Unser Mann für Erdogan

Er war grüner Politiker in Deutschland, saß für die SPD im Europaparlament, ist immer noch deutscher Genosse und will gleichzeitig als Anhänger Erdogans ins türkische Parlament einziehen. Ein sehr schönes Beispiel für gelungene doppelte Staatsbürgerschaft also.

In seinem Wikipedia-Eintrag wird Ozan Ceyhun immer noch als „deutscher Politiker mit türkischen Wurzeln“ beschrieben. Inzwischen ist er eher ein türkischer Politiker, der wie sein Idol und Führer Recep Tayyip Erdogan von der neuen Größe seines Landes unter der Führung des Präsidenten schwärmt. In Ceyhuns Welt stehen diesem Weg in eine glückliche Zukunft nur noch uneinsichtige Kemalisten, türkische Sozialdemokraten, regierungskritische Journalisten und Demonstranten, sowie Gegner des Islam und ausländische Feinde entgegenstünden.

Ozan Ceyhuns politische Karriere ist wirklich interessant. Vor der Militärdiktatur in seiner Heimat flieht als Jugendlicher 1980 nach Deutschland. In den achtziger Jahren schließt er sich den Grünen an. Eine richtige Entscheidung, denn zu dieser Zeit genießt man mit einer Herkunft, die später Migrationshintergrund heißen wird, vor allem in dieser noch jungen Partei einen Bonus. Sein damaliger Freund Cem Özdemir zeigt beispielhaft, welche Möglichkeiten in einer solchen Karriereentscheidung steckten. Doch Ceyhun war nicht der gleiche Erfolg vergönnt. Er brachte es zwar 1998 bis zum Europaabgeordneten seiner Partei, doch dann kriselte das Verhältnis zu den Parteifreunden. Der Abgeordnete im Europäischen Parlament suchte nach einer neuen politischen Heimat.

Mittlerweile hatte sich der Zuwandererbonus auch in anderen Parteien etabliert und Ceyhun konnte ohne Verluste zur SPD wechseln. Für die machte er Wahlkampf, so engagiert, dass ihn Bundeskanzler Gerd Schröder zum Dank empfing. Doch – so schreibt er später selbst in einem Buch – als der Kanzler fragt, ob Genosse Ozan ihm erklären könne, warum die Türken gerade diesen Erdogan gewählt haben, will Ceyhun erkannt haben, dass er immer der Türke bleiben werde.

Vielleicht war es aber doch vor allem der deutsche Wähler, der 2004 die politische Laufbahn des integrierten Sozialdemokraten und Europaabgeordneten jäh bremste. Die SPD kassierte eine heftige Niederlage bei der Europawahl und so ging auch Ceyhuns Mandat in Brüssel und Straßburg verloren. Da die Sozialdemokraten in dieser Zeit reihenweise Wahlen verloren, fand sich auch kein anderes angemessenes Ersatzamt für ihn, denn es gab einfach zu viele Ex-Mandatsträger unter den Sozialdemokraten. Für eine weitere politische Karriere in Deutschland standen die Zeichen nun schlecht.

Hatte er mit der Einbürgerung in die neue Heimat also aufs falsche Pferd gesetzt?  Zu der Zeit, als er seinen deutschen Pass bekam, hatte er ja seine alte Staatsbürgerschaft eigentlich abgeben müssen. Die generelle doppelte Staatsbürgerschaft war seinerzeit lediglich eine politische Forderung seiner Genossen und der Grünen. Aber der Genosse Ceyhun nahm den Doppelpass für sich nun schon einmal vorweg und beantragte einen türkischen Pass, zusätzlich zum deutschen. Das gilt mittlerweile ohnehin offiziell als integrationsfördernd.

Ist Ceyhun nun ein gutes Beispiel dafür? Ohne Doppelpass hätte er seine politische Karriere in Erdogans Türkei gar nicht beginnen können. Hier gilt er als ein Mann, der vom Präsidenten für künftige höhere Ämter vorgesehen ist.  Dafür hat er hart gearbeitet und auch manche Freundschaft geopfert. Wie die zu Cem Özdemir beispielsweise, den er inzwischen öffentlich angreift, weil Özdemir es wagt, Erdogan zu kritisieren. Noch bevor Ceyhun ausersehen wurde, für die AKP in Izmir zu kandidieren, begann er die Erdogan-Linie zu vertreten. Nicht nur, indem er fortan als Berater für türkische Minister arbeitet, er betreibt auch immer stärker Propaganda für Erdogan. Sein 2010 erschienenes Buch „Man wird nie Deutscher“ liegt ganz auf der Linie des Präsidenten, nach der Assimilation ein Verbrechen und das Bekenntnis zum Türkentum unabdingbar ist. Auch wenn man spätere Artikel von ihm liest, zeigt sich ein für einen Sozialdemokraten doch recht eigenwilliges Weltbild.

Die autokratische Erdogan-Herrschaft, konsequente Islamisierung inklusive, ist für ihn der Weg aus der “kemalistischen Oligarchie in die Demokratie“.[1] Und überall lauert die Verschwörung der Erdogan-Feinde: „Eine uns, sowohl in der Türkei, als auch in Deutschland, bekannte Mediengruppe der sektenartigen Gülen-Gemeinde arbeitet seit dem 17. Dezember 2013 vergeblich daran mit allen Mitteln die Regierung Erdoğan zu stürzen. Auf ihr Konto gehen illegale Abhöraktionen, Manipulation, Geheimnisverrat und Spionage. Sie zählt zu den gefährlichsten Organisationen in der Türkei. Dann haben wir noch die Grünen, die sich mit einer maßlosen Türkei-Kritik profilieren. Natürlich schlafen die traditionellen Türkei-Gegner, zumindest was den EU-Beitritt betrifft, im christdemokratischen Umfeld auch nicht.“[2]

Die Demonstranten, die im vergangenen Jahr in den Großstädten gegen die immer autokratischere Herrschaft Erdogans auf die Straße gingen und die Sympathie beinahe aller westeuropäischen Demokraten genossen, sind für ihn  nur islamfeindliche Randalierer: „In Istanbul, Ankara, Izmir oder auch in Adana wurden durch umherziehende Gestalten welche mit Bierflaschen in der einen Hand und Fahnenstangen in der anderen, gezielt Autos mit Kopftuch tragenden Insassen angegriffen.“[3]

Wer so schreibt, passt gut in Erdogans Mannschaft. Aber wünscht sich die SPD so ihre integrierten Genossen mit Migrationshintergrund? Es ist auf jeden Fall eine Karriere, die nur mit Doppelpass möglich ist. Aber soll das wirklich helfen, Spaltungen in der Gesellschaft zu überwinden, weil es denen, denen das Privileg einer Doppelstaatsbürgerschaft zugestanden wird, eine schmerzhafte Entscheidung zu einer staatsbürgerlichen Zugehörigkeit erspart? So wird es ja allenthalben behauptet. Vielleicht lohnt es sich, über das Zusammengehen von Einwanderung und Bewahrung einer Gesellschaft noch einmal etwas freier und unideologischer nachzudenken. (Stephan Friedrichs)

 

[1] http://deutsch-tuerkische-zeitung.de/bitte-kein-oel-ins-feuer-giessen/#sthash.Upj9aPcI.dpuf

[2] Ebd.

[3] http://deutsch-tuerkische-zeitung.de/die-brutalen-kemalisten-von-kabatas-3/#sthash.oV5TZygx.dpuf

 

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