Helden der Demokratie?

Seitdem Markus Nierth als Bürgermeister von Tröglitz öffentlichkeitswirksam zurücktrat, ist er für manche Zeitgenossen ein Held der Demokratie. Zu Recht? Was sind denn hier die Maßstäbe für Heldenmut und Aufrichtigkeit? Gibt es nicht andere, die für die Bewahrung von Freiheitsrechten einstehen, die viel stärker wahrgenommen werden sollten? Ein Zwischenruf von Stephan Friedrichs.

Dass ein Bürgermeister, der seinen kleinen Ort ehrenamtlich „regiert“, sich allein gelassen fühlt, wenn Neonazis und empörte Bürger vor seinem Privathaus mit offizieller Genehmigung aufmarschieren dürfen, ist verständlich. Dass er da Angst um seine Familie bekommt und sich fragt, ob er sich das alles weiter zumuten muss, kann ich sehr gut nachvollziehen.

Im strukturschwachen Sachsen-Anhalt ein Dorf zu regieren und vielleicht etwas voranzubringen ist ohnehin keine leichte Aufgabe. Wenn dann das Land über die Kreisverwaltung seinem Dorf auch noch die Unterbringung von 50 Flüchtlingen auferlegt, wird es ganz schwer. Auf der einen Seite hat er dazu keine Alternative, auf der anderen Seite weiß er, dass die Mehrheit seiner Bürger davon keinesfalls begeistert ist und viele von denen ein Flüchtlingsheim offen ablehnen und/ oder fürchten. Dass Sachsen-Anhalt jüngst auch die Zahl seiner Polizeiposten im Lande drastisch reduziert hat, trägt erwartbar auch nicht zur Entspannung bei. Proteste und Gegenproteste, das Engagement von auswärtigen Polit-Aktivisten, die auf dem Unmut ihr Süppchen kochen wollen, all diese Auseinandersetzungen muss der ehrenamtliche Bürgermeister aushalten. Aggressive Neonazis, die dann vor dem eigenen Haus den Volkszorn anfachen wollen, bringen das Fass dann leicht zum Überlaufen. Wenn sich dann auch noch die Ansprechpartner in der Landkreisverwaltung wegducken, reicht es einem. So in etwa stelle ich mir die Gemütslage des nunmehr ehemaligen Tröglitzer Bürgermeisters vor. Und wie gesagt, ich kann ihn gut verstehen.

Hier soll deshalb nicht ehrabschneidend über ihn geurteilt werden, wenn auch ich die Heldengeschichten über den Aufrechten, der für sein Engagement zum Wohle der Flüchtlinge vom braunen Mob aus dem Amt vertrieben wurde, schwer erträglich finde. Nierth selbst hat dazu auch kaum beigetragen. Seine Äußerungen sind alles andere als eitel und selbstbeweihräuchernd und die Legende vom heldenhaften Verteidiger der Freiheit kann man daraus eigentlich auch nur bauen, wenn man sie so zurechtinterpretiert. Aber viele haben das getan.

In dieser unübersichtlichen Zeit lud das vertraute Freund-Feind-Schema geradezu dazu ein. Hier hatten tatsächlich NPD-Funktionäre den Protest gegen die Asylbewerber organisiert. Darüber, ob es sich um Neonazi-Aufmärsche handelt oder nicht, musste niemand diskutieren. Und es gab einen Guten, den Bürgermeister, der all das aushalten musste, um den Flüchtlingen zu helfen. Dass der zurücktrat, war für den Bundesjustizminister, der gern seine richtige Gesinnung demonstriert, gleich eine „Tragödie für die Demokratie“.

„Held“, „Tragödie“ – das bis dato unbekannte Tröglitz scheint ja zum Ort einer Entscheidungsschlacht geworden zu sein. Nur taugt die Geschichte dazu nicht. Nach seinen eigenen Auskünften und Facebook-Einträgen war es keineswegs so, dass sich Bürgermeister Nierth für die Aufnahme von Flüchtlingen in Tröglitz engagierte. Zunächst sah auch sein Dorf mit 50 ihm zugeteilten Asylbewerbern überfordert. Und er tat, was seine Wähler von ihm erwarteten. Er versuchte den Ausländerzuzug nach Tröglitz mindestens zu begrenzen. Nicht ohne Erfolg, wie er seinen Bürgern auch mitteilte. Von 50 auf 40 habe er die Zahl in Gesprächen mit der Kreisverwaltung reduzieren können, hieß es.

Damit diese Zeilen nicht missverstanden werden: Ein Kommunalpolitiker in dieser Situation kann nicht anders handeln. Er hat sicher alles richtig gemacht in dieser Frage. Und dass er dann, nachdem alles entschieden war, die Aufgabe, sich um die Flüchtlingsaufnahme mit vollem Engagement zu kümmern, ist selbstverständlich aller Ehren wert. Aber ein Held?

Ein Held wäre er, wenn er den rechten Demonstranten getrotzt hätte, wenn er nicht freiwillig gewichen wäre, sondern weiter das getan hätte, wofür ihn die Mehrheit der Tröglitzer gewählt hat: die Interessen ihres Dorfes zu vertreten. Die Aufrechten, die Helden sind diejenigen, die trotz aller Anfeindungen, Bedrohungen und Widrigkeiten dem Druck derer, die gegen Freiheit und Demokratie aufmarschieren, nicht nachgeben.

