Kein deutscher Pass für Martin?

Manchmal bekommt man ja das Gefühl, deutsche Staatsangehörigkeiten werden so leichtfertig vergeben, dass bald in allen Kriegen und an allen Fronten Inhaber deutscher Pässe für ihre alte Heimat oder islamistische Glaubensbrüder kämpfen. Einem afghanischen Flüchtling hingegen, obwohl er wie aus dem Bilderbuch bildungshungrig, fleißig und nach sieben Jahren in einer deutschen Familie auch bestens integriert ist, wird der deutsche Pass verweigert. Den Behörden fehlen Personenstandsdokumente aus Afghanistan. Dokumente, die für den Jungen noch nie ausgefertigt wurden und die er deshalb nicht beibringen kann. So droht eine wünschenswerte Einbürgerung daran zu scheitern, dass deutsche Beamte realitätsferne Vorstellungen vom afghanischen Personenstandswesen haben.

Martin ist Hazara, eine in Afghanistan häufig diskriminierte ethnische Minderheit, die besonders in den zahlreichen Kriegen und bewaffneten Konflikten der letzten Jahrzehnte zu leiden hatte. Ein Massaker in seinem Dorf löschte seine Familie aus. Als er 13 Jahre alt war, machte er sich auf den mühsamen und langen Weg nach Europa. Er hat viele schlimme Situationen durchgestanden, kennt Polizei- und Gefängniszellen verschiedener Länder, in denen er als Illegaler ohne Papiere aufgegriffen wurde. Schlechte, brutale und entwürdigende Behandlung hat er oft erfahren müssen, und auch als es ihn nach Deutschland verschlug, war er zuerst nicht willkommen. Auch hier landete er zuerst in einer Zelle, denn er wusste zuerst nicht, dass er einen Asylantrag stellen musste, um eine Chance zu haben, in Deutschland zu bleiben.

Als minderjähriger unbegleiteter Flüchtling durfte er bleiben und er traf bald darauf auf eine Frau, die er heute wie selbstverständlich Mama nennt. Ruth Bensmail sieht, dass dieser Junge vor allem ein zu Hause braucht, und nimmt ihn in ihre Familie auf. Seit sieben Jahren ist er dort praktisch der Sohn. Martin lernt schnell Deutsch und ist auch sonst bildungshungrig. Der Hazara-Junge ist ein junger Mann von 22 Jahren, macht sein Abitur und möchte eigentlich zur Polizei gehen. Deutschland ist jetzt seine Heimat, er hat eine deutsche Familie und fühlt sich auch als Deutscher. Was läge näher, als nun auch die deutsche Staatsbürgerschaft anzunehmen, zumal die für eine Laufbahn bei der Polizei ohnehin unerlässlich ist. Und eigentlich dürfte dem auch nichts im Wege stehen. Er erfüllt alle Voraussetzungen und ist ein Neu-Deutscher, wie ihn sich die meisten Alt-Deutschen wünschen.

Umso schockierter waren er und seine Familie, dass die Beamten in Oldenburg, die den Antrag zu bearbeiten hatten, die Einbürgerung ablehnten. Ruth Bensmail beschreibt das so: „Die deutsche Staatsangehörigkeit wird ihm bis heute verweigert! Denn Martin kann nicht beweisen, dass ‚Qassemi‘ sein richtiger Nachname ist. Das einzige offizielle Dokument, das er je besessen hat, ist eine Abstammungsurkunde, in der nur sein Vorname und die Namen seiner Eltern und Großeltern auftauchen. Das ist bei afghanischen Urkunden nicht unüblich.

Die Behörde machte ihm daraufhin einen irrwitzigen Vorschlag: Er solle in seinen Geburtsort in Afghanistan reisen, um nach Bekannten zu suchen, die seine Identität bestätigen. Dabei enthält der für Martin ausgestellte Flüchtlingsausweis den Vermerk: ‚berechtigt nicht zur Einreise nach Afghanistan.‘ Auch der aktuelle Vorschlag der Behörde, Martin solle sich einen Anwalt in Kabul suchen, ist völlig unrealistisch. Denn auch ein Anwalt kann keine Dokumente auftreiben, die es nie gegeben hat. Dabei ist die Richtigkeit seines Nachnamens bisher nie angezweifelt worden.

Wir haben Martin tief in unser Herz geschlossen und wollen, dass ihm in der Zukunft alle Chancen offen stehen. Doch die Stadt Oldenburg stellt sich seinen Träumen in den Weg. Denn sie beharrt noch immer auf diesen Identitätsnachweis. Dabei könnte sie von dem im Staatsbürgerschaftsgesetz festgelegten Ermessensspielraum Gebrauch machen!“

Im Gegensatz zu vielen Asylbewerbern, die absichtlich ihre Papiere verlieren, um nicht abgeschoben zu werden, hätte Martin dazu keinen Grund. Dass er ein Hazara aus Afghanistan ist, ist unbestritten, ebenso sein Bleiberecht, egal wie er genau heißt. Stattdessen plagt die Oldenburger Beamten die Frage, wie ein anerkennenswerter Bescheid eines afghanischen Standes- oder Einwohnermeldeamtes auszusehen hat. Dass das amtliche Personenstandswesen anderswo in der Welt nachlässiger gehandhabt wird als hierzulande und in Kriegs- und Katastrophenzeiten auch mal vollkommen zusammenbricht, ist in Oldenburger Amtsstuben noch unbekannt.

Menschen, die zu weniger Respekt vor Behörden und Ämtern neigen, würden wahrscheinlich empfehlen, sich einfach von einem fachkundigen Exil- Afghanen ein Dokument drucken und ausfüllen zu lassen, vielleicht noch mit ein paar schönen Phantasie-Stempeln verziert. Wenn es amtlich genug aussieht, käme man damit wahrscheinlich durch, denn die Echtheit könnte in den Oldenburger Amtsstuben ohnehin nicht überprüft werden. Doch Martin, der ja deutscher Polizeibeamter werden will, hat darüber wahrscheinlich nicht nachgedacht. Seine Mutter sammelt stattdessen Unterschriften für eine Petition an die niedersächsische Landesregierung.  Die können wir als sichtplatz-Redaktion nur unterstützen und anderen zur Unterstützung empfehlen. Einem, der wirklich Deutscher werden will, kann man das doch nicht mit solch fadenscheinigen Begründungen verwehren.

Die Petition finden Sie hier

1 Kommentar

  1. marco

    Wussten sie das Deutsche aus Polen keinen Pass bekommen haben wenn sie keinen Antrag vor der Wende gestellt hatten?Das man deutsch von den Eltern gelernt haben musste und den Sprachtest nur 1 mal machen durfte?So kam es schon mal vor das Eltern und Geschwister einen Pass bekamen ein anderes Kind aber nicht.Also ELtern beide Deutsch(stand im Ostblock sogar im Pass)Kinder nicht…aber wenn sie einen Deutschen Schäferhund als einen Belgischen ausgeben werden sie wegen Betrug verklagt.Finde nur ich das komisch?

    Achja in Pakisten etx. gibt es tausende Kinder die weder Deutsche Eltern haben nich ein Wort deusch sprechen und trotzdem „Deutsch“ sind.Wie das?Der Vater hat irgendwie den Pass bekommen,meist durch Heirat ist dann zurück in die Heimat(vermutlich zu seiner alten Frau)und alle neuen Kinder sind DEUTSCHE!

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