„Antidemokratischer Affekt“ bei Greta?

Wer Greta, in der ein deutscher Bischof bekanntlich beinahe eine Prophetin zu erkennen vermochte, grundsätzlich kritisiert, wird heutzutage bestenfalls so behandelt wie jemand, der sich ein paar Generationen früher gotteslästerlich geäußert hätte. Die Klimarettung nehmen derzeit halt viele, die trotz weltanschaulicher Bedürfnisse nach Höherem von den Kirchen nicht mehr und von den Moscheegemeinden noch nicht erreicht werden, gern als Ersatzreligion an. Wer also Kritik an Greta übte, lief Gefahr, in Artikeln unter Schlagzeilen wie „Hass und Hetze gegen Greta Thunberg“ Erwähnung zu finden. „Erwachsene Männer, teils mit großer Reichweite, fahren eine regelrechte Hetzkampagne gegen die 16-jährige Schwedin“, hieß es schon zu Jahresbeginn.

Manche Menschen können aber doch kaum in den Rechts-Verdacht geraten, wirkten sie doch bereits in den letzten Jahrzehnten so, als hätten sie ein Dauerabo für Politische Korrektheit. Selbst alte weiße Männer finden sich unter ihnen. Ein solcher Mann ist Wolfgang Thierse. Den Mann hatte es in das Amt eines Ost-SPD-Vorsitzenden und später das des Bundestagspräsidenten gespült. Inzwischen gefällt er sich gern in der Rolle des Elder Statesman und nun das: Thierse macht, was sonst nur Rechtspopulisten und Schlimmere tun, er kritisiert Greta. Wenn es nicht im politisch unverdächtigen Tagesspiegel gestanden hätte, würde man es kaum glauben: Der Ost-Sozi warnt sogar vor Greta – also ein bisschen.

„Mit Blick auf die Klimadebatte warnte Thierse gleichzeitig vor Rigorismus. Der Satz der Klimaaktivistin Greta Thunberg, das Klima vertrage keine Kompromisse, sei „von erhabener Wichtigkeit und zugleich falsch“, denn er enthalte einen „antidemokratischen Affekt“. Demokratische Politik funktioniere ‚nur Schritt für Schritt, immer auch auf dem Weg von Kompromissen‘“.

Ein „antidemokratischer Affekt“ bei Greta? Ist an der Klima-Prophetin doch nicht alles gut, wenn Thierse das sagt? Darf man jetzt auch an Greta zweifeln, ohne damit gleich Rechtspopulist zu sein? Oder traut sich dieser alte weiße Mann das nur, weil die Prophetin gerade nicht auf dem Kontinent weilt?

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