Türkische Lira wieder im Sturzflug

Die türkische Lira stürzt wieder von einem Rekordtief ins nächste. Nach Monaten eines stabilen Kurses zum Dollar sei der Kurs in dieser Woche wieder eingebrochen, trotz verzweifelter Maßnahmen der Banken des Landes.

Auch zum Wochenschluss habe sich der US-Dollar um weitere 1,05 Prozent zur Lira verteuert, meldet focus.de. Bereits am Vortag legte der Dollar gut drei Prozent gegenüber der Lira zu. Mit einem Kurs von 7,3068 Lira je Dollar sei die türkische Währung am Freitag auf einen neuen Tiefstand gefallen. Auch gegenüber dem Euro habe die Lira verloren, der sei zuletzt auf 8,6385 Lira je Euro gestiegen, das sei ebenfalls nicht weit entfernt vom bisherigen Rekordtief der Lira.

Das Ende der Lira-Talfahrt dürfte damit nicht erreicht sein. Commerzbank-Devisenspezialist Thata Ghose sehe vielmehr eine Rückkehr der Lira-Krise. Der Experte habe am Freitag einen weiteren Verfall der Lira prognostiziert. Bis Ende September könnte der Euro auf einen Kurs von 10,50 Lira steigen, der Dollar bis auf 8,50 Lira.

Die Behörden und Banken des Landes sollen zuletzt noch mit allen Mitteln versucht haben, den Kurs zur wichtigen Außenhandelswährung Dollar zu stützen. Zum Wochenauftakt beispielsweise hätten die Kreditinstitute die Rate für sogenannte Overnight-Swaps am Londoner Devisenmarkt auf 1050 Prozent angehoben, der höchste Stand seit einem Jahr und gefährlich nahe am Rekordhoch der Rate vom März vergangenen Jahres. Damals sei die Rate bis auf 1200 Prozent gestiegen.

Diese Rate beziehe sich auf sogenannte Swap-Geschäfte zwischen Händlern und Banken. Diese Finanzinstrumente spielten beispielsweise eine Rolle im Handel zwischen zwei verschiedenen Währungsräumen, würden aber auch genutzt, um gegen eine Währung zu wetten. Und genau diese Spekulationen hätten die türkischen Banken versucht zu unterbinden, indem sie diese astronomischen Raten verlangten.

„Ziel der Interventionen ist, spekulativen Lira-Short-Positionen ausländischer Banken, die über Swap-Transaktionen eingegangen werden, den Garaus zu machen“, habe Commerzbank-Experte Ghose die Anomalie am Londoner Markt erklärt. Gegenüber der Nachrichtenagentur Reuters habe ein Banker gesagt, der Londoner Markt sei nach einem feiertagsbedingt langen Wochenende in der Türkei „übertrieben eng“ gewesen. Mit der überzogenen Rate hätten die Banken im Prinzip nichts anderes versucht, als den ausländischen Markt für Lira auszutrocknen. Das Kalkül sei: Wenn keine Lira gehandelt werden könne, könne auch nicht gegen sie gewettet werden. Auch als die Rate dieser Swap-Transaktionen im vergangenen Jahr in den vierstelligen Bereich schoss, sei das ein Versuch gewesen, den Handel mit der und gegen die Lira zu unterbinden. Laut Reuters sei das damals auf Weisung der türkischen Behörden geschehen.

Rabobank-Devisenstratege Piotr Matys habe Reuters zufolge erklärt, dass „der Einsatz solch drastischer Werkzeuge nur beweist, wie verwundbar die Lira ist.“ Der Nachrichtenagentur Bloomberg zufolge hätte die Bankenaufsicht der Türkei nun angekündigt, diese Interventionen aufgeben zu wollen.

Ein großes Problem sei, dass Präsident Erdogan Hilfe von außen bisher kategorisch abgelehnt habe und stattdessen lieber die Geldpolitik seines Landes diktiere – trotz immenser wirtschaftlicher Belastungen und einer Spirale aus Inflation und Abwertung. Als ein möglicher Grund dafür gilt: Ein entsprechendes Programm des Internationalen Währungsfonds (IWF) sei immer an Reformen gekoppelt, die letztlich Erdogans zentralisierte, politische Macht untergraben könnten. Doch ohne ein solches Programm scheine es kaum wahrscheinlich, dass sich die Lira langfristig wieder stabilisiere.

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