Ehre den Völkermördern

In Berlin ruhen Verantwortliche des Genozids an den Armeniern in gepflegten Ehrengräbern. Um das ehrende Andenken an diese Täter kümmert sich die Sehitlik-Moschee in Berlin-Neukölln, auf deren Friedhof die Gräber liegen. Moschee und Friedhof gehören dem türkischen Staat und werden von deutschen Spitzenpolitikern gern besucht, um Toleranz zu demonstrieren. Mit deren Trägerverein DITIB, eine Gründung der türkischen Religionsbehörde, verhandelt die Bundesregierung in der sogenannten Islamkonferenz über Privilegien und Fördermittel für einige muslimische Verbände.

Die deutsche Bundesregierung tut sich schwer, den Völkermord an den Armeniern auch offiziell als Völkermord zu bezeichnen. Vielleicht auch, weil viele deutsche Spitzenpolitiker über „Integration“ und „Toleranz“ gern mit denen reden, die ehrendes Gedenken an die Verantwortlichen des Völkermordes pflegen. Im Januar besuchte beispielsweise Bundesjustizminister Heiko Maas (SPD) die Sehitlik-Moschee. Er wollte nach den islamistischen Anschlägen in Paris ein Zeichen setzen, damit sich nicht wegen der islamistischen Mörder hierzulande die Islamophobie oder gar Islamfeindlichkeit weiter ausbreite.

Stattdessen war es dem deutschen Justizminister wichtig, die Zusammengehörigkeit zu demonstrieren. Wahrscheinlich kann Heiko Maas, wie fast jeder deutsche Politiker, jederzeit abrufbar erklären, was gerade wir Deutschen aus unserer Vergangenheit alles lernen müssen. Die Gastgeber, mit denen er zusammengehören will und die deshalb doch auch alle möglichst leicht und nebenbei Deutsche werden sollen, pflegen da einen etwas anderen Umgang mit der Vergangenheit.

Ob Heiko Maas die Ehrengräber, die gepflegten Grabsteine gesehen hat? Weiß er, wer da von seinen Partnern geehrt wird? Hier liegt beispielsweise Cemal Azmi, vor 100 Jahren der Gouverneur der Provinz Trapezunt/ Trabzon und als solcher verantwortlich für Massaker an Armeniern in seiner Region. Auf seine Anordnung sollen Tausende Frauen und Kinder im Schwarzen Meer ertränkt worden sein.

Die Berliner Morgenpost zitiert den Historiker Christian Gerlach von der Universität Bern, der solchen Berichten in Einzeldokumenten eher skeptisch gegenübersteht, doch bei Azmi seien ihm mehrere Aussagen zu Ertränkungen begegnet „auch von türkischen Zeugen, das wiegt schwer“. Gesichert ist für ihn, dass Azmi Mädchen und Jungen aus den Deportationskolonnen herausnehmen und an muslimische Haushalte vermitteln ließ.

Seine Taten waren schwerwiegend genug, dass ihn ein osmanischer Kriegsgerichtshof nach dem Ersten Weltkrieg wegen vorsätzlicher Ermordung zum Tode verurteilte. Allerdings in Abwesenheit, denn Azmi floh rechtzeitig nach Berlin. Im Nachbargrab liegt Bahaddin Sakir, Gründungsmitglied der jungtürkischen Regierung des Osmanischen Reiches, des Komitees für Einheit und Fortschritt, das den Völkermord an den Armeniern und Aramäern organisierte. Viele Historiker gehen davon aus, dass Sakir als Anführer der Todesschwadronen „Teskilat-i-Mahsusa“ einer der wichtigsten Planer des Völkermordes war.

Ihnen zur Seite ruhte mehr als zwanzig Jahre der Hauptverantwortliche des Völkermords, der Innenminister und Großwesir des Osmanischen Reiches Talaat Pascha. Auch er war nach seiner Flucht in Konstaniopel von einem türkischen Gericht in Abwesenheit zum Tode verurteilt worden. Im Berliner Exil wurde er 1921 von einem armenischen Attentäter erschossen, im Jahr darauf starben Azmi und Sakir nach einem armenischen Racheakt in Berlin. Talaat Pascha wurde allerdings 1943 umgebettet. Feierlich überführte das NS-Regime den Leichnam nach Istanbul. Dort bekam er ein prächtigeres Grabdenkmal, dass auch immer noch in Ehren gehalten wird. Und während Präsident Erdogan wütend gegen jeden wettert, der den Völkermord an den Armeniern einen Völkermord nennt, gibt es landesweit noch viele Straßen, Schulen und Plätze, die nach den Führern der jungtürkischen Regierung wie Enver Pascha und Talaat Pascha benannt sind.

