Wie gut geht’s Vanessa in Uganda?

In Uganda muss man wirklich gut und gerne leben können. Ein nominelles Bruttosozialprodukt von jährlich 638 US-Dollar pro Kopf, mit dem das Land eines der ärmsten der Welt ist, mag vielleicht etwas dagegen sprechen. Auch eine durchschnittliche Lebenserwartung von 58,6 Jahren klingt für einen Europäer nur mäßig überzeugend. Wirklich demokratisch geht’s im Lande auch nicht zu und Homosexualität wird mit lebenslanger Haft bedroht. Das klingt eigentlich eher so, als würde man dort im alltäglichen Leben viele Gelegenheiten für unschöne Erlebnisse haben.

Aber das ist dort für eine 23 Jahre junge Frau offenbar ganz anders. Zumindest dann, wenn man in dem armen Land innerhalb eines Soziotops aufwächst und lebt, in dem man es sich in diesem Alter leisten kann, als Umweltschützerin zum Weltwirtschaftsgipfel nach Davos zu reisen und dort auch die Gelegenheit bekommt, vor den Großen dieser Welt aufzutreten.

Es klingt dramatisch, wenn die 23-jährige Uganderin Vanessa Nakate über einen Vorfall in der Schweizer Elite-Idylle erklärt: „Es ist das Schlimmste, was ich je in meinem Leben erlebt habe.“ Und was war das Schlimmste, das alle ihre schlechten Erlebnisse innerhalb und außerhalb ihrer schwierigen Heimat überbot? Sie wurde aus einem Agentur-Foto herausgeschnitten.

Auf dem in den Medien verbreiteten Gruppenbild vom Weltwirtschaftsforum in Davos sieht man die „Klima-Aktivistinnen“ Luisa Neubauer (23), Greta Thunberg (17), Isabelle Axelsson und Loukina Tille. Bild berichtet:

„Der Skandal an jenem Bild ist für viele jedoch das, was nicht zu sehen ist: Vanessa Nakate (23), Umweltschützerin aus Uganda.

Sie hatte für das Foto vom Fotografen aus links neben den anderen Aktivistinnen gestanden und wurde offensichtlich von der Nachrichtenagentur AP aus dem später tausendfach verbreiteten Foto herausgeschnitten.“

Für Nakate ein traumatisches Ereignis. „Ich habe geweint, weil es so traurig war, nicht nur weil es rassistisch war, sondern auch wegen der Menschen aus Afrika. Es zeigte, wie wir wertgeschätzt werden. Das hat mir sehr wehgetan. Es ist das Schlimmste, was ich je in meinem Leben erlebt habe.“, wird sie von Bild zitiert.

Abgesehen davon, dass sie der überwältigenden Mehrheit der Afrikaner wahrscheinlich unbekannt sein dürfte und diese deshalb vom Foto-Schnitt eher ungerührt bleiben, zumal ein Großteil schon mit dem nackten Überleben ausgelastet ist: Wie schön und unbeschwert muss für Vanessa das Leben in Uganda bislang gewesen sein, wenn die Sache mit dem Foto das schlimmste Erlebnis ihres Lebens war? Sicher würde sie die Mehrheit der Ugander um diese Erlebnislandschaft beneiden, aber für Vanessa ist es in Uganda nicht so schlimm. Oder lebt sie eigentlich ganz woanders? Die meisten Medien, die über den Foto-Skandal berichten, erwähnen das leider nicht.

Auch wäre interessant zu erfahren, dank welcher Geldquellen man denn als 23-Jährige in Uganda als Umweltschützerin seinen Lebensunterhalt bestreiten kann? Aber solche Fragen an junge Klimaheldinnen zu stellen, ist sicher zu despektierlich.

Und die jungen weißen Klimaheldinnen-Kolleginnen zeigen sich auch sofort solidarisch nach einem so traumatischen Erlebnis. Ihnen würde man schon eher glauben, dass das Herausschneiden aus einem Foto und verringerte Aufmerksamkeit für sie das Schlimmste sei, was ihnen widerfahren ist.

„Es tut mir so leid, dass sie dir das angetan haben … Du bist die Letzte, die das verdient! Wir sind alle so dankbar für das, was du tust, und wir alle senden dir Liebe und Unterstützung!“, schrieb Greta – oder einer der für Greta Schreibenden – auf Twitter. Auch AP habe sich entschuldigt: Nakate sei nicht aus böser Absicht aus dem Bild herausgeschnitten worden. Inzwischen habe die Agentur eine weitere Version des Fotos mit der Uganderin verbreitet.

Ob in Uganda jemand darüber nachdenkt, den Vorfall für eine Image-Kampagne zu nutzen? Vielleicht: „Uganda – hier passiert Ihnen nichts Schlimmeres, als aus einem Pressefoto entfernt zu werden“? Zumindest Schwule und Lesben sollten das dann im Interesse des eigenen Lebens nicht glauben.

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