„Von Völkerwanderung sprechen“

„Was die afrikanischen Flüchtlinge betrifft, fürchte ich, werden wir bald nicht mehr von Migration sprechen, sondern von Völkerwanderung“, sagt der äthiopisch-deutsche Schriftsteller, Historiker und Wirtschaftsberater Prinz Asfa-Wossen Asserate. Schlimm ist es vor allem, dass die Menschen auswandern, die der Kontinent eigentlich dringend braucht. Aber statt sich der schwerwiegenden Konsequenzen zu stellen, die eine Bekämpfung der Fluchtursachen mit sich brächte, reden europäische Politiker lieber über Willkommenskultur, Seenotrettung im Mittelmeer und lassen Container-Barracken und Zeltsiedlungen in ihren Städten errichten.

„Was machen wir in Europa, wenn bald nicht mehr Tausende von Afrikanern zu uns drängen, wie wir das heute sehen, sondern Millionen Menschen sich auf den Weg machen? Wenn diese Menschen sagen: ‚Ihr könnt euer Militär schicken oder Bomben werfen, wir gehen weiter, denn in unseren Heimatländern gibt es keine Hoffnung mehr auf ein menschenwürdiges Leben.‘ Das größte Rätsel für mich ist dabei, warum die Europäer bisher fast ausschließlich versuchen, die Symptome des Problems zu behandeln.“, sagt Asserate in einem Interview mit der FAZ[1]. Eigentlich spricht er nur aus, was jeder wissen kann, aber niemand aussprechen mag. Deshalb liest oder hört man solche klaren Worte in deutschen Medien leider selten. Die praktischen Fragen der Flüchtlingsunterbringung stehen normalerweise im Vordergrund. Und da es die beteiligten Behörden vielerorts leider auch schaffen, die Nachbarn der neuen Heime im Vorfeld möglichst nicht über ihre Pläne zu informieren, geschweige denn, sie an den Planungen zu beteiligen, gilt es auch noch, auf Proteste und Ressentiments zu reagieren. Das wiederum geht am Einfachsten und ohne das eigene Verwaltungshandeln in Frage zu stellen, wenn man von unzufriedenen Nachbarn mehr Willkommenskultur fordert und vor Rechtsextremisten warnt.

Asserate hingegen versucht uns wachzurütteln, denn kein Grenzzaun wird den Ansturm aufhalten können. Wir müssen die Fluchtursachen bekämpfen. Das war früher auch mal ein Standardsatz, doch vielleicht wird er politisch nicht mehr verwendet, nachdem die Politiker über die praktischen Konsequenzen nachgedacht haben. Doch zurück zu Prinz Asserate, der auf das Beispiel Eritrea hinweist, das Heimatland vieler Asylbewerber: „Ein Drittel der Bevölkerung ist mittlerweile aus diesem Land geflohen, das vor einigen Jahrzehnten mit großen Hoffnungen in die Unabhängigkeit aufbrach. Heute ist Eritrea eine der schlimmsten Diktaturen der Welt. Es gibt keine Pressefreiheit, keine Religionsfreiheit, keine Versammlungsfreiheit. Der gesamte private Sektor wurde de facto abgeschafft. Es gibt keine Verfassung, keine unabhängige Justiz, keine Rechtsstaatlichkeit.“ Und Eritrea ist in Afrika leider kein Einzelfall. Das Fazit ist klar: „Die größten Exporteure von Migranten auf dieser Welt sind afrikanische Gewaltherrscher und Diktatoren, die ihrem eigenen Volk keine Hoffnung lassen auf ein menschenwürdiges Leben. Das Verheerende ist dabei, dass ein Großteil dieser Regime auch noch von europäischen Steuergeldern alimentiert wird.“

Die Forderung an unsere verantwortlichen Politiker klingt radikal: Die sogenannte Realpolitik muss ein Ende finden.“  Diktatoren dürfen nicht mehr aus wirtschaftlichen Interessen geschont werden, weil ihr Land wertvolle Rohstoffvorkommen hat. Dass die Europäer in solchen Fällen ihre Werte ganz schnell verkaufen und verraten, sehen die von ebendiesen Diktatoren beherrschten ganz genau. Asserate sagt, dass Europas Ruf dadurch in Afrika schon erheblich gelitten hätte.  Künftig sollten die Europäer in ihrem eigenen Interesse Entwicklungshilfe und Wirtschaftsinvestitionen an Bedingungen knüpfen, damit nicht weiterhin die Gewaltherrscher profitieren, die andererseits viele Landeskinder zur Auswanderung treiben.

