„Alternative Erzählungen zum Kapitalismus“

Wenn es keine Gewalttaten bei Protesten wie kürzlich vor der Europäischen Zentralbank oder demnächst beim G7-Gipfel gibt oder brennende Autos und Angriffe auf Polizeiwachen, wird die linksradikale Szene in den meisten deutschen Medien eigentlich ignoriert. Niemand nimmt zur Kenntnis, wenn sich Gruppen zusammenschließen, wie jüngst in Berlin. Einzig die taz1 nahm beispielsweise zur Kenntnis, dass sich die linksradikale Gruppe Fels jetzt den Interventionistischen Linken (IL) anschließt, und lässt zwei Aktivisten2 im Interview die Hintergründe erklären. Schließlich hatten zuvor schon – von der Öffentlichkeit weitgehend unbemerkt – kleine linksradikale Gruppen den Weg zu den Interventionistischen Linken gefunden.

Bei den Fels-Vertretern, so lernen wir, dauerte es etwas länger, wegen der „Bedenken über den Prozess und seine Geschwindigkeit. Einige befürchten, dass sich bei einer Organisation dieser Größe Bürokratismus und Kader herausbilden.“ Andererseits müssen organisatorische Dinge geklärt werden, an die der Laie nicht denkt. „Das Besondere liegt eher im Kleinen. Weil sich bei uns auch Flüchtlinge organisieren, finden unsere Plena mit Flüster- oder Simultanübersetzung statt. Auch haben wir organisatorische Strukturen entwickelt, die uns die Arbeit in einer Gruppe mit über 100 Mitgliedern ermöglicht. Diese werden jetzt von der IL zum Teil übernommen.“

Zu den linksradikalen Mitstreitern erfährt der Leser immerhin: „Es gibt keinen Style, den man tragen oder das Konzert, das man besuchen muss. Viele Mitglieder stechen einem nicht als Hardcore-Linksradikale ins Auge, haben Vollzeitjobs und Kinder.“

Und die nächsten Ziele? „Die IL ist ein Organisierungsversuch, den es in diesem Spektrum in den vergangenen 30 Jahren nicht gab. Wir wollen die Kräfteverhältnisse verschieben und alternative Erzählungen zum Kapitalismus anbieten. Wir müssen auf kleiner Ebene Projekte entwickeln, in denen Menschen sich selbst organisieren und Gemeingüter schaffen.“

Und auf konkrete Nachfrage des Kollegen von der taz, woran in Berlin konkret gearbeitet werde: „Laufende Projekte wie Blockupy oder der Kampf um das Bleiberecht gehen weiter. Das neue Projekt ist der Mietenvolksentscheid. Er beinhaltet für uns wichtige Anknüpfungspunkte wie Rekommunalisierung, MieterInnenräte oder den Stopp von Zwangsräumungen. Wir wollen aber auch noch tiefer gehen und diskutieren, ob privates Wohneigentum nicht enteignet und vergesellschaftet werden kann, statt es mit öffentlichen Mitteln aufzukaufen.“

Damit können sie ja dann demnächst noch mehr Breite gewinnen, denn Enteignen gehört ja auch bei den meisten weniger radikalen Linken zu den Zukunftskonzepten. Das gesamte Interview und weitere Erklärungen zu den Gruppen finden Sie hier

2 Hier schreibt selbst die taz, Vorreiterin der „geschlechtergerechten“ Sprache von „Aktivisten“ und nicht „AktivistInnen“, obwohl auch eine Interviewpartnerin dabei ist.

Schreiben Sie einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.

Diese Website verwendet Akismet, um Spam zu reduzieren. Erfahre mehr darüber, wie deine Kommentardaten verarbeitet werden.