Showdown oder Show?

Es sieht auf den ersten Blick so aus, als würden die zwei Flügel der AfD ihre Partei gerade zerlegen. Aber vielleicht folgt sie auch einer alten Taktik der PDS aus den neunziger Jahren. Der Flügelkampf hat sich für politische Schmuddelkinder immer schon angeboten, um überhaupt etwas Medienaufmerksamkeit zu bekommen. Vor allem der liberale Flügel wird erstmals halbwegs angemessen selbst dort wahrgenommen, wo die AfD bislang pauschal als rechtspopulistisch oder rechtskonservativ galt.

Die AfD spaltet und zerlegt sich, zumindest sieht es so aus. Viele Kommentatoren und auch Politiker frohlocken darüber, denn sie läuteten der Partei schon seit ihrem Entstehen das Totenglöckchen und erklärten sie zu einer vorübergehenden Erscheinung. Jetzt fühlen sie sich nicht nur bestätigt. Sie sind auch alle spürbar erleichtert, dass die politischen Schmuddelkinder, die Wahl für Wahl in die Parlamente einzogen, weil sie schamlos auf Themenfeldern wilderten, bei denen sich alle anderen relevanten Parteien auf Alternativlosigkeit geeinigt hatten. Wie schön ist es doch für sie, wenn diese Alternativlosigkeit wieder unangefochten gilt.

Doch vielleicht läuten die Totenglöckchen trotz des jetzigen Showdowns etwas verfrüht. Was ist eigentlich, wenn die Verwerfungen nicht zu einer Spaltung führen, sondern nur zu größerer Medienresonanz. Wie das funktioniert, hatten die damals noch als politische Schmuddelkinder geltenden SED-Erben von der PDS in den neunziger Jahren demonstriert. Ohne beide Parteien gleichsetzen zu wollen, trotzdem könnte es sein, dass der scheinbare Showdown nur die Show ist, die vor zwei Jahrzehnten die sogenannten Reformer in der PDS im „Flügelkampf“ mit ihren Genossen aus den Reihen der bekennenden Kommunisten und SED-Liebhabern aufführte.

Immer dann, wenn die SED-Nachfolger in der Öffentlichkeit kaum wahrgenommen wurden, gab es plötzlich einen harten Schlagabtausch zwischen beiden Flügeln. In den Medien wurde der Flügelkampf gern ausführlich ausgebreitet, und jeder aus der Anhängerschaft konnte die Positionen lesen, die ihm gefielen. Die einen bekamen von Gregor Gysi die Vorstellung einer geläuterten, demokratischen und beinahe neuen Partei geboten, die den ideologischen Ballast der Vergangenheit über Bord geworfen habe und nur aus Mitmenschlichkeit diejenigen nicht verstoßen möchte, die ihre Partei als alte Kommunisten noch als politische Behausung brauchten. Deren Anhänger konnten sich wiederum von Sahra Wagenknecht und Genossen bestätigt fühlen, dass die PDS trotz aller demokratischen Anstriche der vertrauten Ideologie weiter treu bleibt.

Letztlich hat man sich natürlich immer wieder geeinigt, die Genossen schreiten immer noch Seit an Seit, haben die Schmuddelecke aber längst verlassen. Ihre Koalitionspartner haben sich immer die „Guten“ heraussuchen können, mit denen man sich die in Die Linke umbenannte Partei schönreden und alle Freunde der kommunistischen Diktatur übersehen konnte. In den neunziger Jahren wäre undenkbar gewesen, dass die SED-Erben Koalitionspartner finden, um aus ihren Reihen einen Genossen ins Amt eines Landes-Ministerpräsidenten zu hieven. Die Flügelkämpfer von einst sind immer noch in der Partei vereint.

Daran erinnert mich das gegenwärtige Schauspiel in der AfD stark. Die Medien, die in ihrer Mehrheit der AfD pauschal den Stempel „rechtspopulistisch“ oder „rechts“ aufdrückten, meinten sich bestätigt zu fühlen, als der Vorsitzende Bernd Lucke mit seinen Anhängern gegen rechte Tendenzen in der Partei öffentlich zu Felde zog. Doch gleichzeitig entdecken sie einen liberalen Flügel. Der ist nun täglich Gegenstand in den Meldungen über die sich zerlegende AfD. Vorher schaffte es der liberale Flügel nur sehr selten in die Medien. Nun, da er als Kronzeuge dient, ist er plötzlich begehrt.

Für die AfD kann es letztlich von Nutzen sein, dass ihr liberaler Flügel in der Öffentlichkeit stärker wahrgenommen wird. Dadurch, dass die AfD sehr schnell in die rechte Ecke gestellt wurde, haben viele bürgerliche Kräfte, die mit der neuen Partei geliebäugelt hatten, ein offenes Engagement gescheut. Auf diese Weise wurde der liberale Flügel der Partei natürlich geschwächt und der rechte Flügel im Verhältnis gestärkt. Diejenigen, die die AfD sowieso in der rechten Ecke sehen wollten, stört das nicht, auch wenn es zu einem gewissen Teil eine selbsterfüllende Prophezeiung ist.

Ob nun das Flügelschlagen eine Show zur besseren Platzierung in der Öffentlichkeit ist oder tatsächlich ein Showdown, das weiß der Verfasser dieser Zeilen nicht. Vielleicht ist es selbst den Protagonisten an der AfD-Spitze nicht so ganz klar. Aber noch ist die Situation nicht zu verfahren, um daraus nicht noch Profit zu schlagen. Mit dem Totenglöckchen wird man womöglich noch ein wenig warten müssen. (Pierre Zorn)

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