Falsche Flüchtlings-Bilder …

… sorgen für die falsche Politik. Neben verzweifelten Kriegs- und Armutsflüchtlingen kommen auch viele Afrikaner, die einfach mehr Wohlstand suchen, obwohl es ihnen in ihrer Heimat nicht schlecht geht. Afrika ist nicht in Gänze der Kontinent von Krieg, Not und Elend, als der er in Europa oft gesehen wird. Ein ghanaischer Journalist weist auf den Umstand hin, dass aus seiner Heimat nicht die Armen ohne Zukunftsaussichten fliehen, sondern gut ausgebildete Frauen und Männer aus dem Mittelstand. Trotz aller Chancen in der Heimat treiben sie die Verlockungen Europas in den Norden. Ein verhängnisvoller Prozess, denn am Ende stehen zwangsläufig große Enttäuschungen.

„Glaubt man den führenden Medien weltweit, entwickelt sich Afrikas Wirtschaft mit rasanter Geschwindigkeit: Die am schnellsten wachsende Region der Welt. Die Weltbank, der Internationale Währungsfonds und viele afrikanische Regierungen lassen keine Möglichkeit ungenutzt, um zu betonen: Sieben der zehn am schnellsten wachsenden Volkswirtschaften liegen in Afrika. Gestützt werden ihre Behauptungen durch beeindruckende makroökonomische Terminologien.“1 So beginnt ein Essay des ghanaischen Journalisten Femi Akomolafe. „Es ist paradox: Trotz beeindruckender Wachstumskurven fliehen die meisten Menschen weltweit voller Verzweiflung aus Afrika, um Armut und Krankheiten zu entkommen.“ Dieses Paradoxon erklärt er – zumindest teilweise – an einigen Flüchtlingsgeschichten aus seiner Heimat, die ganz anders sind, als die, die bei Europäern vor allem Mitgefühl und Verständnis für den Bau immer neuer Asylbewerberunterkünfte in ihrer Nachbarschaft wecken sollen.

Bevor hier weiter auf Akomolafes Beschreibungen eingegangen wird, lohnt sich ein Blick auf die Seite, auf der sein Essay zuerst in Deutsch veröffentlicht wurde. „Afrika anders denken“ ist das Motto von journafrica.de, einer Seite, die Berichte aus Afrika bringen möchte, die in der meist recht stereotypen Afrika-Berichterstattung der europäischen Medien selten vorkommen. Oft sind es, wie hier bei dem Essay von Akomolafe, übersetzte Texte afrikanischer Kollegen.

Als ich auf die Seite geriet, hatte ich eine ganz andere Erwartung. So, wie der Link kurz beschrieben war, fürchtete ich, hier wollte jemand den gängigen Berichten von Krieg, Not und Elend einfach die schönen, positiven Wohlfühlgeschichten entgegensetzen. Ich hatte erwartet, etwas in meinen Augen völlig Absurdes zu finden und wurde auf angenehme Weise enttäuscht. Auf journafrica.de werden die afrikanischen Probleme einfach nur aus afrikanischer Sicht beschrieben. Und das kann, wie bei Akomolafe, durchaus erhellend sein.

„Abena Ofori war Oberschwester in Ghanas führendem Krankenhaus Korle Bu in Accra. Ihr Ehemann war Architekt. Sie verdienten nicht schlecht. Doch als sie sah, wie im Ausland lebende Ghanaer vornehme Gebäude in der Stadt errichteten, entschied auch sie sich dafür, ihr Glück in den Niederlanden zu versuchen. Entgegen der Ratschläge ihres Mannes und ihrer Kinder kündigte sie ihre Stellung und wanderte aus.

Doch es kam anders als geplant. Erschüttert musste Ofori feststellen, wie weit jene Frauen gehen mussten, um sich die Häuser leisten zu können, auf die sie vorher so neidisch gewesen war. Heute, fast fünfzehn Jahre später, versucht sie ihr einfaches Leben mit Altenpflege aufzubessern. Sie teilt sich eine winzige Ein-Zimmer-Wohnung; die Miete verschlingt fast das gesamte Gehalt. Ihr Ehemann hat sich von ihr getrennt.

