Angst vor dem Homophobie-Ruf

Etwas Homophobes zu schreiben, gehört heutzutage in den Medien zu den schlimmeren Gesinnungsverfehlungen. Und wer versehentlich etwas Homophobes gedruckt hat, kann sich nur noch öffentlich in „Kritik und Selbstkritik“ üben.

Auch wer ehrlichen Herzens jegliche Diskriminierung vermieden sehen möchte, fühlt sich vielleicht dennoch an dieses Ritual kommunistischer Kaderorganisationen erinnert, bei dem sich entlarvte Abweichler von ihren Verfehlungen distanzierten und reumütig ihre Fehler bekannten, wenn er oder sie jüngst zwei Stellungnahmen des Westfalen-Blatts zu einem zuvor veröffentlichten Artikel gelesen hat.

Redaktionsleiter Ulrich Windolph wird wahrscheinlich bis zum 17. Mai der wöchentlichen Kolumne „Guter Rat am Sonntag“ nicht die allergrößte Priorität zugemessen haben. Auch in Lokal- und Regionalzeitungen gibt es normalerweise brisantere Themen, als die Ratgeber-Antworten auf allgemeine Lebensfragen der Leser. Doch am 17. Mai antwortete Diplom-Soziologin Barbara Eggert auf die Frage eines Lesers, ob er seine sechs und acht Jahre alten Töchter Blumen streuen lassen solle, wenn sein Bruder die Hochzeit mit einem Mann feiert. Auf diese Frage kann es logischerweise nur eine Antwort geben, die nicht als homophob gilt: Ja!

Barbara Eggert hingegen empfahl Zurückhaltung. Daraus konnte man Verständnis für Menschen herauslesen, die eine Homo-Ehe ablehnen und ihre Kinder dieser Wirklichkeit nicht aussetzen möchten. Weil solch rückwärtsgewandtes Gedankengut in der heutigen Zeit keinen Platz in einer Publikation haben darf, hagelte es empörte Reaktionen. Homophobie ist schließlich nicht zu tolerieren.

Nun soll es hier nicht darum gehen, darüber zu diskutieren, dass das Recht auf freie Meinungsäußerung auch für Homophobe gilt, solange sie nicht in strafrechtlich relevante Bereiche wie Beleidigung oder Volksverhetzung abdriften. Genau deshalb muss sich auch jeder Redakteur und Redaktionsleiter ausgiebig und vernehmlich davon distanzieren können, wenn ihm so etwas versehentlich ins Blatt gerutscht sein sollte, weil er es einfach nicht gelesen hat. Nur hier erinnert der Stil, in dem das geschieht fatal an die überzeugungslosen Bekenntnisse zur richtigen Weltanschauung, wie man sie aus ideologiegeprägten Diktaturen kennt. Hier kommt keine selbstbewusste eigene Positionierung, sondern eine Entschuldigung, die nur von der Angst getrieben ist, in den Ruf der Homophobie zu geraten: „Sehr selbstkritisch müssen wir einräumen, dass in der Kolumne so formuliert wird, dass der Text Kritik geradezu herausfordert. Das ist unzweifelhaft eine gravierende journalistische Fehlleistung, die die Redaktion in vollem Umfang zu verantworten hat. Wenn die Rede davon ist, dass die Kinder ‚verwirrt werden‘ könnten, dann fehlt zwingend die Erklärung, woraus dies resultieren könnte – nämlich nicht aus dem Besuch einer Hochzeit zweier Männer an sich, sondern dadurch, dass den beiden Töchtern des Ratsuchenden bisher jegliche Aufklärung über Homosexualität fehlt.

Diese Entscheidung der Eltern ist sicher für sich genommen diskussionswürdig. Wir halten sie mit Blick auf das Alter der Töchter – die Mädchen sind acht und sechs Jahre alt – allerdings durchaus für legitim. Selbstredend kann das jeder Erziehungsverantwortliche für sich selbst und seine Schutzbefohlenen natürlich anders sehen und handhaben. Diese Eltern aber haben für sich so entschieden, und auf dieser Entscheidung wiederum fußt der Rat unserer Autorin.

Barbara Eggert erklärt persönlich: ‚Hier geht es nicht um meine Weltanschauung oder einen gesellschaftlichen Konflikt, sondern um ein ganz privates, nicht repräsentatives Problem eines verunsicherten Vaters. Ich habe ihm geschrieben, dass seine Kinder vielleicht nicht liberal genug erzogen wurden und ihm geraten, ein offenes Gespräch mit seinem Bruder zu suchen, um seinen Standpunkt zu erklären. Ich bin der Meinung, dass man alle Menschen ernst nehmen und respektieren muss, auch die, und gerade die, die anders denken als man selbst, alles andere würde mir intolerant erscheinen.‘

Geradezu absurd ist vor diesem Hintergrund der Verdacht, das WESTFALEN-BLATT empfehle ‚Kinder von Homosexuellen fernzuhalten‘. Dem widerspricht schon das geschilderte Ausgangsszenario seitens des Familienvaters, wonach seine beiden Töchter in gutem Kontakt zu ihrem Onkel stehen. Auch ging es im vorliegenden Fall um eine ganz konkrete Lebenssituation und nicht um eine generelle Handlungsempfehlung. Diese steht uns weder zu noch würden wir sie uns anmaßen.“1

Das schrieb Redaktionsleiter Ulrich Windolph am Dienstag, dem 19. Mai und hatte keinen wirklichen Erfolg. Also versuchte er nicht mehr, um Verständnis für seine Autorin zu werben, sondern kündigte am nächsten Tag drastischere Maßnahmen an: „Der Artikel der freien Autorin Barbara Eggert in der Sonntagszeitung ‚OWL am Sonntag‘ vom 17. Mai hätte so in keinem Fall erscheinen dürfen. Er war fälschlicherweise mit der Redaktionsleitung nicht abgestimmt, und die Unternehmensgruppe WESTFALEN-BLATT distanziert sich ausdrücklich von seinem Inhalt. Zugleich trägt die Redaktion die volle Verantwortung für diese sehr gravierende journalistische Fehlleistung. Wir bitten für diesen Fehler um Entschuldigung. Frau Eggert wird fortan nicht mehr für uns schreiben, wir werden ihre Kolumne beenden.“2Keine Diskussion!

Vielleicht wäre es ein guter Anlass gewesen, darüber zu diskutieren, wo denn Homophobie beginnt? Gerade jetzt wäre es doch interessant, zu lesen, welche Kritik an politischen Forderungen und Maßnahmen, die mit der Verwirklichung von Gleichstellung begründet werden, allgemein noch als diskussionswürdig oder schon als homophob gilt. (Stephan Friedrichs)

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