„Ihr werdet Jerusalem erobern“

Der türkische Präsident Erdogan feiert die osmanische Besetzung Konstantinopels im Jahr 1453 mit kämpferischen Sprüchen. Er will „in Jerusalem wieder die Fahne des Islam wehen lassen“. Wie er daran arbeitet, will er die Welt noch nicht wissen lassen. Journalisten, die von türkischen Waffenlieferungen an syrische Extremisten berichtet hatten, hat Erdogan höchstpersönlich bedroht.

Sultan Saladin vertrieb im Jahr 1099 die Kreuzritter aus Jerusalem. Am 29. Mai 1453 besetzten die Truppen von Sultan Mehmed II. in Konstantinopel. Der heutige Präsident Recep Tayyip Erdogan lässt sich gern in eine Reihe mit den siegreichen Sultanen stellen, wie er es auch gern sieht, wenn die einstige Größe des Osmanischen Reiches herausgestellt wird. Und weil in der Türkei gerade Wahlkampf ist und der Autokrat Erdogan den Umstand ignoriert, dass ihm die Verfassung eigentlich jegliche Parteinahme vor der Parlamentswahl verbietet, ruft er gemeinsam mit Ministerpräsident Davutoglu die Massen zur werbewirksamen Feier des 562. Jahrestages des Sieges in Konstantinopel.

Was er sagte, zeigte seinen gewohnten Hang zur Führerrede, allerdings ist die Marschrichtung schon bemerkenswert: „Eroberung heißt Mekka. Eroberung heißt Sultan Saladin, heißt, in Jerusalem wieder die Fahne des Islams wehen zu lassen.“ Schon der Redner im Vorprogramm hatte die Massen darauf vorbereitet: „Ihr seid die Generation, die Damaskus und Jerusalem erobern wird“, rief er der Menge zu. Und Erdogan setzte nach – ganz religös: „Ihr könnt euch noch so anstrengen, ihr werdet uns nicht dazu bringen, auf unsere erste Qibla zu verzichten.“[1] Die Qibla ist die Gebetsrichtung der Muslime, und bevor sie sich nach Mekka wandten, hatten sie gen Jerusalem gebetet.

Wenn irgendein Führer einer islamistischen Terrorgruppe oder ein Mann wie der frühere iranische Präsident Ahmadinedschad zum Sturm auf Jerusalem aufruft, mag das noch als erwartbare Folklore durchgehen. Doch hier redet das Staatsoberhaupt eines NATO-Partners und sein Ziel liegt in Israel, dessen Sicherheit nach den Worten der Bundeskanzlerin Teil der deutschen Staatsräson ist. Solche Ausfälle – die bei Erdogan ja keinesfalls einmalig sind – sollten politisch Verantwortliche auch hierzulande eigentlich alarmieren. Doch die meisten ziehen es vor, derlei gepflegt zu ignorieren. Glücklicherweise hat Deniz Yücel in der Welt von dieser Rede berichtet.[2] Ohne ihn hätte auch keiner in Deutschland diese bezeichnenden Sätze des Ministerpräsidenten Davutoglu lesen können: „Alle, die behaupten, Jerusalem sei die heilige Stadt der Juden, sollen sich noch einmal dafür schämen. Sie sollen sich schämen! […] Jerusalem gehört für immer den Kurden, den Türken, den Arabern, den Muslimen!“

Und der Präsident ergänzte: „Wir werden den Verrätern nicht nachsehen, die behaupten, 1453 habe die Unterdrückung angefangen, die vom Völkermord an den Armeniern reden“. Mit „Verrätern“ rechnet Erdogan ohnehin gern ab.  Ebenfalls in einer Rede, aber einen Tag später, drohte Erdogan den Journalisten der regierungskritischen Zeitung Cumhuriyet, denn ihre Berichterstattung grenze an Spionage und sie werden dafür „schwer bezahlen“ müssen. Passend dazu ermittelt die Staatsanwaltschaft wegen Verbreitung von Terrorpropaganda und Spionage gegen die Zeitung.  Die Geschichte, die Präsident und Staatsanwaltschaft so erzürnen, klingt in der Tat brisant. Es geht um eine mögliche Waffenlieferung des türkischen Geheimdienstes MIT an syrische Extremisten.  Der MIT habe Anfang letzten Jahres Rebellengruppen dabei unterstützt, Waffen ins benachbarte Syrien zu schmuggeln.[3]

Doch zurück zu Erdogans Jubiläums-Rede. Deniz Yücel beschreibt dankenswerter auch das Publikum etwas genauer. Zwar konnten Erdogans Anhänger vermelden, dass sich Hunderttausende eingefunden hätten, doch die waren bei weitem nicht so begeistert, wie es offizielle Bilder von Erdogan-Auftritten suggerieren. Die begeisterten Sprechchöre wie „Hier der Führer, hier die Armee“, mit denen Erdogan-Reden üblicherweise unterbrochen und untermalt werden, waren nur verhältnismäßig selten zu hören. Und so ganz freiwillig schienen viele der Versammelten auch nicht gekommen zu sein. Es gab im Vorfeld Schreiben einiger Istanbuler Behörden an ihre Mitarbeiter, in denen sie aufgefordert wurden, zu dieser Kundgebung zu kommen. Schulen hatten genaue Anweisungen bekommen, wie viele Lehrer und Schüler sie abzustellen hätten, so wie man das aus Diktaturen kennt, in denen die Untertanen der Jubelveranstaltungen des Regimes überdrüssig geworden sind. Vielleicht schlägt sich dieser Überdruss ja in den Wahlergebnissen nieder, trotz der massiven Propaganda. (Pierre Zorn)

[1] http://www.welt.de/politik/ausland/article141707165/Erdogan-schwaermt-von-der-Eroberung-Jerusalems.html

[2] Ebd.

[3] http://derstandard.at/2000016761662/Erdogan-droht-Journalisten-werden-fuer-Artikel-schwer-bezahlen

 

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