Schwules Blut – diskriminiert oder gefährlich?

Marcel Schneider hilft gern und hat schon Hunderttausende Euro an Spenden für behinderte und bedürftige Kinder gesammelt. Nur Blut spenden darf er nicht, weil er schwul ist. Nach dem deutschen Transfusionsgesetz gehört er damit zu einer Risikogruppe. Dadurch fühlt sich Schneider diskriminiert und zu Unrecht unter Generalverdacht gestellt.Die Verbots-Befürworter verweisen hingegen auf die klaren Zahlen in der Statistik. Risikobewertung sei schließlich keine Weltanschauungsfrage.Doch nun ist es eine Rechtsfrage, denn ein Fall liegt schon vor dem Europäischen Gerichtshof.

„Homosexuelle werden unter Generalverdacht gestellt, dass sie häufig ihre Sexualpartner wechseln, ihnen werden automatisch Krankheiten unterstellt“, klagt Marcel Schneider, der daheim in Franken ein bekannter Friseur ist. Dabei lebe seit 22 Jahren in einer festen Beziehung, völlig monogam. Da ist das Risiko, dass sein Blut frisch HIV-infiziert sein könnte, äußerst gering.

Doch genau aus diesem Grund ist ihm, wie allen schwulen Männern in Deutschland, das Blutspenden verboten. Die Wissenschaftler, deren Empfehlungen für die Blutspenderegeln maßgeblich sind, wollen dieses Verbot auch beibehalten. HIV-Neuinfektionen lassen sich im Blut noch nicht nachweisen bzw. ausschließen und 68 Prozent aller Neuinfizierten sind nach Angaben des Robert-Koch-Instituts homosexuelle Männer. Und das bei schätzungsweise nur 5 Prozent der Gesamtbevölkerung.

Auf der anderen Seite stehen Homosexuellenverbände und einige Politiker, die diese angeblich ausgrenzende und diskriminierende Praxis für nicht länger hinnehmbar halten. Sie kämpfen dafür, dass die Politik auch gegen das Votum der beteiligten Wissenschaftler künftig schwule Männer zum Blutspenden zulässt.

Marcel Schneider, der gern Gutes tut, will auch Blut spenden. „Und dann lese ich auf dem Fragebogen vor der Blutspende die Frage: ,Hatten Sie schon einmal Intimkontakt mit einem anderen Mann?’“, empört sich Schneider, denn wer mit „Ja“ antwortet, dessen Blut wird abgelehnt.Diskriminierend findet er das, wie viele andere auch, die dagegen ankämpfen.

Aber ist das Blutspenden wirklich ein ­essentielles Recht des Einzelnen und der Ausschluss hiervon wirklich ein Diskriminierungstatbestand? Der Europäische Gerichtshof (EuGH) könnte diese Frage bald mit „Ja“ beantworten. Zumindest hat der Generalanwalt beim EuGH empfohlen, der Klage eines französischen Mannes stattzugeben – in Frankreich gilt bislang eine ähnliche Regelung wie in Deutschland – und das Verbot schwuler Blutspenden für unvereinbar mit europäischem Recht zu erklären. Das wäre für Deutschland ein Problem.

Zwar können sich die zuständigen Gesundheitspolitiker natürlich dafür entscheiden, das Blutspendeverbot für Schwule zu kippen. Doch ohne Änderung des Transfusionsgesetzes geht das nur, wenn Bundesärztekammer und Paul-Ehrlich-Institut das so in die Richtlinien für Blutspenden schreiben. Und die sind momentan noch gegen eine entsprechende Änderung. Die Wissenschaftler treibt dabei keine „Homophobie“, sondern der nüchterne Versuch Risiken auszuschließen, indem man kein Blut von Risikogruppen nimmt. Auch Heterosexuelle mit „häufig wechselnden Geschlechtspartnern“, Prostituierte aber auch an diversen Infektionskrankheiten Erkrankte sind vom Blutspenden ausgeschlossen.

Ob und wie lange allerdings diese nüchterne Sicht der Wissenschaft dem steigenden politischen Druck standhält, kann niemand vorhersagen. Nicht nur das nahende Urteil des EuGH spielt hier eine Rolle. Gegen einen einmal in der Medienöffentlichkeit als Diskriminierung von Homosexuellen anerkannten Tatbestand zieht mittlerweile fast eine politische Einheitsfront zu Felde. Gegen das Verbot melden sich seit letztem Jahr nicht nur grüne, linke, sozial- und freidemokratische Politiker zu Wort. Auch Rainer Robra, (CDU), Staatsminister aus Sachsen-Anhalt, möchte „dem Generalverdacht über homosexuelle Männer sowie deren Diskriminierung entgegenwirken“ und das Verbot aufheben.

Doch ist der Preis eines höheren Gesundheitsrisikos dafür nicht zu hoch?Ist das Blutspenden wirklich so bedeutend für das Leben des potentiellen Spenders, dass ein Ausschluss hiervon stigmatisierend wirkt? Verlieren diejenigen, die professionell Diskriminierungstatbestände aufspüren, nicht jedes Maß? Schließlich könnte man dann auch fragen, warum die Wissenschaftler Prostituierte von der Blutspende ausschließen? Die gehen einem legalen, anerkannten Gewerbe nach. Darf man sie deshalb diskriminieren?

Marcel Schneider sieht das nicht so. Er findet, dass man das Risiko individueller bewerten sollte. Dann würde jeder Prüfer doch anerkennen müssen, dass er nicht zur gefürchteten Risikogruppe gehört, auch wenn er schwul ist. Doch sind solche Einzelfallprüfungen überhaupt zu leisten? Und wenn, dann wären sie aufwendig und teuer.

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