Herkunftslose Männer

Da halten sich die Journalisten nun an den Pressekodex, bei der Berichterstattung „die Zugehörigkeit der Verdächtigen oder Täter zu religiösen, ethnischen oder anderen Minderheiten“ möglichst nicht zu erwähnen und diskriminieren deshalb lieber nach Geschlecht. Jetzt kommen die „Männer-Gangs“.

Männer-Gang beleidigt und schlägt zwei Frauen“ überschrieb der Berliner Tagesspiegel eine Meldung, in der stand, dass acht bis zehn Jugendliche „aus homophoben Motiven“ zwei junge Frauen beleidigt und geschlagen haben, die Händchen haltend durch eine Straße im Berliner Stadtteil Wedding flanierten.

Mit Faustschlägen sollen sie die Frauen traktiert haben, die jungen Männer. Mehr als Geschlecht und Altersgruppe erfahren die Leser dieser Meldung nicht. Warum nicht? Wegen des Pressekodex. „Besonders ist zu beachten, dass die Erwähnung Vorurteile gegenüber Minderheiten schüren könnte“, mahnt der die Journalisten und die vermeiden jeglichen Hinweis auf einen eventuellen „Migrationshintergrund“. Alles sind nur noch Männer. Gegen die dürfen sich offenbar Vorurteile aufbauen. Aber nun von einer Menschen-Gang zu schreiben, klingt noch zu ungewohnt absurd.

Doch die gut gemeinte Selbstzensur, die vermeiden will, dass der Leser ungewollte Schlüsse aus der Tatsache zieht, dass in einigen Ballungsräumen bestimmte Herkunftskulturen unter den Gewalttätern deutlich überproportional vertreten sind, erreicht das Gegenteil. Ist die Herkunft eines Täters oder Tatverdächtigen nicht erwähnt bzw. aus dem gekürzten Namen ableitbar, geht inzwischen nahezu jeder Medienkonsument von einem „Migrationshintergrund“ aus. Im Fall der acht bis zehn jungen Männer im Wedding wird das auch so sein, schon allein, weil urdeutsche Jugendliche hier deutlich in der Minderheit sind.

Wer aber bei der Lektüre des „Spiegel Online“- Artikels mit der Überschrift Messerstecher gesteht tödliche Attacke am Alexanderplatz“ , in dem es ebenfalls keinen Hinweis auf die Herkunft gibt, zu einem solchen Schluss kommt, läge offenbar falsch. Der Tagesspiegel verriet, dass der geständige Täter Niclas L. Heißt und demzufolge wohl kaum aus einer türkisch- oder arabischstämmigen Familie stammen dürfte.

Eigentlich ist es ja löblich, dass die Spiegel-Online-Kollegen nicht der üblichen Praxis gefolgt sind, die mit der ausschließlichen Erwähnung einer deutschen Herkunft quasi Inländerdiskriminierung betreibt. Doch generell muss eigentlich der Passus im Pressekodex hinterfragt werden. Das tun nur wenige öffentlich, aber dessen Änderung ist durchaus ein Thema. (Siehe auch http://sichtplatz.de/?p=2070 und http://sichtplatz.de/?p=1746)

In Österreich ist das noch anders. Nahezu alle österreichischen Tageszeitungen schreiben darüber, aus welchem Land ein Krimineller stammt, egal ob er Türke, Serbe, Rumäne oder Deutscher ist. Es gibt auch hier Bestrebungen, dies zu ändern, weil es diskriminierend wirken könnte, doch der österreichische Presserat mag dem Beispiel der deutschen Kollegen nicht folgen. Die Nennung der Nationalität von Straftätern sei an sich noch keine Diskriminierung, heißt es dort.

