts. Belegt wird diese Aussage mit Statistiken, von denen jeder Fachmann weiß, dass sie mehr als wackelig sind. Das bedeutet: Weltoffene Juden fliehen in ihre eigene kleine Welt, in jüdische Schulen oder in den Jüdischen Staat, und unser Staat flieht aus der „wirklichen Wirklichkeit“ in eine Scheinwirklichkeit. Das gleicht einem Arzt, der die richtige Diagnose scheut und deshalb natürlich keine Heilung (Therapie) schafft.“

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