Zu kritisch oder zu teuer?

Etliche deutsche Medien schließen ihre festen Korrespondentenbüros in Moskau. Kostengründe seien ausschlaggebend, denn die russische Hauptstadt ist teuer. Der „Focus“ trennte sich nun auch von seinem langjährigen Russlandkorrespondenten Boris Reitschuster. Reitschuster gilt als fundierter Kritiker des Systems Putin. Und der „Focus“-Verleger Burda hat geschäftliche Interessen in Russland. Besteht da ein Zusammenhang?

Seit einigen Jahren, darauf verweist der „Focus“, habe Reitschuster gar nicht mehr als fester Korrespondent in Moskau gearbeitet. Das ist zwar richtig, macht die Sache aber nicht besser, denn jetzt betreibt der „Focus“ seine Russland-Berichterstattung offenbar nur noch mit freien Journalisten vor Ort. Allerdings steht der „Focus“ mit dem Rückzug aus Moskau nicht allein, auch andere Häuser haben ihre Korrespondentenbüros in Moskau in den letzten Jahren geschlossen, beispielsweise das Handelsblatt, die Zeit, und seit Jahresbeginn auch die Rheinische Post. Ein Grund dafür ist, dass Moskau inzwischen als eine der teuersten Städte der Welt gilt und daher ein festes Korrespondentenbüro in der russischen Hauptstadt ein spürbarer Kostenfaktor ist. Wenn das entsprechende Verlagshaus auch noch andere wirtschaftliche Interessen in Russland hat, könnte ein allzu kritischer Korrespondent zudem die Geschäfte stören. Die russische Obrigkeit ist da zuweilen kleinlich.

Der Deutsche Journalistenverband weist darauf hin, dass es mittlerweile zu einem Problem wird, wenn immer weniger fest vor Ort arbeitende Korrespondenten gibt. Je weniger journalistische Präsenz, desto weniger unabhängige Informationen bekommen deutsche Medienkonsumenten. Gerade in Zeiten der kriegerischen Auseinandersetzungen in der Ukraine, in der viel Propaganda produziert wird, wäre unabhängige journalistische Arbeit mehr denn je vonnöten.

Immerhin, die „Zeit“ soll, nach Informationen des Osteuropamagazins Ostpol.de, planen, wieder eine feste Korrespondentenstelle in Moskau einzurichten. Doch das wird wahrscheinlich ein Einzelfall bleiben, denn die hohen Kosten in Moskau dürften die meisten Redaktionen angesichts sinkender Einnahmen davon abhalten, sich wieder stärker in Russland zu engagieren.

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2 Kommentare

  1. KarlM

    Jetzt frage ich mich nur noch, wie teuer und kritisch dennunsere Korrespondentenbüros in Kiew sind? Können sich denn unsere Zeitungen da alle ihre eigenen Korrespondenten leisten, oder kommt dort auch viel Berichterstattung nur von örtlichen freien Mitarbeitern?

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    1. Leserin

      Lass doch die freien Mitarbeiter vor Ort dort auch leben. So haben die immerhin einen Auftraggeber mehr. Und gut oder schlecht können sowohl feste Korrespondenten als auch freie Journalisten arbeiten.

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