„Natürlich ist die Gefahr nicht von der Hand zu weisen, dass die Chinesen in jede Lücke springen werden, die der Westen lässt. Ich bin wahrlich nicht naiv. Ich bin jedoch überzeugt davon, dass eine europäische Afrika-Politik, die europäische Grundwerte außer Acht lässt, zum Scheitern verurteilt ist“, sagt der äthiopisch-deutsche Autor. Er glaubt auch nicht, dass sich die afrikanischen Herrscher von der Auswanderungswelle beunruhigt fühlen, obwohl nicht nur die Europäer beunruhigt sein sollten: Manche der Diktatoren scheinen tatsächlich Glücksgefühle damit zu verbinden, wenn junge, nicht anpassungswillige Menschen massenweise weggehen. Das Problem der Jugendarbeitslosigkeit, der Perspektivlosigkeit, der Unzufriedenheit und Aufmüpfigkeit wird damit exportiert. Und später schicken die Emigrierten vielleicht sogar Geld an die zurückgebliebenen Verwandten, unterstützen damit die heimische Wirtschaft und indirekt auch das verhasste Regime. Die meisten der afrikanischen Flüchtlinge kommen nicht aus Bürgerkriegsländern. Die wenigsten sind direkt vom Hungertod bedroht. Viele gehören dem unteren Mittelstand an und sind verhältnismäßig gut ausgebildet. Aber sie haben jede Hoffnung verloren und sind bereit, für die Aussicht auf ein besseres Dasein ihr Leben zu riskieren. Jedes Land in Afrika sollte eigentlich verzweifeln angesichts des massenhaften Exodus seiner Hoffnungsträger.“

Letztlich fordert Asserate nichts anderes, als ein offensives Einmischen in die inneren Angelegenheiten der Staaten, aus denen die meisten Einwanderer kommen. Doch eine solche Einmischung zöge sofort den Kolonialismus-Vorwurf nach sich. Seine Antwort darauf: „Die Europäer könnten zu den heutigen Herrschern mit Recht sagen: ‚Ihr seid viel schlimmere Unterdrücker eures eigenen Volkes geworden, als wir das jemals gewesen sind.“ Und in der Tat: Afrikanische Diktatoren wie Mengistu Haile Mariam in Äthiopien, Mobuto Sese Seko in Zaire, Idi Amin in Uganda, Samuel Die in Liberia oder auch der Völkermord an den Tutsi in Ruanda sind ein grauenerregender Beleg für diese These.“

Selbst wenn das richtig ist, so wird es wahrscheinlich diejenigen, die hierzulande im Kampf gegen afrikanische Fluchtursachen ebenfalls Kolonialismus sehen, nicht beruhigen. Zumal sich die Europäer die Frage stellen müssen, wie weit würden sie denn den Konflikt mit einem unwilligen Diktator eskalieren lassen? Über die Kriegsgebiete hat die FAZ mit Asserate an diesem Tag nicht gesprochen. Was die Bekämpfung von Fluchtursachen dort in letzter Konsequenz bedeuten würde, mag sich niemand ausmalen. Nicht nur, dass man dazu selbst in einen Krieg ziehen müsste – vor allem hat der Westen in den letzten Jahrzehnten fast immer bei der Gestaltung der Nachkriegsordnungen versagt. Mit einem inkonsequenten und nicht bis zum Ende durchdachten Versuch, Fluchtursachen zu bekämpfen, schafft man wahrscheinlich nur neue. Das betrifft ja leider nicht nur Afrika.

[1] FRANKFURTER ALLGEMEINE ZEITUNG, FREITAG, 17. JULI 2015 · NR. 163 · SEITE 11

1 Kommentar

  1. nanunana

    Endlich einmal jemand, der das Problem auf den Punkt bringt. Wenn Millionen nach Europa, vorrangig Deutschland auswandern, wird dies auch die Konflikte in Europa befeueren. Wir sehen ja jetzt schon brennende Heime und Übergriffe gegen Flüchtlinge aber auch Übergriffe von Flüchtlingen gegen Einheimische. Ja, Europa muss mehr tun, aber nicht so, dass wir noch mehr Menschen aufnehmen, sondern dass wir die Perspektiven in Afrika verbessern und die zahlosen Bürgerkriege im arabischen Raum endlich beenden. Da müssen wir uns einmischen und dies ist wie der Schriftsteller zurecht sagt, auch zwingend notwendig, auch um die Sicherheit im eigenen Land zu gewährleisten und den Wohlstand zu erhalten. Die Politik ist dies der eigenen Bevölkerung schuldig. Die sogenannte Willkommenskultur ist dumm und grundverkehrt. Statt die Mittel hierauf zu verschwenden, sollten sie konzentriert werden auf ein aktives Einmischen in den betroffenen Ländern, wegen mir auch militärisch.

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