Diskriminierungsfreie Pflanzen

Wenn es um Menschen geht, haben Sprachwächterinnen viele diskriminierende Bezeichnungen schon ausgemerzt. Wer heute beispielsweise noch von „Zigeunern“ oder „Eskimos“ spricht, ist sofort als bestenfalls rückständiger und rückwärtsgewandter Mitbürger entlarvt. Auch in Bezug auf Tiere kümmern sich Tierrechtler um Diskriminierungsfreiheit. Und bei Pflanzen? Ungestraft wird da von „Unkraut“ und sogar von „Unkrautbekämpfung“ und „-vernichtung“ gesprochen und geschrieben. Welch abgrundtiefe Pflanzendiskriminierung. Doch zum Glück finden sich natürlich auch hier Aktivisten, die sich endlich um die richtige Gesinnung und Sprache kümmern.

Das Wirken dieser Aufrechten wird momentan noch nicht angemessen gewürdigt, aber das sollte sie nicht entmutigen, denn beispielsweise auch die Verfechter der Unisextoilette wurden anfangs für weltfremde Spinner gehalten und nun setzt sie sich in Institutionen nach und nach durch. Wer will schon offen gegen spezielle Bedürfnisse  von Transgender-Vertreter_*(?)innen stimmen? Keiner, denn das könnte ja diskriminierend sein.

Aber zurück zu den Pflanzen. Dass es Alternativen zum „Unkraut“ gibt, wusste ich vor wenigen Tagen noch nicht einmal. Im Gespräch mit einer Freundin fiel das Wort zufällig, und da wir vorher gerade über die Entwicklung des politisch-korrekten deutschen Neusprechs redeten, merkten wir bei diesem Wort auf. Wahrscheinlich, so glaubten wir, würde sich demnächst ein Sprachwächter auch dieses Wortes annehmen und dem Unkraut eine andere Bezeichnung verordnen.

Der Zungenschlag unseres Gesprächs – ich gestehe es – war der von Menschen, die zwar wissen, dass sich Sprache immer entwickelt und verändert, es aber ablehnen, dass dies verordnet wird. Es riecht einfach zu sehr nach George Orwells Beschreibung der Zielsetzung des Neusprechs in 1984, wonach die Sprache so verändert werden muss, dass ein Gedankenverbrechen unmöglich wird, weil es mangels geeigneter Worte niemand mehr formulieren kann. Kurz gesagt, wir hielten das Wort Unkraut für normal, wollten kein anderes verordnet bekommen und kannten noch keins, das in Frage kommen könnte.

Doch die Wirklichkeit ist schneller als man denkt. Ich entdeckte kürzlich, das Unkraut in der Tat schon als diskriminierend angeprangert wurde und sich die Sprachwächter nur noch nicht ganz einig zu sein scheinen, ob es stattdessen Wildkraut oder Beikraut heißen muss. Beides wird angeboten, doch nach einer ersten groben Netzrecherche hat das Beikraut die Nase vorn.

„Landtechnische Lösungen zur Beikrautregulierung im Ökolandbau“ ist beispielsweise der Titel einer Publikation der Universität Kassel. Darin heißt es: „Die Suche nach einem differenzierten Umgang mit ‚Unkraut‘ drückt sich auch im Ersetzen der Bezeichnung „Unkrautbekämpfung“ durch den Begriff ‚Beikrautregulierung‘ aus“[1]. Zwar ist das Beikraut durch diese Umbenennung noch nicht vollständig gerettet, auch nicht im ökologischen Landbau. Es gibt einfach Beikraut, das zwingend vom Acker oder Beet muss, aller Ideologie zum Trotz. Aber auch das nicht erhaltenswerte frühere Unkraut wird sprachlich mit zum Beikraut erhoben, sonst bliebe es ja diskriminiert: „Beikraut ist nicht nur ein Synonym für Unkraut, sondern vielmehr auch ein genauerer, nicht diskriminierender Begriff.“[2]

Nun ist die Neubezeichnungsfrage noch nicht abschließend geklärt. Viele wollen sich noch nicht vom Unkraut verabschieden. Umbenennungen und neue Begriffe wollen manche Kräuterexperten nur dort einführen, wo es tatsächlich der Differenzierung dient und nicht um ideologische Vermeidung der Pflanzendiskriminierung geht. Dazu eine treffende Zusammenfassung:

„Während der größte Teil der landwirtschaftlichen Disziplinen an diesem Begriff festhält, versuchen Verfechter aus dem Bereich des Natur – und Umweltschutzes sowie einzelne Vertreter des ökologischen Landbaus, den Begriff `Unkraut` durch die Begriffe `Wildkraut` oder `Begleitflora` zu ersetzen.

Der Gebrauch der Begriffe Unkraut oder Wildkraut sollte mit Bedacht erfolgen und vor allem unabhängig von jeglicher Ideologie. Gemäß der Definition des Begriffs Unkraut wird damit eine Pflanze gekennzeichnet, deren Vorkommen und Entwicklung extrem stark vom Menschen beeinflusst wurde oder wird, während der Begriff Wildkraut eine Pflanze beschreibt, deren Vorkommen und Entwicklung vom Menschen weitgehend unbeeinflusst ist. Natürlich ist diese Abgrenzung sehr theoretisch, da es bei uns nahezu keine Pflanzenart gibt, deren Entwicklung ganz unabhängig vom Tun des Menschen ist.

Wie bisher üblich sollte der Begriff Unkraut zur Kennzeichnung von bekämpfungswürdigen Pflanzen oder Pflanzenbeständen verwendet werden. In Anlehnung an das Motto „ Unkräuter bekämpfen – Wildkräuter erhalten “ könnte der Begriff Wildkraut dann zur Kennzeichnung solcher Pflanzen oder Pflanzenbeständen verwendet werden, die nach vegetationskundlichen Gesichtspunkten zur als Unkraut einzustufen wären, nicht jedoch aus ökologischen Gründen (z.B. Zeigerpflanzen). Damit wäre eine sprachliche Trennung von bekämpfungswürdigen und nicht bekämpfungswürdigen Pflanzen zu erreichen.“[3] Klingt sinnvoll, aber darf man Pflanzen „bekämpfungswürdig“ nennen? Diskriminiert das nicht? Vielleicht sollte man einfach nicht jedem Begriff eine ideologische Ecke zuweisen. Man kann das Unkraut schließlich auch wie Oskar Kokoschka sehen: „Unkraut ist die Opposition der Natur gegen die Diktatur der Gärtner“. (Stephan Friedrichs)

[1] http://orgprints.org/19829/1/2657_Handbuch%20Unkraut%20LR.pdf

[2] http://www.enzyklo.de/Begriff/Beikraut

[3] http://hexchen.de/Hexchen/Unkraut%20oder%20Wildkraut.HTM

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