Mit Gewalt gegen Armenspeisung

300 ehrenamtliche Mitarbeiter der Tafel in Bochum-Wattenscheid haben in den letzten Monaten aufgehört, weil sie von ihren Kunden angegriffen wurden. Rebellieren die Armen gegen ihre Helfer? „Da herrscht eine Aggressivität und ein Anspruchsdenken, das mich zur Weißglut bringt“, sagt ein Helfer. Und er spricht auch aus, was nur ungern gesagt wird, aber Helfer wie Hilfesuchende genauso erleben: „Es sind fast ausschließlich Aussiedler aus Südosteuropa und zunehmend auch Flüchtlinge, die sich so benehmen.“ Nur wie reagiert man darauf angemessen ohne den Vorwurf der Fremdenfeindlichkeit zu riskieren?

In der WAZ war dieses Zitat noch zu lesen. Als das SAT1-Frühstücksfernsehen m nächsten Morgen ebenfalls von tätlichen Angriffen auf ehrenamtliche Helfer berichtete, war keine Rede mehr davon. Der Zuschauer musste den Eindruck bekommen, aggressive Hartz-IV-Bezieher greifen die Lebensmittelverteiler an und beschimpfen sie. Weil diese unangenehme Wahrheit eventuell der Fremdenfeindlichkeit förderlich sein könnte, scheint es für manche Journalisten das kleinere Übel zu sein, Vorurteile gegen undankbare Hartz-IV-Empfänger zu kultivieren.

Dabei gab es solche Vorfälle bis Mitte 2014 nicht, obwohl die Tafel schon seit 1998 in Bochum und Wattenscheid Bedürftige mit Lebensmitteln versorgt. Laut WAZ kommen wöchentlich 10.000 Hilfesuchende. „Der Großteil der Menschen ist dankbar für unsere Hilfe und zeigt uns das auch“, sagt Manfred Baasner, Gründer und Leiter der Wattenscheider Tafel. Doch seit einigen Monaten habe sich die Situation „teils dramatisch“ verändert. „Unsere Helfer werden aufs Übelste beleidigt und angepöbelt. Wir werden beschimpft, weil einige Bananen braune Flecken haben. Es wird gedrängelt, Alte und Kinder werden weggehauen.“

Auch wenn sich die Helfer über die neue Gewalt beklagen und die Tätergruppen benennen, sind sie die Letzten die Fremdenfeindlichkeit pflegen. Schließlich sind viele von ihnen selbst Einwanderer, wie Hendrik Ghariebihan, der aus dem Iran stammt. Ein junger Mann schlug auf Ghariebihan ein, weil er meinte, zu wenig Äpfel bekommen zu haben.

Solche Übergriffe haben Folgen. 300 der 430 ehrenamtlichen Helfer haben ihre Mitarbeit eingestellt. „Sie wollten diese Respektlosigkeiten nicht länger ertragen“, sagt Manfred Baasner. Einschnitte bei der Verteilung sind da künftig unumgänglich. Die treffen natürlich alle Bedürftigen.

Eigentlich wäre die Konsequenz doch ein konsequentes Vorgehen gegen jeden, der Helfer oder andere Hilfsbedürftige bedrängt oder angreift, egal woher er kommt. Doch das kann wohl kaum allein den ehrenamtlichen Lebensmittelverteilern aufbürden.

„Erstaunt“ über die Vorwürfe der Wattenscheider Tafel gegen Aussiedler und Flüchtlinge zeigt sich Ayse Balyemez, stellvertretende Vorsitzende des Integrationsrates, fand gegenüber der WAZ die Vorgänge „überraschend“, obwohl die Tafel schon seit Monaten damit zu kämpfen hat. Aber nun will sie handeln: „Das sind Entwicklungen, die die ganze Stadt angehen. Das muss in die AG Flüchtlinge“, kündigt Ayse Balyemez an. Die AG Flüchtlinge wird aber vermutlich auch keine schnelle praktische Hilfe zur Lösung des Problems anbieten können.

Bleibt die Polizei. Die bestätigt die Darstellung des Tafel-Chefs und kündigt stärkere Polizeipräsenz zum Schutz der Tafelhelfer an.

Nun mag Wattenscheid nicht typisch sein. Doch wenn man davon ausgehen möchte, dass Fremde grundsätzlich nicht brutaler, krimineller und gewalttätiger sind als Einheimische, dann muss sich doch hier eine Negativauswahl sammeln. Und das ist ein eigenes Problem, nach dessen Ursachen man fragen muss. Da hilft es wenig, zur Vernebelung solcher Probleme immer wieder auf die notwendige Willkommenskultur zu verweisen.

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