Ich konnte die heroischen Geschichten aus Tröglitz in dem Moment nicht mehr ertragen, als ich zeitgleich in „Cicero“ das Interview von Ulrich Schacht mit Lars Vilks las, jenem schwedischen Zeichner, der das Ziel des islamistischen Terroranschlags von Kopenhagen war. (siehe auch: http://www.cicero.de//weltbuehne/schwedischer-karikaturist-lars-vilks-ich-kann-nie-mehr-zurueckkehren-mein-haus/58969)

Vilks ist permanent von Mordanschlägen bedroht. Lebt unter Polizeischutz und manchmal sind die Bedingungen so, dass eigentlich er unter Arrest zu stehen scheint. „Hin und wieder kann ich sogar mein Versteck verlassen und an die Luft gehen“, beschreibt Vilks seinen Alltag. Die Macht des islamideologischen Terrors reicht selbst in westlichen Ländern inzwischen so weit, Islamkritiker zu Heimatvertriebenen im eigenen Land zu machen:

Schacht: „Aber das ist nicht mehr Ihre vertraute Umgebung in Höganäs in Südschweden, wo Ihr Haus steht und die Menschen leben, die Sie als Nachbarn kennen.“

Vilks: „Nein, ich kann nie mehr zurückkehren in mein Haus. Das ist verloren für mich. Für immer.“

Schacht; „Ein hoher Preis für Ihre Verteidigung der Freiheit der Kunst.“

Vilks: „Ja, das ist der Preis.“

 

Hier haben wir es mit Aufrechten, vielleicht sogar Helden zu tun, nicht bei dem zurückgetretenen Dorfbürgermeister. Und es ist nicht so, dass es solche Beispiele nur in Schweden gäbe. In Deutschland muss Hamed Abdel-Samad wegen seiner islamkritischen Bücher unter Polizeischutz leben, weil die Morddrohungen gegen ihn ernst zu nehmen sind.

Nun können Sie mir vorwerfen, ich würde Äpfel mit Birnen vergleichen, schließlich ginge es in Tröglitz ja um Neonazis. Vielleicht hätte ich ein Beispiel eines Aufrechten suchen sollen, der – ohne damit in einem fördermittelfinanzierten Projekt sein Geld zu verdienen – persönliche Risiken auf sich nimmt, um Beschränkungen der Freiheit durch Rechtsextreme entgegenzutreten. Ich gebe zu, ich habe jetzt für diese Zeilen nicht nach solch einem Beispiel gesucht. Vielleicht, weil wir den Umstand gern verdrängen, dass auch hierzulande Islamkritiker leben, die für die Wahrnehmung eines garantierten Grundrechts de facto mit eingeschränkter Bewegungsfreiheit bestraft werden, weil ihr Leben nur durch permanenten Polizeischutz halbwegs sicher ist. Vielleicht habe ich es auch hierbei belassen, weil im Bestreben, den Islam zu Deutschland einzugemeinden, bei gefährlichen Islamideologen zu viele Augen zugedrückt werden und die Gesellschaft ihnen gegenüber deutlich blinder ist, als gegenüber Rechtsextremisten. Und das macht es nicht nur aggressiven Islamideologen leichter (bitte beachten sie den Unterschied zwischen Ideologen und Gläubigen), sondern schürt auch ganz diffuse Ängste vor Muslimen und Zuwanderern. Es ist ja leider kein neues Phänomen, dass die einen Extremisten von den anderen profitieren.

Aber vor allem bin ich bei den erwähnten Beispielen geblieben, weil ich – wie schon beschrieben – durch die Lektüre des Interviews mit Lars Vilks bei gleichzeitiger Radioberichterstattung über Tröglitz auf die Diskrepanz der Maßstäbe gestoßen worden bin, die in unterschiedlichen Bereichen für Heldenmut und Aufrichtigkeit zu gelten scheinen.

Dabei ist manches ganz einfach. Vilks beschreibt es im Gespräch mit Ulrich Schacht sehr treffend: „Die westliche Kultur hat besondere Werte, Freiheitswerte. Andere Kulturen haben diese Werte nicht. Wenn das so ist, haben wir mit diesen Kulturen, wenn sie bei uns sind, ein Problem, falls sie das nicht anerkennen; eine solche Weigerung können wir ja nicht akzeptieren.“ Den Anspruch einer freiheitsfeindlichen Ideologie nicht akzeptieren – diese klare Aufrichtigkeit braucht es. Gegenüber Rechtsextremisten gelingt das inzwischen ja auch weitgehend. Was nicht heißt, auf diesem Felde könne man sich zur Ruhe setzen, auch da bleibt viel zu tun. Nur sind die Defizite an anderer Stelle gerade viel eklatanter. Vor allem. Weil wir uns immer noch weigern, diese in angemessener Klarheit auszusprechen. Das überlassen wir den wenigen Mutigen, die es teuer bezahlen müssen, wie beispielsweise Lars Vilks, der hier abschließend zitiert sein soll: „Diese Intoleranz in verschiedenen anderen Kulturen ist das große Problem für die Ideologie des Multikulturalismus, die ein Relativismus der Postmoderne ist, aber auch der postkolonialen Situation. Der Westen handelt in diesem Zusammenhang aus einem Sündenbewusstsein heraus, darüber, was er gemacht hat in der Kolonialzeit. Er glaubt, er müsse etwas zurückzahlen an andere Kulturen, indem er die eigene nicht mehr so hoch bewertet, ihren Rang zurücknimmt.“

Schacht: „Man hat ein schlechtes Gewissen, und deswegen toleriert man Unfreiheit?“
Vilks: „Am Anfang war es ein guter Gedanke, andere Kulturen vorurteilslos verstehen zu wollen. Aber dann haben sie diese Kompromisse zwischen Werten gemacht, die nicht zu einander passen.“

1 Kommentar

  1. nussknacker56

    Stimme zu. Gut begründeter und differenziert geschriebener Beitrag.

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