Mit dem ehrenden Gedenken an die Völkermörder haben die Verhandlungspartner unserer Bundesregierung in Sachen Integration kein Problem. Es gab einfach keinen Völkermord, dann kann es auch keine Verantwortlichen dafür geben. Diese Linie verfolgt auch der türkische Ministerpräsident Ahmet Davotoglu. In einem Telefongespräch mit der Bundeskanzlerin verwahrte er sich gegen eine Bundestagsresolution, die das Wort „Völkermord“ enthält mit der Begründung, dass es diesen Begriff im Völkerrecht erst seit 1948 gebe. Ergo kann es 1915 keinen Völkermord gegeben haben.

Ob Davotoglu mit dem Begriff „Massaker“ einverstanden ist? Den jedenfalls verwendet der Bundestag. Der Bezug zum Völkermord kommt eher verhalten vor. Da sind manche türkischen Historiker und Publizisten mutiger, obwohl sie damit existenzielle Risiken eingehen. Ihnen drohen sowohl staatliche und behördliche Schikanen, wie auch ein Mordanschlag wie vor einigen Jahren auf Hrant Dink. Viele deutsche Politiker fühlen sich hingegen schon vom Unmut der hier lebenden Türken eingeschüchtert. Lieber möchte man mit Wohlverhalten für Harmonie sorgen.

Solche Harmonie, wie sie sich im Januar am Brandenburger Tor eingestellt hatte, als Bundesregierung und der Bundespräsident zusammen mit den Funktionären der Muslimverbände dafür demonstrierte, „sich nicht spalten zu lassen“.Wie froh war unser politisches Establishment, dass die Muslim-Funktionäre sogar öffentlich die Mordanschläge von Islamisten in Paris verurteilten. Ganz harmonisch untergehakt mit SPD-Chef Sigmar Gabriel steht da sein Genosse Bekir Yilmaz. Trotz SPD-Parteibuch, die deutsche Parteizugehörigkeit ist wie die Staatsangehörigkeit zweitrangig. In erster Linie ist Yilmaz Türke. Bei einem Vorsitzenden der Türkischen Gemeinde in Berlin ist das vielleicht auch kein Wunder. Bei einem Mann, den seine Partei gern als Beispiel für Integration vorzeigt, ist das allerdings befremdlich.

Genosse Yilmaz rief seine Landsleute beispielsweise dazu auf, am 25. April gegen die Behauptung eines angeblichen Völkermords im Osmanischen Reich in Berlin auf die Straße zu gehen. Die Frage, ob es einen Genozid an Armeniern gegeben hat, gehe das Parlament nichts an, ließ Yilmaz verlauten. Die knapp drei Millionen hier lebenden Türken litten ohnehin schon unter der Debatte über Integration, Islamfeindlichkeit und Pegida. Die geplante Bundestagsresolution lege da „noch eine Schippe drauf“. Die verfolgten Türken, verfolgt von der Forderung, einen Völkermord nicht länger zu leugnen und zu verschweigen.

Allerdings verkneifen sich die meisten deutschen Politiker solche Forderungen weitgehend. Auch Kritik an der Pflege der Ehrengräber von Völkermördern soll die Integrations-Inszenierung nicht stören. Die versöhnlichen Bilder von den Besuchen in der Sehitlik-Moschee sind wahrscheinlich wichtiger als eventuelle Befindlichkeiten von Armeniern. Pierre Zorn

1 Kommentar

  1. Erik Peeters

    „Nothing has as yet been said of the Turks that I do not now believe; nothing could be said of them that I should not think probable and likely. There is, it seems, a point in atrocity beyond which discrimination is impossible, when mere comparison, calculation, measurement are out of the question, and this point the Turks have already passed. You can follow them no further. The way is blocked up by mountains of hideous facts that repel scrutiny and investigation, over and beyond which you can not see and do not care to go.“
    J. A. MacGahan (The Daily News, August 22, 1876), pp.5-6
    Lies weiter ‚The Turkish Atrocities in Bulgaria: Horrible Scenes at Batak‘ : http://www.attackingthedevil.co.uk/related/macgahan.php

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