Kafkas letzte Liebe

Kathi Diamant: Kafkas letzte Liebe. Die Biografie von Dora Diamant. Aus dem Englischen von Wiebke Mönning und Christoph Moos. Mit einem Vorwort von Rainer Stach. Onomato Verlag, Düsseldorf 2013. 464 Seiten, 19,80 Euro.

Aus dem Vorwort von Reiner Stach

Eine ›große Frau‹, Dora Diamant,

wird nun endlich erinnert und ins rechte Licht gerückt. Mitte September 2013 erscheint ihre Biografie, verfasst von der amerikanischen Autorin Kathi Diamant, erstmalig in deutscher Übersetzung.

Erst kürzlich wurde das Publikum durch den Erfolgstitel »Die Herrlichkeit des Lebens« von Michael Kumpfmüller auf Dora Diamant aufmerksam. Nun wird ein weit darüber hinausgehender Blick auf ein Leben deutlich, dass beinahe alle katastrophischen Bruchstellen der Welt aus nächster Nähe erfuhr und dabei in tiefer Geistes- und Seelenverwandschaft zu dem bis heute unerschöpflichen Raum Kafkas, das ganz Andere, zugleich Offene wie Bewahrende einer tief humanen jüdischen Kultur – in universaler Perspektive, dem Wahn der Zeit leidenschaftlich entgegensetzte.

Nur elf Monate dauerte die vielleicht bedeutsamste Liebesgeschichte in der jüngeren Zeit. Dora, die lange Zeit Unbekannte an Kafkas Seite, verfügte über eine seltene Weite des Geistes. Als Rebellin ihrer ostjüdisch-orthodoxen Umgebung – sie floh vor dem strengen Vater in die Verheissung des ›aufgeklärten‹ Westens – behielt und kultivierte sie immer den tiefen humanitären Geschmack einer chassidisch-jüdischen, religiösen Musikalität: Das tiefe Gefühl einer unverbrüchlichen Verantwortung und das Bestreben zur Identität von Heiligem und Alltäglichem.

Immer bestrebt sich weiter zu bilden (ein entscheidender Antrieb ihrer Rebellion) entsprach sie aber nicht dem Typus der Intellektuellen. Ihr offener Geist war untrennbar von einer Musikalität des Glaubens. Und hierin liegt vor allem die Verwandschaft, die ›Komplizenschaft‹ zu Kafka.

Sicher hat Dora – in den Wirren und Gefahren von deutschem Faschismus und Stalinismus – auch Fehler gemacht. Mit ihrem Leben aber gibt sie ein faszinierendes Beispiel von humaner Integrität. Und zugleich legt sie ein lebensnahes Zeugnis für eine Jahrtausendgestalt ab, die es für das Leben wohl erst noch zu entdecken gilt. Für Dora hätte der Satz des russischen Autors Bitow* »Wir sind auf der Welt, um Kafka wahr werden zu lassen« keinen fremden Klang.

Kathi Diamant forschte in deutschen, englischen, polnischen, russischen und israelischen Archiven, machte Familienangehörige auf mehreren Kontinenten ausfindig. Plötzlich entstand vor den Augen des Lesers eine lebendige, differenzierte, widerspruchsvolle Figur mit farbigem Hintergrund, wo es zuvor nur eine Skizze, ja beinahe nur ein Gerücht gegeben hatte. Und nun erst zeigte sich, wie unzulänglich, ja irreführend alle bisherigen Vorstellungen über Kafkas letzte Lebenszeit gewesen waren. Kafka hatte keine Muse getroffen, alles andere als das. Er war einer jungen Frau begegnet, die schon seit ihrer Kindheit eben jenen Zwiespalt gleichsam körperlich durchlebte und durchlitt, der für ihn selbst ein ethisches und intellektuelles Problem war: den Zwiespalt zwischen einer jüdischen Tradition, deren Vitalität mit Unwissen und Unfreiheit erkauft war, und dem Reichtum westlicher Bildung, der nur um den Preis von Individualismus, Abstraktion und sozialer Kälte zu haben war.

Diese Grenzzone zwischen Tradition und Moderne betraten Franz Kafka und Dora Diamant gleichsam von entgegengesetzten Seiten, und fast zur selben Zeit. Sie hatte sich aus einer jüdisch-orthodox geprägten Umgebung freigekämpft, ihren Hunger nach Bildung und Freiheit auf eigene Rechnung gestillt und dafür in Kauf genommen, dass die familiären Banden rissen — ein ungeheures Opfer. Kafka hingegen war aufgewachsen in einer weitgehend assimilierten Familie, und seine Erziehung folgte den Maximen des Liberalismus und des bildungsbürgerlichen Humanismus. Erst nach und nach verstand er, dass damit das Problem der jüdischen Identität nicht einfach verschwunden war — nicht in einer Gesellschaft, in der Juden noch immer, oder wieder, als ›Gastvolk‹ betrachtet wurden. Kafka streckte die Fühler aus: Er sah jiddisches Theater, las über die Geschichte des Judentums, beschäftigte sich mit chassidischen Legenden und versuchte, ein wenig Hebräisch zu lernen. Als er Dora Diamant kennenlernte, begriff er sofort, dass sie eine Art Koexistenz von östlicher und westlicher Lebensweise verkörperte, den auch er sich als Lösung durchaus vorstellen konnte, obgleich das weder in ihrem noch in seinem Lebensplan vorgesehen war: eine Komplizin also. Ob er auch im herkömmlichen Sinn ›verliebt‹ war, wissen wir gar nicht. Wichtiger für ihn war, dass das scheinbar Unmögliche doch noch eingetroffen war: die Begegnung mit einer Frau, mit der ein gemeinsames Leben nicht bloß in der Imagination möglich war. Er kannte sie erst seit zwei Wochen, und der Beschluss war bereits gefasst: Er würde zu ihr nach Berlin kommen. Es ist nicht das geringste Verdienst der ersten Biografie über Dora Diamant, dass uns diese Entscheidung in ihrer Plötzlichkeit und Festigkeit zum ersten Mal als etwas völlig Plausibles erscheint, plausibel von beiden Seiten.

 

1 Kommentar

  1. buy red prom dresses

    Franck straft obiges Zitat lügen und kann immer noch nicht vom Ballon d’Or lassen. Ist gut jetzt.

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