Ruf nach Leitkultur?

Wer in der Vergangenheit davon sprach, dass es im Einwanderungsland Deutschland eine Leitkultur geben müsse, an der sich Zuwanderer orientieren könnten und die das Zusammenleben der Gesellschaft erleichtere, der landete ganz schnell in der rechten Ecke. Doch vielleicht wünschen sich manche Zuwanderer eine Leitkultur?

Eyüp Yildiz hat – sein Name lässt es unschwer erkennen – das, was derzeit offiziell Migrationshintergrund genannt wird. Er ist ebenso Deutscher, Sozialdemokrat und stellvertretender Bürgermeister von Dinslaken, einer Stadt, die im vorigen Jahr vor allem als Dschihadisten-Hochburg überregionale Beachtung fand. Etliche junge Männer, die aus Deutschland in den Krieg für den „Islamischen Staat“ zogen, kamen von hier.

Yildiz zuzuhören, wenn er über die Ursachen dafür spricht und über die Defizite im Umgang mit großen Einwanderergruppen, ist offensichtlich ein Gewinn. Denn mit gängigen Sprechblasen, die oft ihrerseits ideologischen Weltsichten geschuldet sind, hält sich Yildiz nicht auf. Dankenswerterweise hat ihm jüngst die taz[1] etwas Platz eingeräumt. „Ich habe diese Jugendlichen täglich vor mir, ich weiß, wie die ticken. Die suchen nach Vorbildern, einem Platz in der Gesellschaft“, sagt Yildiz. „Und die Salafistenbärte nutzen das aus. Die bieten denen die ganz einfachen Lösungen, Schwarz-Weiß-Denken, brutalstmögliche Radikalität. Islamistisches Heilsversprechen. Macht süchtig und behindert das Denkvermögen!“, zitiert ihn die taz.

Doch, was heißt „Suche nach Vorbildern“? Wo sollen die denn zu finden sein, wenn diese Vorbilder Integration fördern sollen? Sind es dann nicht Vorbilder, die auch zu einer Art von Leitkultur gehören? Einer Leitkultur, die aus Parallelgesellschaften herausführt? Die entspricht natürlich nicht einer deutschen Leitkultur aus der Zeit, als Einwanderer zumeist aus mitteleuropäischen Kulturräumen kamen. Sie enthält selbstverständlich in den deutschen Alltag längst aufgenommene Anreicherungen aus verschiedenen Einwandererkulturen. Das ist – meist über einige Generationen hinweg – eigentlich ein ganz normaler Prozess in einem Einwanderungsland. Früher nannte man ihn schlicht Assimilation, aber Assimilation ist mittlerweile zum Unwort geworden. „Integrationspolitiker“ betonen, spätestens seit der türkische Präsident Erdogan die Assimilation zum Verbrechen erklärt hat, keine Assimilation zu wollen.

Stattdessen entstanden – mit Multikulti-PR garniert – Parallelgesellschaften. Insbesondere unter Türken, denen die deutsche Gesellschaft kaum positive Identifikationsmöglichkeiten als neue Deutsche bietet und stattdessen die Verbände hofiert, die getreu der Erdogan-Linie auch hierzulande türkischen Nationalismus und Islamismus fördern. Erdogan „arbeitet seit Jahren daran, den Türken seinen Islam aufzuzwingen“ sagt Yildiz in der taz. Und dieser Konservativismus gehöre zum politischen Nährboden, auf dem der salafistische Extremismus gedeihen konnte. Grundsätzlich hält er die türkischen Rückbesinnungstendenzen für ein riesiges Problem: „Menschen, die hier in der dritten, vierten Generation leben, sind immer noch nicht angekommen. Die leben hier, gründen Familien, sterben hier. Aber ihr Herz schlägt für diesen neoosmanischen Zampano? Da läuft doch was schief.“

Yildiz will deshalb Parallelgesellschaften aufbrechen. Vor allem in der Grundschule. Wenn im Stadtteil Lohberg – wie in vielen Vierteln anderer deutscher Städte – kaum noch ein deutsches Kind eingeschult wird, dann sollte die ortsansässige Grundschule geschlossen und die Kinder auf Nachbarschulen verteilt werden. „Es wird oft von Integration geredet. Ich frage mich, wo sollen sich diese Kinder denn hinein integrieren, wenn mind. 80 % der Schüler Migranten sind“, schrieb Yildiz schon vor einem Jahr – damals einfaches Ratsmitglied – in einer Lokalzeitung.[2]

[1] http://www.taz.de/1/archiv/digitaz/artikel/?ressort=sw&dig=2015%2F03%2F30%2Fa0053&cHash=02f7fcfbdb0869b72c73bc89dcfe1ce2

[2] http://www.lokalkompass.de/dinslaken/politik/leserbrief-die-die-uebrig-bleiben-von-eyuep-yildiz-d255216.html

 

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