Test für die Autofahrer-Überwachung

Mit Freiwilligen fängt es in diesem Jahr an. Wer sein Auto auf allen Wegen rund um die Uhr überwachen lässt, der bekommt im ersten sogenannten Telematik-Tarif Rabatte bei der Kfz.-Versicherung. Im nächsten Jahr soll eine Überwachungsbox in Neuwagen, die in der EU zugelassen werden, bereits zur Pflicht werden.

Es ist nur ein kleiner Kasten in Ihrem Auto, aber wer auf dessen Daten Zugriff hat, der weiß nicht nur, wo Sie wann mit Ihrem Fahrzeug waren, sondern auch, wie Sie fahren. Natürlich dient das Kästchen nur dem Guten, so fängt es ja immer an. Unfälle kann die Überwachungsbox sofort melden. Damit könnte im Ernstfall auch der Rettungswagen schneller als bisher alarmiert werden. Und der Unfallhergang und damit die Schuldfrage ist schneller zu klären. Dumm nur für Fahrer, die Lust am Fahren haben und deshalb auch gern mal etwas schneller unterwegs sind, dass das vom System als Risikofaktor erkannt wird. Seine Versicherung möchte man das nicht so gern wissen lassen. Der Überwachungsbox kann keiner erklären, dass er hinterm Steuer so erfahren ist, dass er die Situation durchaus überblickt und beherrscht.

Aber das sind Einwände, die die Befürworter schnell vom Tisch wischen. Schließlich können überwachte Autos auch im Falle eines Diebstahls sofort geortet werden. Und Firmen wissen endlich, welcher Angestellte mit dem Dienstwagen private Abstecher macht oder kostentreibende Umwege fährt.

Dass eine Überwachungsbox bereits 2015 in der EU für Neuwagen vorgeschrieben werden soll, ist den wenigsten bekannt. In den Brüsseler Erläuterungen ist natürlich von Überwachung keine Rede, sondern vom Notrufsystem eCall. Doch für den eventuellen Notruf registriert eCall natürlich jede Bewegung des Autos. Hier fallen selbstverständlich viel mehr Daten an, als für einen automatischen Notruf nötig. Dass sie langfristig für andere Zwecke ungenutzt bleiben werden, wird wohl niemand ernsthaft glauben.

Die europäischen Versicherungsunternehmen haben den Wert der erhebbaren Daten längst erkannt und werben für den freiwilligen Einbau der Überwachungsboxen. Dafür bieten sie im Gegenzug günstigere Tarife an, sogenannte Telematik-Tarife.

In etlichen europäischen Ländern ist das schon ein wachsender Markt, in Deutschland stehen die Menschen der Überwachung – auch der freiwilligen – bislang mehrheitlich skeptisch bis ablehnend gegenüber. Deshalb haben Versicherungsunternehmen hierzulande bisher so gut wie keine allgemeinen Telematik-Tarife angeboten.

Aber wenn eine Überwachungsbox nun ohnehin bald Pflicht wird, dann sollte sich auch der deutsche Markt für Telematik-Tarife erschließen lassen.

Die Sparkassen-Direktversicherung ist die erste, die einen solchen Tarif seit Jahresbeginn anbietet, andere Versicherungsunternehmen stehen kurz davor. Datenschützer schlagen Alarm. Thilo Weichert, Leiter des Unabhängigen Landeszentrums für Datenschutz in Schleswig-Holstein warnt energisch vor solchen Tarifen. Alle 20 Sekunden meldet die Box Daten aus dem fahrenden Auto, steht das Fahrzeug länger, meldet sich die Box trotzdem mindestens einmal pro Stunde zur Kontrolle. Die Daten werden nicht direkt bei der Sparkassen-Direktversicherung gesammelt, sondern bei der Telefonica-Niederlassung in London. Britisches Datenschutzrecht ist für Datensammler und –verwerter angenehmer als das deutsche.

Treuherzig versichern die auftraggebenden Versicherer, gar nicht alle abrufbaren Daten auswerten zu wollen, sondern nur, was der Verkehrssicherheit und der Bewertung des Versicherten dient. Sein Fahrstil wird nach Punkten bewertet. Fährt der aus Datensicht vorbildlich, so bekommt er einen Bonus beim Versicherungstarif. Sieht die Bewertung allerdings schlecht aus, so wird er für das Überwacht-werden nicht belohnt, allerdings auch nicht bestraft. Aufschläge sind nicht vorgesehen. Noch nicht.

Datenschützern bleibt momentan nicht mehr übrig, als zu warnen. Solange man sich freiwillig überwachen lässt, haben sie datenschutzrechtlich keine Handhabe. Doch die Gefahr ist groß, dass der freiwillige Ausnahmefall schleichend zum Regelfall wird und auch die Nutzung der eCall-Daten schnell ausgeweitet wird.

Die eCall-Pflicht ab 2015 wird in der breiten Öffentlichkeit noch nicht sonderlich ernst genommen. Dass einmal jeder Autofahrer verpflichtet sein könnte, seinen Wagen in der EU jederzeit orten zu lassen, scheint noch eine absurde Vorstellung. Vor zehn Jahren hätte allerdings auch niemand geglaubt, dass den Europäern dereinst die Glühbirne verboten werden würde.

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Bild: Plakat auf der „Freiheit statt Angst“-Demonstration in Berlin, Quelle: Frank Schmidt

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