„Veredelung des Volkswillens“

Am 30. Januar war an dieser Stelle unter dem Titel „Nachtragender Ausgrenzungswettbewerb“ über Kampagnen an der TU Dresden gegen den „Pegida-Versteher“ und Politikwissenschaftler Prof. Werner Patzelt zu lesen. Studenten verteilten Flugblätter und Mitarbeiter der Universität distanzierten sich in Erklärungen (mehr hier). Nur mit Patzelt selbst suchten die Ankläger die Debatte nicht. Jetzt hat er deren Texte zur Vorlage genommen, um darauf in einer fiktiven „Gerichtsverhandlung im Fall ‚Junge Akademiker‘ gegen ‚faktenfreien PEGIDA-Versteher“ zu antworten. Punkt für Punkt zitiert er die Vorwürfe aus dem Flugblatt, um darauf zu antworten. Beispielsweise die Vorhaltung: „Patzelt stößt an PEGIDA ‚lediglich die gewählt Sprache … auf, die ihm zufolge in eine ‚akzeptable Sprache‘ übersetzt werden müsse – als ‚Veredelung‘ dieses Volkswillens’“.

Seine Antwort: „Sehr hoffe ich, dass niemand mit politikwissenschaftlichem Studium diesen Punkt formuliert hat! Denn gründlicher kann man Ernst Fraenkel, den großen jüdisch-deutschen, sozialdemokratischen Politikwissenschaftler, langjährigen Gewerkschafter, 1933 vor den Nazis aus Deutschland geflohen und seit 1951 einer der Gründungsväter der bundesdeutschen Politikwissenschaft, nun wirklich nicht missverstehen. Es geht ja nicht darum, dummes und unethisches Zeug ‚in eine akzeptable Sprache zu übersetzen‘ sowie auf diese Weise „edler darzustellen“, als übles Gerede nun einmal ist. Sondern gemeint ist, dass Intellektuelle, Journalisten und Politiker die Aufgabe haben, den ‚empirisch vorfindbaren Volkswillen‘ – seinerseits oft bar tragfähigen Wissens und voll von rechthaberischen Vorurteilen – wahrzunehmen, zu verstehen und sich vor den ihn äußernden Leuten aufs Belehren einzulassen. Das aber setzt zunächst einmal Vertrauen in den Belehrenden voraus, ja als Grundlage von allem eine gerade nicht von Lust auf Missverständnisse geprägte Kommunikationssituation. Das Ziel besteht darin, in derlei Diskursen gerade auf verstockte Bürger – und auf die gutwilligen ohnehin dahingehend einzuwirken, dass sie im Lauf der Zeit immer weniger Vorurteile hegen und immer weniger fehlerhaftes Wissen ihren politischen Lagebeurteilungen und Handlungen zugrunde legen. Eben das nennt Ernst Fraenkel die ‚Veredelung des empirisch vorfindbaren Volkswillens‘. Dies zu versuchen, weist genau den Weg zum Versuch, aus Extremisten zunächst ‚bloß Radikale‘ und aus Radikalen schließlich ‚einfach Andersdenkende‘ zu machen, mit denen einen gemeinsame Werte und Spielregeln verbinden.“

Das ganze „Gerichtsprotokoll“ (http://www.docdroid.net/r38l/reaktion-auf-flugblatt-usw-.pdf.html) ist eine interessante Lektüre und endet: „Das Urteil möge jeder für sich fällen, der dieser langen Verhandlung bis hierher gefolgt ist. Wer lässt mich anschließend wissen, wie es aus seiner Sicht lautet?“

Interesse an mehr Informationen oder an Beiträgen für Ihre Publikation? Ob Text oder Film, ob kurz oder lang! Klicken Sie hier!

Wenn Sie uns finanziell unterstützen möchten:                                    Konto-Nr. (IBAN): DE88 1204 0000 0029 4314 00                  Kontoinhaber: tangens TV

und wenn Sie Wünsche an uns haben, dann melden Sie sich bitte: info@sichtplatz.de  oder 030-8855 2170.

Schreiben Sie einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.