Kein Vertrag ohne Islamisten?

Islamistische Verbände, die sonst vom Verfassungsschutz beobachtet werden, dürfen an der Universität Münster künftig darüber mitbestimmen, wer dort auf Kosten des deutschen Steuerzahlers islamische Theologie lehren wird. Im Wissenschaftsministerium von Nordrhein-Westfalen freuen sich die Verantwortlichen darüber, dass sie diese Vereinbarung vermitteln konnten.

Wer künftig am Zentrum für Islamische Theologie (ZIT) der Universität Münster arbeitet, darüber entscheiden künftig die Vertreter von vier Islamverbänden mit: DITIB, Islamrat, VIKZ (Verband der islamischen Kulturzentren) und ZMD (Zentralrat der Muslime in Deutschland). Damit sehen Wissenschaftsministerium und Universität einen jahrelangen Streit beendet und freuen sich über sogar den Erfolg, auch wenn die Vereinbarung vorerst auf ein Jahr befristet ist. Mit ein wenig Abstand kann man sich über diese Feierlaune nur wundern.

Dass islamische Theologen und Religionslehrer auf Kosten des deutschen Steuerzahlers ausgebildet werden, sollte ja ursprünglich der besseren Integration dienen. Wer an einer deutschen Hochschule ausgebildet wurde, würde ein anderes Islambild vermitteln, als der Lehrer, der aus der türkischen oder pakistanischen Provinz in eine deutsche Koranschule gekommen ist. Das ist grundsätzlich auch keine so schlechte Idee. Nur mit den Partnern war es schwierig. Wer sollte der Partner der Universität von Seiten der islamischen Gemeinden sein? Es wurde ein Gremium aus Vertretern verschiedener Islamverbände gebildet und die wollen mitreden dürfen, so wie die Kirchen bei der christlichen Theologie an einer deutschen Universität.

Doch die Vertreter der Verbände verweigerten bald die weitere Zusammenarbeit, aus Protest gegen den von der Universität berufenen Leiter des ZIT, Prof. Mouhanad Khorchide. Der würde, so befanden die Verbände, nicht den richtigen Islam lehren. Aus Sicht dieser Verbände ist dieses Urteil durchaus nachvollziehbar. Khorchide möchte den Islam als sowohl barmherzige als auch moderne Religion verstanden wissen und vermitteln. Nach seinen theologischen Auslegungen könnten die Muslime ihren Glauben leben, ohne mit den Grundwerten westlicher Gesellschaften in Konflikt zu geraten. Die strengen Vorschriften, Ge- und Verbote, die die meisten islamischen Gelehrten aus dem Koran oder den zahlreichen Hadithen herauszulesen meinen, sind für Khorchides Verständnis von einem gottgefälligen Leben nicht übermäßig wichtig.

Die Lehren der Verbände, die über Inhalt und Personal der deutschen islamischen Theologie mitbestimmen sollen, sehen das aber vollkommen anders. Einige von ihnen werden schon viele Jahre lang als demokratieverachtende Islamisten vom Verfassungsschutz beobachtet. Aber das ist offenbar kein Makel mehr, denn diese Verbände sitzen ja inzwischen auch bei der Islamkonferenz, auf der die Bundesregierung über bessere Konditionen für islamisches Leben in Deutschland verhandelt, mit am Tisch.

Da ist beispielsweise der Islamrat, dessen größter Mitgliedsverein die türkische Islamische Gemeinschaft Milli Görüş (IGMG) ist, die mit der Mehrheit der Mitglieder auch den Vorsitzenden stellt. Die IGMG gilt Verfassungsschutzbehörden ganz klar als islamistisch. Versöhnend vermerken die Ämter in neueren Berichten allerdings, dass die Militanz abnähme. Ob das aber einen Verein schon dazu qualifiziert, privilegierte Mitspracherechte eingeräumt zu bekommen? Genauso gut könnte man dann die deutsche Flüchtlingspolitik zur Konfliktvermeidung mit PEGIDA verhandeln. Deren Anhänger sind auch viel weniger militant als diejenigen, die früher gegen Flüchtlingsheime demonstrierten.

Milli Görüs hat ganz klare Vorstellungen: Frauen gehören unters Kopftuch und Integration kann es nur geben, wenn die deutsche Gesellschaft solche islamischen Regeln auch in allen Lebensbereichen akzeptiert. Natürlich haben die Ungläubigen auch anzuerkennen, dass Sport- und Schwimmunterricht, bei dem sich Jungen und Mädchen ihren Körperübungen in Sichtweite unterziehen müssen, für Moslems unzumutbar ist.

Und das eigene Verständnis von Integration zeigt die IGMG seht deutlich auf ihrer Webseite. Beim Gruß zum Jahreswechsel warnt die islamische Gemeinschaft davor, evtl. sich mit den Deutschen auf gemeinsame Weihnachts- oder Silvesterfeiern einzulassen: „Wie in der islamischen Kultur das Freitagsgebet Muslime zusammenbringt, haben auch Nichtmuslime ihre Feiertage und Bräuche, die sie zusammenführen. Zwei davon sind das Weihnachts- und das Neujahrsfest. Die Art, in der diese Feste heute im Allgemeinen gefeiert werden, hat jedoch oft keinen Bezug mehr zu ihrem Ursprung. Vor allem Feste, bei denen Alkohol getrunken wird und moralisch verwerfliche Handlungen begangen werden, werden vom Islam nicht gutgeheißen. Der Mensch übernimmt nur das, was er liebt, respektiert und für wertvoll erachtet. Dies gilt für Glaubensüberzeugungen ebenso wie für Sitten, Bräuche und die allgemeine Lebensweisen. Denn die Nachahmung dieser führt oft zur Nachahmung der Glaubensüberzeugung“.

Die DITIB, die ebenfalls die Vereinbarung mit der Universität Münster unterschrieb, steht zwar nicht im Visier des Verfassungsschutzes, ist aber trotzdem keine Organisation liberaler Moslems. Es handelt sich bei der Vereinigung um eine Körperschaft, die in direkter Verbindung der türkischen Religionsbehörde steht. Sie als Agentur einer fremden Macht zu bezeichnen, dürfte in diesem Falle nicht falsch sein. Klar ist bei dieser Konstellation natürlich auch die eindeutige Unterstützung des Islamisierungskurses des türkischen Präsidenten Erdogan. Für den ist es wichtig, dass türkischstämmige Deutsche unbedingt in erster Linie Türken und Moslems bleiben, auch wenn sie seit Generationen in Deutschland leben. Für DITIB ist das natürlich ebenso wichtig. An der Entwicklung eines eigenen deutschen Islam, der offen für die deutsche Aufnahmegesellschaft ist, zu ihr gehören will und auch von ihr akzeptiert werden kann, ist der DITIB also mitnichten gelegen.

Warum dann muss man mit solchen Islam-Vertretern über Inhalt und Personal am Zentrum für islamische Theologie an einer deutschen Universität verhandeln? Wäre es nicht eher Aufgabe des nordrhein-westfälischen Wissenschaftsministeriums gewesen, sich gegen die Vorwürfe dieser Islamverbände ganz klar mit Mouhanad Khorchide zu solidarisieren und vielleicht auch nach geeigneteren Partnern innerhalb der muslimischen Glaubenswelt zu suchen? Eine kleine organisierte Gruppe liberaler Muslime gibt es ja immerhin bereits. (PG)

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