„Unsere Stärke im Ausland“

So sieht der türkische Präsident Erdogan alle Einwohner Deutschlands mit türkischen Wurzeln. Er ruft sie auf, unbedingt Türken zu bleiben, ihre Liebe und Treue zur türkischen Nation und zum Islam zu pflegen und nicht Teil der deutschen Gesellschaft zu werden. Mögen sie neben dem türkischen Pass gern auch die deutsche Staatsbürgerschaft annehmen, wenn sie ihnen angeboten wird, doch ihre Loyalität soll allein dem Vaterland mit der Halbmondflagge gelten. Warum nur darf der Präsident in Deutschland Propaganda- und Wahlkampfreden für die türkische Parlamentswahl halten, ohne dass Kritik laut wird, während deutsche Polizisten Gegendemonstranten vor prügelnden Erdogan-Anhängern schützen müssen.

Der 10. Mai 2015 in einer Karlsruher Messehalle. 14000 begeisterte Anhänger feiern ihr schnauzbärtiges Idol mit Jubel, einem roten Fahnenmeer und dem von ihm gewünschten Slogan „Eine Nation – eine Fahne – ein Vaterland – ein Staat“. Eigentlich müssten solche Szenen hierzulande wenigstens allgemeines Unbehagen hervorrufen, aber wenn es türkische Einwanderer und deren Nachkommen sind, die hier ihrem Führer zujubeln, entscheiden sich die meisten deutschen Verantwortungsträger lieber zum Übersehen.

Recep Tayyip Erdogan ist bekannt dafür, dass er Assimilation für ein Verbrechen hält und es damit genug sein müsse, wenn die Türken bereit sind, die Sprache des Landes in dem sie leben zu erlernen. Auch bei seiner Karlsruher Rede forderte er seine in Deutschland lebenden Landsleute auf, sie sollten die Werte, die Religion und die Sprache ihrer Heimat bewahren: „Je stärker unser Zusammenhalt in der Welt, umso stärker sind wir alle“. Für den islamistischen Politiker gibt es in dieser Heimat auch nur eine Religion.

Doch solche Feinheiten spielen keine Rolle, schließlich ist der Präsident in besonderer Mission unterwegs. Nach der türkischen Verfassung darf er als Präsident nicht in den Wahlkampf zur Parlamentswahl eingreifen. Aber was schert einen wie ihn die Verfassung. In Deutschland leben 1,4 Millionen türkische Wähler. So viele haben sich in Botschaften und Konsulaten als Wähler registrieren lassen. Die ruft er nun zum Wählen auf. Wen sie wählen sollen, daran lässt er keinen Zweifel, auch wenn er es vermeidet, den Namen seiner allein herrschenden Partei AKP direkt auszusprechen. Das ist auch nicht nötig, denn die Anhänger wissen, was Erdogan sagen will, wenn er ihnen zuruft, sie seien die „Stimme der Nation“ und „Die Wahlurne ist eure Waffe“! Gegen wen sich diese Waffe richtet, auch daran lässt Erdogan keinen Zweifel: „Niemand kann euch überhören in der Welt, wenn ihr wählt, […] auch nicht diejenigen, die in der EU eine Schweigeminute für Armenier eingelegt haben, können euch ignorieren.“

Damit auch die Wähler in der Heimat etwas davon hatten, wurde die Rede auch vom türkischen Fernsehen live übertragen. Und auch Erdogan-Gegner kamen auf ihre Kosten. Einige von denen, die vor der Messehalle gegen den Auftritt demonstrierten, wurden von Erdogan-Anhängern verprügelt.

Der Auftritt reiht sich ein in eine Reihe von Wahlkampfauftritten türkischer Regierungspolitiker in Deutschland. Rücksichten auf das Land, in dem die für die alte Heimat reklamierten Landsleute leben, sind den Regierungspolitikern aus Ankara fremd. Das brachte der türkische Ministerpräsident Ahmet Davutoğlu bei einer Rede in Dortmund einige Tage zuvor treffend auf den Punkt: „Wo die Flagge der Türkei ist, dort ist für uns auch die Türkei selbst“. Damit ist das Verhältnis der Anhänger des türkischen Herrschers zu Deutschland ziemlich klar definiert. Eine selbstbewusste deutsche Gesellschaft, wie immer sie sich auch ethnisch oder weltanschaulich zusammensetzt, muss sich hier eigentlich deutlich querstellen. Doch gerade die deutschen Politiker und Meinungsbildner, die schon beim zwanglosen Schwenken der schwarz-rot-goldenen Fahne bei der Fußball-WM den wiedererstarkenden Nationalismus fürchten, versuchen sich türkischen Nationalismus als eine Art Folklore schönzureden.

Sonst könnten Landesregierungen wohl kaum Staatsverträge mit Organisationen wie der DITIB schließen oder die Bundesregierung mit ihr in der Islamkonferenz verhandeln. Nicht nur, weil die DITIB eine Organisation von Erdogans Religionsbehörde ist. Ihr Logo prangt auch als Mitveranstalter an der Wand hinter dem Redner Erdogan. In Berlin und den Landeshauptstädten verlangt die gleiche Organisation dann Sonderrechte und Quoten für die eigene Klientel. Eigentlich müsste die Reaktion auf solcherlei Ansinnen klar sein. Wenn andere das sehr schön in einem Satz formulieren können, dann sollte man ihn auch zitieren. Eine FAZ-Online-Leserin kommentierte treffend: „Wenn man von den Einwanderern nicht verlangen kann, ihre kulturelle Identität aufzugeben, kann man es noch weniger von den Deutschen, denn sie haben keine andere Heimat als diese hier.“ (St.F)

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