„Sie wegzulassen, wäre das medienethische Sahnehäubchen“, sagt Presserats-Geschäftsführer Alexander Warzilek der dpa. Allerdings gebe es in Österreichs Medien so viele Fälle noch offensichtlicherer Diskriminierung. „Da muss man erst mal die gröberen Fälle abarbeiten.“

Der dpa-Artikel, in dem Warzilek zitiert wird, geht auch auf die Diskussion in Deutschland ein. Interessanterweise – und überregional kaum wahrgenommen – gibt es noch die Zeitungen, die sich der allgemeinen Sprachregelung widersetzen: „Wir gehören zu den wahrscheinlich wenigen Zeitungen, die im Regelfall die Nationalität beziehungsweise die geografische Zugehörigkeit eines Verdächtigen oder Täters nennen“, sagt der Chefredakteur der Pforzheimer Zeitung, Magnus Schlecht. Weil „Ausländerkriminalität in den Polizeistatistiken“ schließlich „eine nicht unerhebliche Rolle“ spiele, sei es für die Pforzheimer Zeitung „eine dringende Notwendigkeit im Sinne der journalistischen Sorgfaltspflicht, auf die Herkunft von Verdächtigen und Straftätern hinzuweisen“.

In den meisten anderen deutschen Redaktionen würde das als diskriminierend gelten. Die Nicht-Erwähnung der Herkunft ist hier eher die Regel. Nach Pressekodex müsste andernfalls ja zwischen Herkunft und Tat „für das Verständnis des berichteten Vorgangs ein begründbarer Sachbezug“ bestehen. Ab wann ist eine Begründung ausreichend? Das Interesse der Leser und Zuschauer ist es allein wahrscheinlich nicht.

Doch es hat auch einen anderen Grund, dass der Herkunftsverweis außerhalb von Pforzheim kaum noch auftaucht. Die meiste Berichterstattung über Kriminalität gründet auf Mitteilungen der Polizei. Selbst recherchiert wird nur bei spektakulären Fällen. Und auch die Polizei möchte nicht durch allzu viel Information diskriminieren. Auch in Österreich nicht. Das dortige Innenministerium hat eine neue Richtlinie für Pressemitteilungen der Polizei erlassen: „Wenn es zum Erfassen einer Tat nötig ist, können Nationalitäten genannt werden“, ansonsten sollen sie nicht mehr automatisch erwähnt werden. Trotzdem taucht sie in den Medien auf, viele österreichische Journalisten fragen gezielt nach, wenn in Mitteilungen Hinweise zur Nationalität von Tätern fehlen.

Eigentlich sollte es eine journalistische Tugend sein, möglichst viele Informationen zu sammeln und sie auch in die Berichterstattung einfließen zu lassen. Die Informationszurückhaltung sollte der Ausnahmefall sein. Vielleicht, wenn ein „begründbarer Sachbezug“ besteht.

Liebe Wohlmeinende, die Ihr nicht durch vielleicht missverständliche Tatsachen diskriminieren wollt und diese deshalb zurückhaltet, bedenkt, Ihr helft niemandem damit. Wer Probleme nicht wahrnimmt, stellt sich ihnen auch nicht. Dann spüren nicht genug Verantwortungsträger den Druck, darüber nachzudenken, wie man bestimmte potentielle Tätergruppen erreicht, bevor sie sich völlig in ihrer eigenen Welt verbarrikadiert haben.

Es ist ja keine Lösung, wenn dann die Leser des eingangs erwähnten Artikels über die homophobe „Männer-Gang“ nur noch ergänzen können: „Homosexuellen Paaren ist nicht zu empfehlen, durch Stadtviertel zu spazieren, in den eine starke Bevölkerungsgruppe mit Migrationshintergrund beheimatet ist. Es ist traurig, dass Teile Berlins für Schwule und Lesben zu No-go-Areas geworden sind. Mir sagen schwule Freunde, sie hätten mittlerweile Angst in bestimmten Vierteln Hand-in-Hand spazieren zu gehen.“ (St. Friedrichs)

Interesse an mehr Informationen oder an Beiträgen für Ihre Publikation? Ob Text oder Film, ob kurz oder lang! Klicken Sie hier!

Wenn Sie uns finanziell unterstützen möchten:                                    Konto-Nr. (IBAN): DE88 1204 0000 0029 4314 00                  Kontoinhaber: tangens TV

und wenn Sie Wünsche an uns haben, dann melden Sie sich bitte: info@sichtplatz.de  oder 030-8855 2170.

1 Kommentar

  1. Pingback: Schläge für Flüchtlinge | sichtplatz.de

Schreiben Sie einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.

Diese Website verwendet Akismet, um Spam zu reduzieren. Erfahre mehr darüber, wie deine Kommentardaten verarbeitet werden.