Ihre ehemaligen Kollegen in Accra haben Gehaltserhöhungen und großzügige Kredite erhalten. Sie bauen sich eigene Häuser und führen ein Leben in der gesicherten Mittelschicht. Ofori ist völlig desillusioniert: Sie verdammt den Tag, an dem sie sich dazu entschied, Ghana zu verlassen. Es ist einzig die Schande, die sie von einer Rückkehr abhält. Das Stigma des Misserfolgs wäre allgegenwärtig.“ Nach Akomolafe ist das kein Einzelfall. Wir müssen also nicht in jedem dunkelhäutigen Zuwanderer sofort einen Menschen sehen, der um seines Überlebens willen nach Europa kam. „Viele Ghanaer haben gutbezahlte Jobs zurückgelassen und beträchtliche Summen für den Aufbruch nach Europa aufgebracht. Dort begegnen ihnen unzählige Hindernisse, die tiefer gehen als die Sprachbarriere oder das raue Wetter: Der ewige Kampf um eine Aufenthaltsgenehmigung, der allgegenwärtige Rassismus, von den Kleinigkeiten des Alltags ganz zu schweigen. Das Essen, die Freunde – all das, was man im eigenen Land als selbstverständlich erachtet.“

Manchen Zuwanderern würde man demnach helfen, wenn man sie bei einer Rückkehr unterstützt, die nicht mit dem Stigma des Scheiterns behaftet ist. Möglicherweise ließe sich in manchen Fällen das Geld, das beispielsweise für die Abschiebehaft aufgewendet wird, besser in eine Starthilfe in der alten Heimat investieren. Doch letztlich sollte es gerade hier darum gehen, durch mehr Information die Illusionen, die die Schleuser als Grundlage ihres Geschäfts nähren, zu zerstören. Nicht vordergründig, um sie von Europa abzuschrecken. Doch es gibt nur Verlierer, wenn diese Zuwanderer in Europa zwangsläufig Enttäuschungen erleben. Dem Verhältnis zwischen autochthoner Bevölkerung und Einwanderern tut das nicht gut und dem Herkunftsland fehlen oft genau die Leistungsträger, die für eine weitere wirtschaftliche Entwicklung gebraucht werden.

Dass allerdings die Kenntnis solcher Geschichten wirklich auswanderungswillige Landsleute vom Weg nach Europa abbringt, glaubt Akomolafe nicht. Letztlich werben die, die mit der Auswanderung und Schleusung ihr Geld verdienen, mit nackten Zahlen. Und auch kleine europäische Einkommen klingen einfach zu verlockend: „Umgerechnet in Cedi (Anm. d. Red.: die ghanaische Währung) erhält man ein kleines Vermögen. Trotzdem reicht es meist gerade so für das Existenzminimum. Nach Miet- und Nebenkosten bleibt oft kaum etwas übrig, um das Essen auf den Tisch zu bringen. Über kurz oder lang sammeln sich die Schulden an. Ausbleibende Zahlungen sind ein purer Alptraum. Und es gibt kaum Hoffnung auf Besserung.“

Neue Ansätze sind da gefragt. Operationen im Mittelmeer und der Bau immer neuer Heime können letztlich keine Antworten auf die Herausforderungen sein. Aber um sie zu finden, müssen sich die Europäer unabhängig von aller gebotenen Hilfe für Schiffsbrüchige im Mittelmeer zuerst einmal darauf einlassen, die verschiedenen Flüchtlingsgruppen mit ihren ganz unterschiedlichen Interessen auch entsprechend differenziert wahrzunehmen, um dann auch ebenso differenziert reagieren zu können.

Der ganze Akomolafe-Artikel steht hier: journafrica.de/migration-europa-45156

Mehr zum Thema auch hier http://sichtplatz.de/?p=2918 und hier http://sichtplatz.de/?p=3091

1 Kommentar

  1. Pingback: Asyl für Leichen | sichtplatz.de

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