Ratgeber für Regelwächter

Es ist nicht alles schlecht am Corona-Ausnahmezustand. Mag sich auch die Wirtschaft im Sturzflug befinden – für alle, die ihr Tagwerk im Ratgeber-Wesen bestreiten, muss es eine gute Zeit sein. Immer wieder kann man den Menschen die sich ständig ändernden Regeln erklären, bei der Wahl der richtigen Maske helfen und den richtigen Umgang mit Corona-Regelbrechern empfehlen.

Es ist nicht alles schlecht am Corona-Ausnahmezustand. Mag sich auch die Wirtschaft im Sturzflug befinden – für alle, die ihr Tagwerk im Ratgeber-Wesen bestreiten, muss es eine gute Zeit sein. Früher musste man sich ständig mit den immer gleichen Themen, wie gesunde Ernährung, Abnehmen oder Steuern sparen, beschäftigen. Die wenigen Innovationen, also Ratschläge, wie man sich besonders klimagerecht verhält oder seine Sprache geschlechtergerecht und politisch korrekt umbaut, blieben – trotz vielfältiger Förderung – eher Nischenprodukte. Doch der Corona-Ausnahmezustand bescherte nun endlich vollkommen neue Themen.

Zunächst beackerten die Medienarbeiter im Ratgeberbereich noch altvertraute Themenfelder unter neuen Vorzeichen. Als der Lockdown kam und die Wirtshäuser schlossen, mussten schließlich viele Menschen wieder darin unterwiesen werden, wie man sich alltäglich eine warme Mahlzeit zubereiten kann. Als der Lockdown ging und der Maskenzwang kam, war der Masken-Mangel gerade erst beendet, so dass es viele Tipps für Konsumenten zum Selbstschneidern der neuen Pflichtvermummung gab.

Und dann brauchten viele Menschen Rat im richtigen Umgang mit den neuen und sich immer wieder verändernden Corona-Ausnahmezustandsregeln. Wer wusste schon, in welchem Bundesland er mit wie vielen Menschen zusammen seinen runden Geburtstag feiern darf? Oder aus welchem Landkreis kommend man gerade in welchem Bundesland nicht beherbergt werden darf? Und seitdem die Deutschen auch wieder ihre Staatsgrenzen überschreiten dürfen, müssen ihnen auch hier Ratschläge mit auf den Weg gegeben werden. Mediale Ratgeber machen es sich da nicht so leicht, wie der grüne Ministerpräsident von Baden-Württemberg, Winfried Kretschmann, der seinen Bürgern empfahl, derzeit einfach nicht ins Ausland zu reisen. Komisch eigentlich, dass ausgerechnet die sonst so besonders Weltoffenen nun die größten Gefahren jenseits deutscher Staatsgrenzen lauern sehen. Aber egal: Ratgeberprofis haben längst den Markt entdeckt und können Auskunft zu den aktuellen Corona-Regeln eines jeden europäischen Urlauberziels geben.

Bald wird auch der Schuljahresbeginn unter Corona-Ausnahmezustandsbedingungen wieder viel Stoff für Ratschläge bieten. Wer weiß denn schon, welches die beste Schul-Maske für Erstklässler ist und ob sich die Schul-Maske von der Alltags-Maske unterscheiden sollte?

Im Ratgeberwesen öffentlich-rechtlicher Rundfunkanstalten gibt man sich offensichtlich nicht allein mit derart leichter Hinweiskost zufrieden. Der SWR beispielsweise möchte seine Gebührenzahler dazu ertüchtigen, aktiv an der richtigen Einhaltung der Ausnahmezustandsge- und -verbote mitwirken zu können. Sie wollten sicher auch schon immer mal wissen, „Wie Sie mit Corona-Regelbrechern umgehen sollten“. Also da bieten Ihnen die Kollegen Folgendes an: „Von fehlender Maske bis hin zu großen Partygruppen – viele Menschen halten sich nicht mehr an die Corona-Regeln. Konfliktmanager Christoph Michalski erklärt, wie man damit umgehen kann.“

Kurz gefasst: Wenn jemand keine Maske trägt, sollte man das monieren. Auch Nachlässigkeiten des Verkaufspersonals in Geschäften bei der Einhaltung des Maskenzwangs sollte sich niemand gefallen lassen. Dabei wird selbstverständlich differenziert zwischen dem Umgang mit Menschen, die ihr volles Gesicht entblößen und solchen, die die Maske zwar tragen, aber nicht die Nase bedeckt haben, um besser atmen zu können. In letzterem Fall wird vom Konfliktmanager Feingefühl angeraten:

Das ist eine sehr schwierige Situation. Ich würde das Problem hier in einer Ich-Botschaft ansprechen: „Mir würde es besser gefallen, oder auf mich würde es beruhigender wirken, wenn Sie die Maske auch über die Nase ziehen.“ Dann greife ich die Person ja nicht an, ich sage nicht: „Sie sollen das machen.“ So eine Reaktion würde auf Widerstand stoßen.“

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